Jüdisches Leben
in Bayern

Sassanfahrt Gemeinde

Sassanfahrt, heute ein Ortsteil von Hirschaid, unterstand im 18. Jahrhundert der Ortsherrschaft der Reichgrafen von Soden. Da in den 1820er Jahren acht Matrikelstellen vergeben wurden, ist von einer jüdischen Gemeinde bzw. Gemeinschaft (Jischuw) seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auszugehen. Sie besaß nach aktuellem Kenntnisstand keine eigenen religiösen Einrichtungen sondern nutzte wahrscheinlich jene in Hirschaid.

Die Matrikel der 1820er Jahre listen neun jüdische Familien auf. Isaac Rehe (geb. 1758) war Schmuser, den Viehhändler Jacob Traum (geb. 1776) und Wolf Hollerbaum (geb. 1757), der "Almosen von guten Leuten" erhielt, Judas Hirsch Zweig (geb. 1765) war Hausierhändler mit optischen Waren ebenso wie der 1759 geborene Koppel Marx Brüll. Die 1748 geborenen Esther Schelch war Hausierhändlerin mit Schnittwaren. Bei Bär Löw Schlüsselblume (geb. 1778) fehlt der Erwerbszweig. Jeskel Wolf Hollerbluth (geb.1760) war Taglöhner. Die neunte Stelle ist ohne Namenseintrag. Die sozialen Verhältnisse waren eher ärmlich. Wenn Hausbesitz angegeben wird, dann meist nur Anteile. Auch das relative hohe Alter der Familienoberhäupter fällt auf.

Der gesamte Ort hatte 1827 94 Einwohner. Die jüdische Gemeinde dürfte zu dieser Zeit etwa 35 Mitglieder gezählt haben. 1847 wird Sassanfahrt noch in einer Übersicht der Zeitschrift "Der Orient" über die jüdischen Gemeinden in Oberfranken als selbständige Gemeinde aufgeführt. Möglicherweise zählt sie aber zu der Kategorie von Gemeinden, die keine eigene Schule besaßen und die Mitglieder mangels einer Synagoge lediglich Hausandachten in einem Privathaus durchführten. Die Schutzstellen wurden bis in die 1840er Jahre besetzt.

1852 soll die jüdische Gemeinde nur noch aus 21 Mitglieder bestanden haben. Im Statistischen Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ist der Ort nicht mehr aufgeführt. In der 1930er Jahren lebte nur noch eine jüdische Familie in Sassanfahrt, die Familie Merel. Samuel und Minna Merel waren in Galizien geboren, wanderten in das Deutsche Reich ein und lebten zuerst in Leipzig und Schwabach, bevor sie nach Sassanfarth zogen. Ein Teil der väterlichen Familie lebte bereits in Bamberg. Samuel Merel war Vertreter einer Textilfirma. Die Familie mit ihren fünf Kindern gehörte der jüdischen Gemeinde in Hirschaid an. 1939 konnten zwei Kinder mit dem Kindertransport nach England in Sicherheut gebracht werden und einer Tochter gelang die Ausreise. Die Eltern konnten mit den beiden Kindern im Sommer 1939 mit Hilfe von Schmugglern die Grenze nach Belgien überqueren und weiter nach Südfrankreich fliehen. Dort wurden sie in einem Lager interniert, die beiden Kinder brachte eine jüdische Hilfsorganisation in die Schweiz. Die Mutter starb 1941 im Internierungslager Le Vernet in den Pyrenäen, der Vater wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Ale fünf Kinder überlebten.

Literatur

  • Rebekka Denz: Erinnerungsteile - Erinnerung teile. In: Ruth Schreiber: "Erinnerungsteile - Erinnerung teilen". Bilder einer jüdischen Familiengeschichte. Lindenberg 2022, S. 32-42.
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs digital: Reihe A. Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
  • Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942). Ein historisch-topographisches Handbuch, Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 395.