Jüdisches Leben
in Bayern

Schnodsenbach Gemeinde

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde von Schnodsenbach, heute ein Ortsteil von Scheinfeld, dürfte Ende des 17. / Anfang des 18. Jahrhunderts liegen. Schnodsenbach war Teil der Grundherrschaft der Fürsten Schwarzenberg und bis 1848 Teil des Patrimonialgerichts Schwarzenberg. Nach Aufstellung der Matrikel in den 1820er Jahren sind mehr als zehn Familienoberhäupter in den Jahren um 1750 bereits in Schnodsenbach geboren. Dies zeigt eine stabile jüdische Gemeinde zu dieser Zeit. Die Angabe von 1818 in der Neuen systematischen und allgemeinen Erdbeschreibung, das 82 Juden in Schnodsenbach leben würden, scheint also zuverlässig zu sein.

Zu dieser Zeit ist vom gebürtigen Schnodsenbacher Metzger Hirsch Herzberg bekannt, dass er sich zur "Franzosenzeit", also bis 1815, in Stadthagen (Schaumburg, Niedersachsen) ansiedeln wollte. Sein Gesuch um dauerhafte Aufnahme in die Stadt wurde allerdings abgelehnt (Quellen zur Geschichte der Juden in Schaumburg). Die 1821 im Amts-Handbuch für die protestantischen Geistlichen des Königreiches Baiern genannten 60 Juden in Schnodsenbach dürften zu niedrig angesetzt sein. Die Matrikelliste der 1820er Jahre weist nämlich neunzehn Namen auf. Abraham Isaac Eisenmann (geb. 1752, Schutzbrief 1775) war Warenmakler (Schmuser) und Händler mit Metallwaren. Simon Wolf Fried (geb.1749, Schutzbrief 1780) war Schmuser. Wolf Löw Greifenstein (geb. 1762, Schutzbrief 1798) war Viehhändler und Schmuser. Seligmann Jacob Herzog (geb. 1741, Schutzbrief 1776) war Schmuser. Simon Hirsch Koch (geb. 1759, Schutzbrief 1785) handelte mit Schnittwaren. Samuel Abraham Kurzmann (geb. 1750, Schutzbrief 1784) gab Schmuser und Schacherhandel an. Simon Levi Daniel Langenfelder (geb. 1764, Schutzbrief 1787) handelt mit optischen Gläsern. Er war wohl identisch mit Simon Levi, über den 1822 das Fürstlich Schwarzenbergische Herrschaftsgericht Schwarzenberg den Universal-Concurs eröffnet hatte (Königlich bayerisches Intelligenzblatt für den Rezat-Kreis, Nr. 5).

Moises Löw Langweiler (geb. 1749, Schutzbrief 1779) war Schmuser. Aron Levi Letthäuser (geb. 1754, Schutzbrief 1780) war Schmuser und im Schacherhandel tätig. Samson Nathan Linauer (geb. 1757, Schutzbrief 1786) war Schmuser. Auch Jacob Hirsch Rehebock (geb. 1760, Schutzbrief 1793) war als Schmuser tätig. Die Witwe von Raphael Schleeg (geb. 1739) erhielt 1792 den Schutzstatus und ernährte sich durch Handarbeiten. Eissig Schmul Schlosser (geb. 1773, Schutzbrief 1819) handelte mit Kleinwaren und war Schmuser. Pfeiffer Abraham Strauß (geb. 1781, Schutzbrief 1809) war Viehhändler. Mendel Wolf Stuler (geb. 1749, Schutzbrief 1774) betrieb Schacherhandel und war Schmuser. Jehuda Löw Thalheimer (geb. 1789, Schutzbrief 1812) handelte mit Spezereien und Schnittwaren. Burg Bär Umreisser (geb. 1764, Schutzbrief 1801) war Viehhändler und als Schächter tätig. Löw Jonas Waldmann (geb. 1768, Schutzbrief 1792) war ebenfalls Viehhändler und Schächter. Joachim Schmul Waßmann (geb. 1757, Schutzbrief 1786) handelte mit Schnittwaren. Ein Sonderrolle hatte Samson Michel. Er wurde unter den "Brödlingen" der Gemeinde aufgeführt und war Vorsinger und Schächter. Die jüdische Gemeinde war also für ihn unterhaltspflichtig. Die Angaben in der Geographischen Beschreibung des Erzbisthums Bamberg (1833) sind wahrscheinlich zutreffend: 43 Katholiken, 176 Protestanten und 82 Juden, die eine Synagoge besitzen. Im Jahr 1840 wird in der Statistik über den Stand des Schulwesens in Mittelfranken in den Israelitischen Annalen Nr. 11 (1840) auch Schnodsenbach aufgeführt. Der Ort unterstand dem Rabbinat Ansbach mit Rabbinatsverweser Oberndorfer und hatte eine Religionsschule mit dem Lehrer Löw Kleiner. Die Schule besuchten 14 Schüler, Kleiner bezog 160 Gulden Gehalt, was am unteren Ende der vergleichbaren Gemeinden war. Kleiner hatte keine Seminar-Ausbildung und wurde in der Matrikelliste als Religionslehrer aufgeführt, als er 1836 die Schutzstelle von Simon Langenfelder übernahm. Im Jahr 1840 sind mit 82 Juden und 1845 mit 82 Juden mit einer Synagoge (Das Königreich Bayern in seiner gegenwärtigen Gestalt für Schulen und Vaterlandsfreunde) die Angaben ziemlich konstant. Auch 1856 scheint die Situation in Schnodsenbach bei 309 Seelen, darunter 40 Katholiken und 82 Juden (Vetter, Eduard: Statistisches Hand- und Addreßbuch von Mittelfranken im Königr. Bayern) noch stabil.

