Jüdisches Leben
in Bayern

Oberthulba Gemeinde

Bereits im 16. Jahrhundert wohnten hier Juden auf den Gütern des Benediktinerinnenklosters Thulba. Erstmals ist 1575 ein "Mosch-jud" genannt. 1580/1581 leistete wohl derselbe "Mosche Lew zu Thulba" Abgaben. In Rechnungen der Fürstabtei Fulda, zu der die Abtei gehörte, aus dem Jahr 1605 werden vier jüdische Haushalte des Klosters Thulba erwähnt. In dem fünf Kilometer nordwestlich von Thulba gelegenen Oberthulba, das im Besitz des Hochstifts Würzburg lag, ist 1655 erstmals ein Schutzjude namens "Isac zue Oberdulba" verzeichnet. Er verlieh Geld und handelte mit Edelsteinen, Wolle, Leinen und Fellen. 1699 gab es in Oberthulba zwei jüdische Haushalte, die Schutzgelder an das Hochstift bezahlten.

Anfang des 18. Jahrhunderts siedelte sich eine weitere jüdische Familie im Markt an. Die Anzahl von drei Schutzjuden blieb bis 1763 konstant. In der Folgezeit durften sich weitere Israeliten in Oberthulba niederlassen, obwohl sich die Gemeinde 1774 beim Fürstbischof über die "allzu viel sich vermehrende(n) juden haus haltungen allda" beschwerte. Ihre Zahl stieg bis um die Wende zum 19. Jahrhundert auf acht Familien an. Aufgrund dieser Anzahl darf man davon ausgehen, dass die Gemeinde von Oberthulba in dieser Zeit bereits gemeinsam Gottesdienste feierte. Eine Synagoge ist erstmals 1790 genannt. Die Toten der Judenschaft fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Verbandsfriedhof von Pfaffenhausen, der über drei Wegstunden entfernt lag.

1803 gehörten zur IKG Oberthulba neun Familien, die 34 Personen, darunter zwölf Männer, umfassten. Abgesehen vom Schulmeister Feibelmann und einem Metzger waren alle Familienväter im Viehhandel tätig. 1816 fiel der Untermainkreis, und damit auch Oberthulba, an das Königreich Bayern. Seitdem galt das bayerische Judenedikt. Da 1807 vier jüdische Familien den Ort verlassen hatten, genügten 1817 fünf Matrikelstellen für die jüdische Gemeinde. Die örtliche Judenschaft wurde dem Landesrabbinat Würzburg zugeteilt; 1840 kam sie an das Distriktsrabbinat Bad Kissingen. Bis 1848 wuchs die Kultusgemeinde auf elf Familien mit 51 Personen an.

Die Judenschaft beschäftigte damals als Vorbeter und Schochet Wolf Stern, sowie Feibelmann/Feibel Distelburger als Religionslehrer. Den Elementarunterricht besuchten die jüdischen Kinder in der christlichen Volksschule. Im Haus des Feibel Distelburger (Haus-Nr. 100, Ledergasse 23) war ein jüdisches Ritualbad eingebaut, das man jedoch nicht beheizen konnte. Fast alle jüdischen Haushalte waren weiterhin im Viehhandel tätig und hatten damit ein gutes Auskommen. Später florierte auch der, teils im Nebenerwerb betriebene Handel mit Agrarprodukten, Landmaschinen, Manufaktur-, Schnitt- und Kurzwaren, Schuhen, Leder und Haushaltswaren. Der Großteil der Familien wohnte in der Ledergasse. Sie hieß zeitweise auch „Judengasse“.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte der jüdische Bevölkerungsanteil im Markt seinen Höchstwert, obwohl bis 1854 sechs jüdische Männer nach Amerika emigriert waren. Während in den umliegenden Dörfern die Landflucht einsetzte, die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden dramatisch schrumpften und manche Kultusgemeinden, wie z.B. Thundorf, sogar aufgelöst werden mussten, verzeichnete die Judenschaft von Oberthulba jetzt ihre größte Blütezeit. 1871 zählte sie 64 Mitglieder und blieb auf diesem Stand bis um 1892. Vier der Familien verfügten über ein größeres Vermögen. In dieser Zeit entstanden hier eine neue Synagoge sowie eine große Religionsschule mit Mikwe. Ab 1867/1869 fand der Religionsunterricht in dem zur Schule umgebauten Haus von Nathan Schiff statt (Haus-Nr. 113, Plan-Nr. 185) statt. 1869 diente das Haus zeitweise auch als Ausweichquartier für die gemeindlichen Gottesdienste, bevor 1872 die neue Synagoge eingeweiht werden konnte. Im Keller der Religionsschule wurde eine neue Mikwe mit Heizkessel eingebaut. Aufgrund von eindringenden Schmutzwasser musste sie 1878 saniert werden.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert sank der jüdische Bevölkerungsanteil im Markt auf 55 Personen im Jahr 1910 und blieb aber auf diesem Stand bis 1925 (53 Personen). Die jüdische Bevölkerung lebte insgesamt noch in guten Vermögensverhältnissen. Vier der Familien galten weiterhin als wohlhabend, der Rest gehörte der Mittelschicht an. Aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahl erhielt die IKG Oberthulba trotzdem kleiner Zuschüsse der Regierung und des VBIG für besondere Ausgaben, z.B. für Reparaturen an der Synagoge. Am Ersten Weltkrieg beteiligten sich 14 Mitglieder der Kultusgemeinde Oberthulba; drei von ihnen galten anschließend als vermisst. Ihre Namen finden sich auf dem Kriegerdenkmal, das neben der "Freydenkapelle" auf dem Friedhof steht.

