In der bekannten Porzellan-Stadt Selb sind seit Ende des 19. Jahrhunderts wenige jüdische Personen / Familien zugezogen, ohne dass es zur Bildung einer jüdischen Gemeinde gekommen ist. 1932 lebten 12 jüdische Personen in der Stadt, die der IKG Hof angeschlossen waren. Im Alltag von Selb spielten vor allem Kaufmann Willi Rosenthal und seine Frau eine nennenswerte Rolle, das sie das Kaufhaus "Thorn" im Badershof innehatten.
Im Oktober 1936 wurde Max Wolfrum wegen angeblicher Übertretung der Devisenbestimmungen zu eineinhalb Jahren Gefängnis und zu einer Geldstrafe vom 20.000 RM verurteilt. Im November 1936 wurde Willy Rosenthal wegen "unsozialem Verhalten" festgenommen. Im September 1939 wurde der betagt Joca Waldmann verhaftet und nach Nürnberg in das Gefängnis verbracht und kam erst im Mai 1942 wieder frei. Von den in Selb geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa Rosenthal geb. Birkenstein (1877), Willi Rosenthal (1872), Isidor Waldmann (1871), Erna Ziegler geb. Rosenthal (1903). Zur Erinnerung an die Schicksale der genannten vier Personen verlegte der Künstler Gunther Demnig (*1947) Ende Juni 2011 Stolpersteine: für das Ehepaar Rosenthal im Badershof, für ihre Tochter Erna Ziegler in der Wilhelmstraße und für Isidor Waldmann in der Hainbergstraße.
Nach dem Sturz der NS-Diktatur richteten die US-Armee und die UNRRA in Selb Unterkünfte für "Displaced Persons" (DPs) ein, die aus den befreiten Konzentrationslagern kamen oder die Todesmärsche der letzten Kriegswochen überlebt hatten. Für sie beschlagnahmten die Militärbehörden privaten Wohnraum in der Hans-Schemm-Siedlung, wo sich auch die Zentrale der kleinen DP-Gemeinde befand (Sandstraße 33). Wie üblich verwaltete sie sich unter dem gewählten Vorstand von Moses Hauser, und Samuel Rosenzweig größtenteils selbst. Abgesehen von einem Sportverein "Kadima Selb" ist nichts über kulturelle oder religiöse Einrichtungen bekannt. Im Januar 1947 erreichte die DP-Gemeinde mit 93 Jüdinnen und Juden ihren Höchststand, dann sanken die Zahlen langsam. Nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 beschleunigte sich dieser Trend durch die vermehrte Auswanderung der DPs, und wohl im Laufe des Jahres wurde die Gemeinde aufgelöst.
(Patrick Charell)
Bevölkerung 1910
Literatur
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 164.
