Reichmannsdorf war seit dem Ende des 17. Jahrhunderts im Besitz der Freiherren von Schrottenberg. Obwohl erst 1779 sicher nachweisbar, dürften bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts Schutzjuden im Ort gelebt haben. 1779 beantragten sie bei Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal (reg. 1779-1795) erfolgreich die Erlaubnis, bei den Bamberger Frühjahrs- und Herbstmessen Handel treiben zu dürfen. Die Gemeindezahlen blieben allerdings bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr überschaubar. 1813 waren dreizehn Matrikelstellen zu besetzen. Die Gesamtzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde blieb aber auf höchsten 40 Personen beschränkt. Sie machten etwa zehn Prozent der Bevölkerung des Ortes aus.
Die kleine und sicher nicht sehr finanzstarke Gemeinde beschäftigte im frühen 19. Jahrhundert einen eigenen Lehrer. Ein "Asur Löw - Judenschullehrer" wird 1813 genannt. Er wohnte in der Lehrerwohnung im unteren Stock des Synagogengebäudes. Der 1824 genannte Eisig Wohl war als Melamed, Schochet und Chasan tätig und lernte gleichzeitig das Schneiderhandwerk. Die Absicht der bayerischen Behörden war es allerdings, dass nur ausgebildetes Personen als Rabbiner und Lehrer beschäftigt werden dürfen. Seit 1780 gehörte die Gemeinde einige Jahre zum Landesrabbinat Bamberg, seit 1827 zum neugeschaffenen Bezirksrabbinat in Burgebrach (wobei Reichsdorf einen Anteil am Jahresgehalt des Rabbiners übernehmen musste) und ab 1906 wieder zu Bamberg. Trotzdem gab es auch weiterhin am Ort einen Lehrer, der zugleich als Schächter und Vorsänger tätig war. Die jüdischen Familien in Reichmannsdorf waren in der Mehrzahl im Handel tätig. Mehrere von ihnen besaßen ein eigenes Haus und ein wenig Kapitalvermögen, was auf ein gesichertes Auskommen hindeutet. 1840 erwarb die Gemeinde ein Grundstück zur Anlage eines eigenen Friedhofs. Bis dahin nutzten sie den Friedhof der IKG Mühlhausen. Der Fußweg von fast einer Stunde erschein den Behörden allerdings als "sanitäts-polizeiwidrig", weswegen der neue Friedhof erforderlich war.
Der Rückgang der Mitgliederzahlen führte 1907 zur notgerungenen Vereinigung mit der Kultusgemeinde Burgebrach. Die Reichersdorfer Gemeinde besaß zu dieser Zeit ein Synagogengebäude im Wert von 1000 Mark, ein Gebäude mit einer Mikwe und den Friedhof. 1933 lebten nur noch zwei jüdische Personen am Ort.
Von den in Reichmannsdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen: Ferdinand Blum (1889), Louis Blum (1887), Rosa Blum (1894), Hanna Hirnheimer (1865), Sara Kahlenberg geb. Wortsmann (1873), Meta Katz geb. Schwed (1881), Hugo Schwed (1898), Isabella (Bella) Schwed (1884), Julia Stein geb. Schwed (1890), Paula Stern geb. Schwed (1897).
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
- Johann Fleischmann: Mesusa 2. Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach. Mühlhausen 2000.
- Johann Fleischmann: Mesusa 4. Lebensbeschreibungen und Schicksale. Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach. Mühlhausen 2004.
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 234.
- Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942), ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 290-300.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 142.
