Jüdisches Leben
in Bayern

Platz Gemeinde

Platz gehörte zwischen 1618 und 1661 zum Besitz der Herren von Erthal, unter deren Schutz hier um 1650 vier jüdische Familien gelebt haben sollen. Das Dorf fiel 1661 durch Verkauf an die Stiftung Juliusspital in Würzburg. Im Jahr 1678 wurde ein Jude namens Abraham Hertz aus Platz als Gast auf der Leipziger Messe aktenkundig. Weitere Informationen aus dem 17. und dem Großteil des 18. Jahrhunderts gibt es nicht. Um 1800 bestand die Kultusgemeinde Platz aus zehn Familien, die vor allem vom Viehhandel lebten. Sie standen unter dem Schutz des Würzburger Juliusspitals und mussten dafür Abgaben leisten. Die Gemeinde besaß eine Synagoge, eine Religionsschule und eine Mikwe im Privathaus einer jüdischen Familie (Haus-Nr. 14, heute Marktstraße 25).

Ende 1816 kam die Region an das Königreich Bayern, in dem das bayerische Judenedikt galt. Die Matrikelgesetzgebung wurde ein Jahr später im Dorf eingeführt. Damals bekamen 10 jüdische Haushaltsvorstände in Platz eine Matrikelstelle. Die Kultusgemeinde erreichte 1817 mit 60 Mitgliedern ihren Höchststand und wurde dem Oberrabbinat Würzburg zugeteilt. 1840 fiel sie an das neu gegründete Distriktsrabbinat Gersfeld im heutigen Hessen und nach dessen Auflösung 1892 an den Rabbinatsbezirk Bad Kissingen.

Bis 1825 erteilte der Schächter Joseph Maier den Kindern den Religionsunterricht. Da dieser jedoch in Deutsch weder lesen noch schreiben konnte, erhielt er vom königlichen Landgericht ein Berufsverbot. In der Folgezeit mussten die Eltern als Religionslehrer einspringen. 1832 gründete die jüdische Gemeinde Platz mit den Glaubensgenossen aus Geroda und Schonda einen Schulsprengel mit einem gemeinsamen Religionslehrer. Hier unterrichtete ab 1833 Lehrer Wolf Klein 27 Werktags-Schüler in den Elementarfächern und in Religion und an den Feiertagen 18 Jugendliche in Religion. Daneben übte er noch das Amt des Vorsängers abwechselnd in den drei Synagogen von Geroda, Platz und Schondra aus. Ein Teil der Gemeindemitglieder war jedoch nicht zufrieden mit seiner Tätigkeit und forderte von der Regierung einen anderen Lehrer, der zugleich auch als Schächter arbeiten sollte. Die Israeliten von Platz verweigerten schließlich die Zahlung ihrer Beiträge. Nur auf massiven Druck des Schulinspektors hin konnte der Unterricht fortgeführt werden. Über all den Streitigkeiten erkrankte Lehrer Wolf Klein und verstarb 1837. Auch die Nachfolger im Amt gaben immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen im Schulsprengel Geroda. Den Elementarunterricht besuchten die jüdischen Kinder aus den drei Orten in den christlichen Volksschulen in ihren Dörfern.

Von den neun jüdischen Familien, die 1839 in Platz lebten, gehörte nur eine der Mittelschicht an; drei Haushalte hatten geringe Ersparnisse und fünf von ihnen waren völlig verarmt. 1848 bestand die Kultusgemeinde noch aus 41 Personen; 1867 lebten nur noch 28 Jüdinnen und Juden im Ort. Als die jüdische Gemeinde 1880 gerade noch sechs religionsmündige Personen vorweisen konnte, war ihre Auflösung unausweichlich. Die noch im Dorf lebenden Israeliten wurden nun Mitglieder der Israelitischen Gesamtgemeinde Geroda-Platz-Schondra. Von diesem Zeitpunkt an wählten die Mitglieder der Verbandsgemeinde Geroda-Platz-Schondra einen gemeinsamen Kultusvorstand und benutzten hauptsächlich die Gemeindeeinrichtungen in Geroda. In den anderen beiden Synagogen von Platz und Schondra veranstaltete man nur noch Jahrzeitfeiern. Die Gesamtgemeinde konnte 1892 mit 106 Mitgliedern ihren Höchststand verbuchen.

1904 fielen alle jüdische Immobilien und Stiftungen aus den drei Orten in das Eigentum der jüdischen Gesamtgemeinde. Im selben Jahr bestätigte die Regierung die Zusammenlegung der drei Kultusgemeinden und ihrer Besitztümer. In den 1920er Jahren lebten noch drei jüdische Familien mit 12 Personen im Dorf. Der Eisenwarenhändler Max Mandelbaum aus Platz gehörte 1924 dem Vorstand der jüdischen Gesamtgemeinde in Geroda an. Die toten Jüdinnen und Juden aus Platz wurden bis 1911 auf den jüdischen Friedhöfen in Pfaffenhausen und dem hessischen Altengronau, danach auf dem Friedhof in Geroda beigesetzt. 1933 wohnten noch acht jüdische Bürger in Platz. In Platz und Geroda wurde 1936 ein Ferienlager für rund 30 jüdische Kinder, die aus Orten in Deutschland und der Schweiz anreisten, eingerichtet. Sie kamen zusammen mit ihren Betreuern zu einem vierwöchigen Ferienaufenthalt in die Region und wurden bei den ansässigen jüdischen Familien untergebracht und verköstigt. Die Gastgeber erhielten daraufhin Vorladungen durch die Behörden, die wegen "Verstoßes gegen das Gaststättengesetz" mit dem Verbot für weitere Durchführungen eines Ferienlagers endeten. Im Jahr 1938 gelang es zwei jüdischen Familien aus Platz mit insgesamt sechs Personen in die USA auszureisen. Die letzten jüdischen Einwohner, das Ehepaar Moses Fleischhacker und seine Frau Rosa, wurden am 22. April 1942 über Würzburg nach Izbica bei Lublin deportiert und ermordet.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid / Axel Töllner: Geroda mit Platz und Schondra. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 130-165.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 211.

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