Das auch räumliche Nebeneinander der von Christen und Juden bewohnten Häuser zeigt der von Wolfgang Wüst beschriebene Kataster von 1834. Auch Beispiele für Abgaben- und Dienstleistungen sidnhier zu finden. So musste Bärlein Schmay als ehemals Schwarzenbergscher Schutzjude immer noch dem evangelisch-lutherischen Pfarrer eine Abgabe in Korn und 40 Kreuzer Weihnachtgeld leisten. Pfeiffer Strauß hatte für die Schwarzenberger bei der Jagd mitzuhelfen, für die Herrschaft einen Tag als Bote zu gehen und den Durchzug von Schaftherden auf seinem Grundstück zu erdulden.

Aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts mehren sich die Nachrichten von Auswanderung. 1854 zeigte die ledige Ester Waßmann aus Schnodsenbach an, nach Amerika auswandern zu wollen (Neue Münchner Zeitung, Jg. 7 Nr. 121) und 1855 hatte der ledige, 14 Jahre alte, "Handelsmannssohn" Isaak Waßmann aus Schnodsenbach ebenfalls das Ziel Amerika (Neue Münchner Zeitung, Jg. 8 Nr. 132). Sie waren mit David Waßmann verwandt (geb. 1793), der 1835 von seinem verstorbenen Vater (?) die Schutzstelle übernommen hatte oder mit Emanuel Waßmann, der 1832 eine Matrikelstelle erhielt. 1867 gab "der ledige Handlungs-Commis" Isaak Strauß von Schnodsenbach, geb. 9. Juni 1848, eine Reise nach Nordamerika zu planen (Bayerische Zeitung, 62. Jg. Nr. 110).

Ein nicht auf Schnodsenbach beschränktes Phänomen zeigt sich in der Berichterstattung vermeintlicher oder tatsächlicher Kriminalfälle. 1850 kam es zu Untersuchungen gegen den "Handelsmannssohn" Samuel Thalheimer von Schnodsenbach wegen des Vergehens der "unerlaubten Selbsthilfe", ohne dass Näheres bekannt ist (Ansbacher Morgenblatt, Jg. 6 Nr. 111).1861 wurde Levi Michel, verheirateter Schuhmachermeister aus Schnodsenbach, wegen einer polizeilich strafbaren Körperverletzung, verübt an der ledigen Tagelöhnerin Elisabetha Seitz aus Schnodsenbach von dort, in eine 24stündige, einfache Arreststrafe (Ansbacher Morgenblatt, Jg. 17 Nr. 132). Größeres Aufsehen erregte der Fall Rehbock, der sich 1869 in Schnodsenbach abspielte. Der Kaufmann Adolph Rehbock aus Schnodsenbach hatte 1869 vom Fürther Magistrat die Erlaubnis zur Ansiedelung erhalten, wie die Fürther Neueste Nachrichten, 1. Jg. Nr. 63 meldeten. Im Sommer 1870 kam es allerdings gegen den "Handelsmann Abraham Rehbock", wie er jetzt genannt wurde zu einer Verhandlung wegen der Anklage der Brandstiftung und des Versicherungsbetrugs. Der Fränkische Anzeiger Nr. 293 berichtete ausführlich, wie dem Fürther Neubürger vorgeworfen wurden, in Schnodsenbach in einem Lagerraum absichtlich einen Brand gelegt zu haben, um eine überhöhte Versicherungssumme zu kassieren. Rehbock wurde schließlich vom Schwurgericht in Fürth zu neun Monaten Haft unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt. War Rehbock bei seiner Einbürgerung noch der "Kaufmann" wurde er jetzt nur noch als "Handelsmann" tituliert, eine unmissverständliche und diskriminierende Chiffre seines jüdischen Glaubens.

