Ein Zinsregister von 1525 ist das früheste Zeugnis eines Scheinfelder Juden. Allerdings wurde aus vereinzelt geduldeten Schutzjuden erst im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts eine Gemeinschaft: 1566 sind in der Vermögensschätzung der Schwarzenbergischen Untertanen nur die beiden Juden Samuel und Löw aufgelistet, 1587 sind bereits sechs jüdische Ortsbewohner genannt. Unter dem wohlwollenden und toleranten Schutz der Schwarzenberger waren die jüdischen Familien im 17. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Einwohnerschaft. Dass sie wenigstens eine gewisse rechtliche Gleichstellung besaßen, wird dadurch belegt, dass am 12. Februar 1629 die Juden Jecken und Moses ihre Bürgerpflicht leisteten und Bürgergeld bezahlten.
Am 22. Juni 1644 erteilte Graf Johann Adolf von Schwarzenberg den Juden in seiner Herrschaft einen Schutzbrief und gewährte ihnen „in der Grafschaft zu wohnen, eine Synagoge zu halten, Rabbiner, Vorsänger und Schulmeister aufzunehmen und zu ihren jüdischen Ceremonien, wie zu Prag, Erfurt, Worms, oder sonst im Röm. Reich und Land zu Franken es üblich und Herkommen ist, zu gebrauchen“. Ihre Toten bestattete die Gemeinde Scheinfeld auf dem jüdischen Friedhof in Rödelsee. Später benutzten sie die Begräbnisstätte in Ullstadt. Dem Rabbiner wurde bei internen Streitigkeiten sogar die niedere Gerichtsbarkeit zugestanden, den jüdischen Untertanen das Recht, überall im Schwarzenberger Territorium Häuser ohne zugehöriges Land zu erwerben. Natürlich konnten Streitigkeiten zwischen Christen und Juden nicht ausbleiben. Meistens ging es um die Nutzungsrechte der Gemeindeweiden oder andere geschäftliche Gründe. Am 17. März 1670 etwa klagten die beiden christlichen Metzger des Ortes, dass die Juden "das Fleisch von Haus zu Haus tragen und ‚mit Schwätzen nach Judenart‘ verkaufen".1685 wurde eine gräfliche „Judenpolizeiordnung“ bzw. Landordnung eingeführt.1698 lebten fünfzehn jüdische Familien in der Stadt, einige in Bürgerhäusern an den "wohlgelegensten" Straßen der Stadt, andere in der "Judengasse" (heute Bogenstraße), wo sich auch ihr Gemeindezentrum befand. Graf Josef I. Schwarzenberg bestätigte 1756 und nochmals 1764 die Polizeiordnung sowie den Schutzbrief seines Urgroßvaters, in einigen Punkten ist die deutliche Verschärfung der Vorschriften auffallend.
Nach der Gründung des Königreichs Bayern wurden die Schwarzenberg'schen Territorien mediatisiert. Eine statistische Erfassung der jüdischen Gemeinden im Rezatkreis zählt für das Jahr 1811 in Scheinfeld 91 jüdische Frauen, Männer und Kinder. Neben einem Vorsänger und einem Lehrer wirkte Raphael Löw(enberger) als Rabbinatsverweser im Ort. Er war auch für die Juden in Burgambach, Dornheim, Schnodsenbach und Weigenheim zuständig. Erst auf staatlichen Druck hin wurden zwei Gemeindevorsteher gewählt, die jedoch in der Zeit des Umbruchs Schwierigkeiten mit der Strukturierung ihres Sprengels hatten. Wie fast überall entsprachen bei einer Kontrolle im Jahr 1829 auch die Scheinfelder Mikwen nicht den neuen staatlichen Vorgaben: Der Landgerichtsarzt zählte dabei acht private Mikwen, eine ungewöhnlich hohe Zahl, die sich vielleicht mit Differenzen zwischen den Gemeindemitgliedern erklären lässt. Von diesen waren jedoch nur zwei wenigstens rudimentär beheizbar. Die gemeindeeigene Mikwe bei der Synagoge habe der Arzt als „wahre Ruine u. ganz unbrauchbar“ vorgefunden. Daher baute Maurermeister Philip Mader westlich der Synagoge ein neues Ritualbad mit integrierter Heizungsanlage, das jedoch noch lange nach der Fertigstellung technische Mängel aufwies. Am 1. Januar 1839 übernahm Scheinfeld die reformierte „Schulordnung für den israelitischen Cultus in Mittelfranken". Danach gründete der Religionslehrer und Vorsänger David Marcus Arub wie vorgegeben einen Knabenchor für die Gottesdienste. Nicht alle Jugendlichen der Gemeinde waren erpicht auf diesen zwangsweisen Dienst, auch bei anderen Gelegenheiten stießen die traditionellen Gewohnheiten der Scheinfelder Juden mit den neuen staatlichen Vorschriften aneinander. Um die immer dringenden Reparaturen an der Synagoge und dem anschließenden Schulhaus bezahlen zu können, einigte sich die schrumpfende Kultusgemeinde 1862 darauf, ein Einzugsgeld von neuen Gemeindemitgliedern zu verlangen. Der Beschluss hing damit zusammen, dass im selben Jahr die Gemeinde Burgambach mit Scheinfeld zusammengelegt wurde. Mit dem Einzugsgeld wurde 1866 das Dach des jüdischen Schulhaues neu gedeckt. Ob man bei dieser Gelegenheit wie angekündigt auch den Unterrichtsraum vergrößerte, ist nicht nachprüfbar. 1877 kam noch die Gemeinde Schnodsenbach zu Scheinfeld, und die nun leerstehende Schnodsenbacher Synagoge wurde zugunsten der Kultusgemeinde Scheinfeld verkauft.