1933, im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten, umfasste der jüdische Bevölkerungsanteil im Dorf 42 Jüdinnen und Juden. Sie waren in der Folgezeit zunehmend von Diffamierungen, Repressalien sowie gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausgrenzungen betroffen. 1935 besuchten noch vier jüdische Kinder die Volksschule. Ihr Ausschluss aus der Bildungsstätte war jedoch bereits geplant. Danach organisierte man einen Privatlehrer, der ihnen weiter Unterricht erteilte. Die jüdische Religionsschule musste in dieser Zeit wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Die jüdischen Viehhändler in Oberthulba und anderen Orten in Mainfranken durften im Gegensatz zu den übrigen berufstätigen Juden noch bis 1938 ihren Geschäften nachgehen, da sonst die Fleischversorgung der Bevölkerung in Gefahr geraten wäre. Zwischen 1936 und 1938 emigrierten acht Juden; ihr Ziel war v.a. die USA.

Während des Novemberpogroms 1938 fuhren SA-Leute, die von Hammelburg kamen, in die umliegenden Ortschaften, um dort die jüdische Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Mob kam auch nach Oberthulba und wütete hier am 10. November zwischen 20 und 22 Uhr. Bewaffnet mit Prügeln, Beilen und anderen Werkzeugen zogen die NS-Trupps durch den Ort. Sie zerstörten Fenster und Türen der jüdischen Wohnhäuser und Geschäfte, drangen in die Wohnungen ein, stahlen die Wertsachen, zerschlugen die Möbel und vernichteten den Hausrat, die Waren und die Vorräte. Auch die Synagoge blieb nicht verschont. Eine Gruppe von SA-Männern schlug die Fenster ein und demolierte anschließend die gesamte Inneneinrichtung. Die Überreste wurden verbrannt. Zahlreiche Schaulustige beobachteten die Szenerie; manche beteiligten sich auch an den Zerstörungen. Einige der jüdischen Männer hat man anschließend in „Schutzhaft“ genommen. Vier von ihnen wurden im Konzentrationslager Dachau interniert und erst Wochen später wieder entlassen, nachdem sie dem Zwangsverkauf ihrer Anwesen zugestimmt hatten.

Nach den schrecklichen Vorkommnissen während des Novemberpogroms 1938 verkauften viele jüdische Oberthulbarer ihren Besitz zu Spottpreisen und verließen fluchtartig den Ort. 1939 zählte die Gemeinde noch 23 Personen; Anfang September 1939 waren es noch 17. Die letzten drei arbeitsfähigen männlichen Juden, die noch im Markt lebten, wurden ab 1940 zur Zwangsarbeit bei der Gemeinde und in der örtlichen Töpferei herangezogen. Im einstigen jüdischen Gemeindezentrum (Haus-Nr. 113) hat man damals ein Lager für Kriegsgefangene eingerichtet. Anfang Februar lebten noch elf jüdische Frauen, Männer und Kinder in Oberthulba. Sie wurden am 25. April 1942 mit dem Lastwagen abgeholt, mit dem dritten mainfränkischen Transport in eines der NS-Vernichtungslager im Osten deportiert und dort grausam ermordet.

Da die Akten der Staatsanwaltschaft für den Bezirk Hammelburg verloren gingen, liegen keine Informationen über die Ergebnisse der Strafprozesse gegen die Beteiligten am Novemberpogrom in Oberthulba vor.

In den 1980er Jahren und 2003 wurden zwei Gedenktafeln im Ort aufgestellt, die an die jüdischen Mitbürger des Dorfes und ihr schreckliches Schicksal erinnern. Das einstige jüdische Schulhaus wurde nach 1956 abgerissen. Die ehemalige Synagoge (Lederstr. 12) dient heute als Wohnhaus und ist aufgrund mehrmaliger Umbauten nur rudimentär erhalten geblieben. 2019 beschloss der Gemeinderat einen Beitrag für das Projekt Denkort Deportationen zu leisten und gab bei dem Kunstschmied Georg Mützel aus Eibelstadt zwei Rucksäcke aus Kupferblech in Auftrag. Sie erinnern an ähnliche Rucksäcke, die ein Ortsbewohner 1942 aus alten Strohsäcken für die Juden anfertigte, damit sie einen Teil ihre Habe mitnehmen konnten. Einer der Rucksäcke ist Teil des zentralen Mahnmals am Würzburger Bahnhofsvorplatz, der zweite wurde 2023 vor der ehemaligen Synagoge in der Ledergasse aufgestellt und mit einer Mahnfeier eingeweiht.


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Oberthulba. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 239-253.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 219.