Ganz eindeutig war die Berichterstattung über den tragischen Fall von Doris Waßmann. 1874 hatte die ledige 17jährige Tochter der "israel(itischen) Handelsmanns Wittwe Waßmann" ein außereheliches Kind geboren, es getötet und die Leiche 8 Tage lang in ihrer Kammer liegen gelassen;. die Mutter der Kindsmörderin sei der Mitschuld angeklagt. So schrieb zumindest die Passauer Zeitung, ein Beispiel der überregionalen Bedeutung des Falls. Die Frage einer Totgeburt wurde nicht erörtert. Waßmann wurde in der Folge zu 47 Tagen Gefängnis verurteilt. Wie üblich veröffentlichte das Bayerisches Zentral-Polizei-Blatt das Urteil, wobei die Religionszugehörigkeit "Israelitin" ausdrücklich angegeben wurde. Bei keiner anderen zur Verhaftung ausgeschriebenen oder verurteilten Person ist hier die Religion genannt. Ob als Folge dieses tragischen Vorfalls oder nur Zufall: Bis in das  Lindauer Tagblatt schaffte es die Meldung, das 1876 In Schnodsenbach "am 1. Weihnachts Feiertage die Israelitin Mathilde Waßmann in die protestantische Kirche aufgenommen und getauft" wurde. In Schnodsenbach gab es in diesen Jahrzehnten zwei größere Unternehmen. 1862 ließ sich der Kaufmann Samuel Thalheimer als Inhaber der Firma S. Thalheimer mit Hauptniederlassung in Schnodsenbach in das Handelsgerichtsregister eintragen (Bayerische Zeitung). 1864 meldete das Adressbuch aller Länder der Erde der Kaufleute, Fabrikanten, Gewerbtreibenden, Gutsbesitzer etc für das 400 Einwohner umfassende Schnodsenbach die beiden Firmen von Samuel Thalheimer mit Spezerei und Schnittwaren und des wahrscheinlich christlichen Färbers und Zeugmachers Windsleben (Bayerische Zeitung).

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde stark ab. 1862 lebten in Schnodsenbach noch zwölf Familien, die sich mit einem Betrag von 24 Gulden am Gehalt des Distriktsrabbiners Selz von 450 Gulden beteiligten. 1867 sollen noch 57 jüdische Einwohner am Ort gelebt haben (Topographisch-statistisches Handbuch des Königreichs Bayern, so ergaben die Volkszählung von 1871 und die Volkszählung von 1875 für Schnodsenbach bei 364 Einwohner eine Zahl von 23 bzw. 22 Israeliten. Die Hauptgründe sind die Auswanderung und die Möglichkeit des Wegzugs in größere Städte. Nach den Angaben des Statistischen Jahrbuchs des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes firmierte 1892, 1895 und 1901 Schnodsenbach mit seinen beiden jüdischen Familien als Filialgemeinde von Scheinfeld. Noch 1889 wurde die Gemeinde als selbständig aufgeführt. 1913 lebten nach den Angaben im Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung in Schnodsenbach noch fünf Juden, davon ein Steuerpflichtiger. Bis 1925 hatte sich die Zahl auf drei Personen reduziert.


(Wolfgang Jahn)

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Wolfgang Wüst: Christlich-jüdisches Dorfleben im bayerischen Kataster. Der mittelfränkische Fall Schnodsenbach. In: Erich Schneider (Bearb.): Altfränkische Bilder 16 (2021), S. 23–25.
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Nürnberg - Die Judenmatrikel 1813-1861 für Mittelfranken. Nürnberg 2003. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 1 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 1).
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 190.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 177.
  • Max Siebert: Das Königreich Bayern topographisch-statistisch in lexicographischer und tabellarischer Form dargestellt. München 1840, S. 367.