Der Neubau des Schulhauses zwischen 1900 und 1904 überforderte die nur hundert jüdischen Männer und Frauen und belastete die Kultusgemeinde mit 2700 Mark Schulden, einer für die damalige Zeit exorbitanten Summe.
Für neue Reparaturen und zur Aufrechterhaltung ihrer Funktionen musste sie daher um staatliche Unterstützung bitten. Als ob das nicht genug gewesen wäre, fiel auch noch eine Vergrößerung der Lehrerwohnung an, für die der zweite Stock ausgebaut wurde. Es dürfte die jüdischen Scheinfelder daher sehr getroffen haben, dass nach all diesen Mühen die Schülerzahl immer weiter sank. Im Jahr 1923 gingen nur noch fünf Kinder in die jüdische Schule, ein Jahr später wurde sie aufgelöst. Die wenigen jüdischen Kinder besuchten nun die evangelische Volksschule.
Der erst 32-jährige Lehramtsverweser Max Heippert musste in den Ruhestand gehen, betreute aber weiterhin die Gemeinde als Chasan, Melamed und Schochet. 1930 ging er an die israelitische Volksschule in Kitzingen. Ganz allgemein ging es den Scheinfelder Juden in der Zwischenkriegszeit nicht viel anders als den übrigen jüdischen Gemeinden in Mittelfranken: Gesellschaftlich mehr oder weniger integriert, politisch aktiv und in Vereinen engagiert, doch von der schlechten Wirtschaftslage und dem fortlaufenden Wegzug vieler junger Leute belastet.
Zu Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft 1933 lebten noch 49 Jüdinnen und Juden im Ort. Im Jahr 1938 ließ Fürst Adolf von Schwarzenberg an seinem Stammsitz über Scheinfeld eine Tafel mit der Aufschrift „Hier sind Juden willkommen“ anbringen. Als er Hitler wenig später den Deutschen Gruß verweigerte, verschleppte ihn die Gestapo in das Konzentrationslager Dachau, das gesamte Vermögen des Hauses Schwarzenberg wurde beschlagnahmt. Am Abend des 9. November 1938 erreichte Nikolaus Rükel, Kreisleiter der NSDAP in Markt Bibart, ein Anruf der Nürnberger Gauleitung. Die Synagogen seines Zuständigkeitsbereichs sollten angezündet, die Juden verhaftet und „ihre Einrichtungen“ zerstört werden. Ungeklärt ist bislang der genaue Tatablauf der Brandstiftung an der Scheinfelder Synagoge, deren Inneneinrichtung während des Novemberpogroms in Flammen aufging. Ansonsten wurde der Brand gleich wieder gelöscht, da man um die umstehenden Häuser fürchtete. Die 18 jüdischen Gemeindemitglieder wurden von SA-Leuten auf dem Marktplatz zusammengetrieben, ihre Häuser geplündert. Alle Juden kamen auf das örtliche Amtsgerichtsgefängnis, wo man sie über Nacht festhielt. Am Nachmittag des darauffolgenden Tages wurden die Frauen und alle Männer über sechzig freigelassen. Die restlichen vier Hausväter konnten gehen, nachdem sie sich dazu bereit erklärt hatten, ihren ganzen Besitz zu verkaufen und Franken zu verlassen. Nicht nur mussten sie ihre Immobilien weit unter Wert verkaufen, auch der Verlust ihres beweglichen Gutes traf schwer. Bis zum 18. November 1938 hatten sich alle Scheinfelder Juden polizeilich abgemeldet und waren nach München, Würzburg oder Frankfurt am Main gezogen. Dies war das Ende der Kultusgemeinde Scheinfeld.
Am 17. Februar 1993 wurde ein kommunaler Gedenkstein auf einer kleinen Grünanlage enthüllt. Am ehemaligen Schulhaus hängte heute eine Informationstafel mit Daten zur Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde. Im September 2008 verlegte der Künstler Gunter Demnig (*1947) den ersten Stolperstein. Er ist dem Halbjuden Kaufmann Sigmund Ernst gewidmet, der als unehelicher Sohn in Scheinfeld aufwuchs und 1942 in Auschwitz ermordet wurde.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Scheinfeld. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 563-574.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 199.
