Erstmals im Jahr 1414 wird ein Jude in Roth erwähnt, allerdings kommen die nächsten Belege erst wieder aus dem 16. Jahrhundert: 1535 erhielt der jüdische Arzt Nathan einen markgräflichen Schutzbrief, mit dem er zunächst fünf, dann weitere zehn Jahre in Roth leben konnte. Er erhielt zusätzlich freies Geleit, Zoll- und Mautfreiheit. Die Privilegien ging nach seinem Tod im Jahr 1548 auf seinen Schwiegersohn Jakob (✡ vor 1589) über. Dieser Jakob gilt als Stifter des Friedhofs in Georgensgmünd, er soll auch die Gemeinde in Roth begründet haben. Sein Wohnhaus (heute Kugelbühlstraße 1) befand sich in der „Judengasse“, die parallel zur Stadtmauer lag und seit 1594 diesen Namen trug.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts waren die Rother Juden mit Ausnahme der Familie Jakob ständig von Vertreibungen bedroht, bis ihnen 1609 eine feste Niederlassungserlaubnis gewisse Sicherheit brachte. Die Gemeinde wuchs bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und reduzierte sich infolge der Kriegswirren. 1691 lebten acht jüdische Familien in Roth, 1714 waren es bereits 16 steuerpflichtige Haushalte. Im selben Jahr ließ sich der Goldsticker Salomon Veit taufen, seine Patenschaft übernahm unter anderem Markgraf Friedrich von Brandenburg-Ansbach (reg. 1703-1723). Während des 18. Jahrhunderts gehörte Roth zur Ansbacher Landjudenschaft und zum Distriktsrabbinat Schwabach. Durch das Wachstum der Gemeinde wurde der Betsaal im Hause Jakob zu beengt, daher errichtete die Gemeinde 1737 ein neues Synagogengebäude (Anwesen Nr. 104, heute Kugelbühlstraße 44). Für das Jahr 1746 ist erstmals ein eigener Rabbiner namens Löw Lipman bezeugt. In späterer Zeit übernahm der Melamed und Chasan die wichtigsten religiösen Aufgaben.
Nach der Gründung des Königreichs Bayern wurde Roth erneut Schwabbach zugeteilt. Das bayerische Judenedikt von 1813 begrenzte die Zahl der jüdischen Familien in Roth auf 35 Matrikelstellen. Durch das Edikt begann sich auch die Erwerbsstruktur der Kultusgemeinde zu ändern: Hatten vorher die meisten Juden vom Vieh- und Hausierhandel gelebt, wählten nun zwölf Männer den Handwerksberuf. Auch im Geschäftsleben und in der Landwirtschaft waren nun Gemeindemitglieder präsent. Möglich wurde dies nicht zuletzt durch den Anschluss von Roth an die Bahnlinie München-Nürnberg im Jahr 1849. Die jüdischen Kinder erhielten von 1829 bis 1914 fast durchgehend einen eigenen Elementarunterricht im Schulraum der Synagoge. 1850 übernahm Oettingen die Verwesung der Gemeinden Schwabbach, Georgensgmünd und Roth, die sich sieben Jahre später dem charismatischen und reformorientierten Ansbacher Distriktsrabbiner Aron Bär Grünbaum anschlossen.
Ihre Blütezeit erlebte die Kultusgemeinde Roth in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert, dann setzte eine unaufhörliche Abwanderung ein. Der 1863 gegründete jüdische Gesangsverein „Liederkranz“ löste sich 1883 vermutlich aus Mitgliedermangel wieder auf. Die noch aus dem 18. Jahrhundert stammenden Vereine „Lerngenossenschaft“ und „Wohltätigkeitsbruderschaft“ bildeten im Jahr 1876 eine gemeinsame Chevra Kaddischa (Begräbnisverein), wohl auch um die anfallenden Kosten auf mehrere Schultern verteilen zu können. 1914 musste die jüdische Schule schließen, die Kinder gingen wieder in die christliche Elementarschule.
Im Ersten Weltkrieg fielen die jüdischen Brüder Alfred, Willy und Karl Herzog, ihre Namen stehen auf dem Kriegerdenkmal vor der evangelischen Stadtpfarrkirche. 1933 lebten nur noch 18 Jüdinnen und Juden in Roth, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einem zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Druck ausgesetzt waren. Bis Jahresende 1935 hatten alle Juden den Ort verlassen, die meisten von ihnen gingen zunächst in die vermeintlich sicheren Großstädte München, Nürnberg oder Regensburg. Insgesamt 15 Jüdinnen und Juden aus Roth starben in der NS-Diktator, keiner der Überlebenden kehrte in seine alte Heimat zurück.
Ende Dezember 1945 entwickelte sich in Schwabach eine kleine DP-Gemeinde, die über das Stadtgebiet verteilt in requirierten Wohnungen lebte. Nicht nur in der Stadt Schwabach gab es DPs, sondern auch in sogenannten Außengemeinden in Georgensgmünd, Katzwang, Spalt und Roth. Im Sommer 1946 waren es im ganzen Landkreis 143 jüdische DPS (Displaced Persons). Formal waren die DPs zwar der UNRRA unterstellt, de facto verwalteten sie sich jedoch selbst und wählten hierfür ein Kreis-Komitee für den Landkreis Schwaben. In Roth forderten die DPs die Rückgabe bzw. Überlassung der ehemaligen Synagoge, doch ist fraglich, ob sie überhaupt benuzt wurde. Das Hauptziel war die Emigration nach Nordamerika und in den 1948 gegründeten Staat Israel. Daher löste sich das Außenlager Roth im Laufe dieses Jahres auf, weil die DPs im zunehmenden Maße auswanderten. Am 7. Januar 1950 wurde nur noch ein Mann jüdischen Glaubens im Einzugsbereich der Kreisstadt Roth gezählt.
(Patrick Charell)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Roth. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 535-541.
- Jim G. Tobias: Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945-1949. Nürnberg 2002, S. 121-129.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 201.
