Herzog Rudolf I. von Bayern (reg. 1294-1317) verlieh Schwandorf mit dem sog. Rudolfinum im Jahr 1299 gleichzeitig mit Amberg eine Reihe von Privilegien und vermerkte in diesem Dokument, dass Juden und Christen steuerlich gleichgestellt sein sollen. Zu jener Zeit sind zwar Juden in Amberg nachgewiesen, aus Schwandorf fehlen jedoch entsprechende Quellen. Die erste urkundliche Erwähnung eines jüdischen Stadtbewohners erfolgte erst im Jahr 1548 mit "Seligman Jud zu Schwandorff". Aus jener Zeit bis Anfang des 17. Jahrhunderts existierte im Ort zwar eine Judengasse (heute: Brauhausgasse), über jüdisches Leben ist jedoch nichts weiter bekannt.
Nachweise über jüdische Mitbürger in Schwandorf gibt es erst wieder aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.1899 ließ sich ein jüdisches Ehepaar aus Amberg nieder; ein Jahr später folgte ein Ehepaar aus Weiden. 1910 lebten 24 Jüdinnen und Juden in der Stadt; in den 1920er Jahren bestand die Schwandorfer Gemeinschaft aus knapp 30 Männern, Frauen und Kindern. Viele unter ihnen waren erfolgreiche und beliebte Geschäftsleute. Die Familien Friedmann, Karl und Kahn leiteten Textilwarenhäuser, Emil Levy war Geschäftsführer des Kaufhauses Krell, Familie Bloch besaß eine Schuhhandlung, andere Israeliten waren als Händler und Ärzte tätig. Die Regierung der Oberpfalz bestimmte 1903, dass alle Schwandorfer Jüdinnen und Juden der Kultusgemeinde Amberg als Mitglieder angehören sollten. Ihre Toten durften sie auf den jüdischen Friedhöfen in Regensburg, Amberg oder anderen umliegenden Orten begraben.
Unter dem NS-Regime hatte die Schwandorfer Juden von Anfang an durch Repressalien und antisemitische Hetzattacken zu leiden. Am 31. März 1933 bedrohten Wachen der SA, der SS und des Stahlhelm die jüdischen Geschäftshäuser. Einige Israeliten wurden vorübergehend verhaftet. In der Folgezeit hat man zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufgerufen und alle Jüdinnen und Juden aus den Vereinen ausgeschlossen. Im Oktober 1938 wurden im Geschäft Friedmann die Ladenfenster eingeworfen. Im Novemberpogrom (9./10.11.1938) zogen rund 40 randalierende SA-Männer durch die Stadt, demolierten jüdische Wohnhäuser und Geschäfte, misshandelten Juden auf den Straßen und brachten sie ins Gefängnis an der Wackersdorfer Straße. Am 11 November wurden elf jüdische Männer durch die Stadt und über den Marktplatz getrieben und dabei übelst beschimpft. Anschließend transportierte man sie in das KZ Dachau und ließ sie erst einige Wochen später wieder frei. Am 14. November mussten alle jüdischen Geschäfte aufgelöst werden. In den Monaten danach waren die jüdischen Familien gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen. Bis 1941 gelang einigen Schwandorfer Juden und Jüdinnen die Ausreise in die USA, nach Südamerika und nach England. Zwei Familien jedoch, die nach Regensburg und Berlin umgezogen waren, weil sie sich in der Anonymität der Großstadt Sicherheit erhofften, kamen in Konzentrationslagern um.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs richtete die US-Armee mit der UNRRA in Schwandorf eine Auffangstation für befreite DPs, viele von ihnen waren Juden. Der Verwaltungssitz und das kulturelles Zentrum der Jüdischen DP-Gemeinde Schwandorf befand sich im requirierten Gasthaus zum Weißen Rösl (Marktplatz 26), dem ehemaligen Haus der Familie Levy, wo sich einst der erste jüdische Betsaal Schwandorfs befunden hatte. Hier wurde auch wieder ein Betraum eingerichtet. Den DPs wurde beschlagnahmter Wohnraum im Ort zugeteilt. Für einige Jahre existierte dadurch eine große jüdische Gemeinde in der Stadt, die sich "Cheruth" nannte; die Höchstzahl erreichte sie im September 1947 mit 553 Mitgliedern, danach sank die Zahl wieder. Das gewählte Selbstverwaltungskomitee organisierte einen jüdischen Kindergarten, eine Volksschule, einen Sportclub (Hakoach Schwandorf) sowie eine Berufsschule mit Werkstatt, in der sich die DPs auf das geplante Pionierleben in Palästina vorbereiteten. Im nahen Armeekrankenhaus wurde eine jüdische Station eingerichtet. Anfang 1948 wurden die DPs aus Nabburg nach Schwandorf verlegt. Nach Gründung des Staates Israels im Mai wanderten die meisten von ihnen aus, und zu Beginn der 1950er löste sich die Kultusgemeinde wieder auf.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Barbara Eberhardt: Schwandorf. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 286-289.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 106.
