Jüdisches Leben
in Bayern

Obernzenn Gemeinde

In einem Verzeichnis von 1631 werden erstmals Seckendorf‘sche Schutzjuden in Obernzenn erwähnt. Wahrscheinlich kamen sie im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) als Flüchtlinge in den Ort und behielten nach dem Friedensschluss als wirtschaftsfördernde Faktoren ihre Aufenthaltserlaubnis. Im Jahr 1691 gehörte ein Moyses (Moses) aus Obernzenn zu den damaligen drei Familienvorständen in Colmberg. 1777 wurde in Archshofen bei Creglingen der aus Obernzenn neu zugezogenen Wolf David aktenkundig. Im Jahre 1752 erhielt Christoph Ludwig von Seckendorff-Aberdar von beiden Markgrafen die Hochgerichtsbarkeit über Obernzenn, Urphertshofen, den Wessach- und den Straßenhof. Es entstand ein souveräner Kleinstaat von 40 Quadratkilometern. Die jüdischen Familien zahlten ihre Abgaben an die Ortsherrschaft, aber auch zur Inanspruchnahme von Handels- und Reisefreiheiten im Fürstentum Ansbach Gebühren an den Markgrafen. Dieser erhielt um 1780 eine Pauschalsumme an "Leibzoll" in Höhe von 6 Gulden. 1796 lebten 16 jüdische Familien in Obernzenn, die zunächst unter preußische Herrschaft kamen. 1806 fiel Obernzenn an das neu gegründete Königreich Bayern.

Im Jahr 1803 lebten 22 jüdische Familien mit insgesamt 82 Personen in Obernzenn. Bei der Durchsetzung des Bayerischen Judenedikts von 1813 wurden in Obernzenn vier Jahre später 19 Matrikelstellen vergeben. Mit neu angenommenen Familiennamen waren die Hausväter: 1. Joseph Jakob Lehrberger (Altkleiderhandel) 2. Koppel Eissig Egenhäuser (Handel mit Ellenwaren) 3. Isaac Hirsch Jekelheimer (Schmuser, d.h. Handelsvermittler) 4. Abraham Läser Rosenbuch (Handel mit Ellenwaren und „Lotto-Kollektur“) 5. Maier Läser Rosenbusch (Handel mit Ellenwaren) 6. Josef Lazarus Erthaler (Schmuser) 7. Judas Koppel Mergentheimer (Altkleiderhandel) 8. Kustel David Franck (Lotto-Kollektur und Schmuser) 9. Moses Mändel Wachermann (Schmuser) 10. Marx Abraham Pfeiffer (Schmuser) 11. Bär Hirsch Hirschreuter (unleserlich) 12. Aron Baruchs Priester (ohne Gewerbe) 13. Veiss David Löwensteiner (Bürstenbinder und Handel mit Bürsten) 14. Judas Jonas Krämer (Handel mit Eisenwaren) 15. Joseph Eissig Egenhausser (Handel mit Ellenwaren) 16. Joseph Isaac Creglinger (Handel mit Ellenwaren) 17. Lippmann Israel Schneider (Handarbeiten) 18. Moses Baruchs Heidenheimer (Vieh-Schlachter) 19. Salomon Hirsch Zopp (Handel mit Schnittwaren).

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge, eine jüdische Schule, eine Mikwe, sowie der im 18. Jahrhundert oder bereits 1613 angelegte Friedhof. Die jüdische Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Ansbach. Aus den Jahren 1820 bis 1823 ist eine "Beschwerde der Gemeinden Egenhausen, Obernzenn und Wilhermsdorf wegen ihres Anteils an der Finanzlast der aufgelösten Landjudenschaft Brandenburg-Ansbach erhalten. Laut dem „Frankfurter Israelitischen Familienblatt“ lebten zwischen 1817 und 1859 bis zu 42 jüdische Familien in Obernzenn.

Die wirtschaftliche Situation vor Ort blieb schwierig, was bereits die Berufe in den alten Judenmatrikeln ahnen lassen. Daher wanderten bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts die meisten Gemeindemitglieder ab, viele suchten in Übersee ein besseres Leben für sich und ihre Kinder. Unter anderem ist von der Familie des Eisenwarenhändlers Joseph Rosenbau bekannt, dass von zehn Kindern sechs nach Amerika ausgewandert sind. 

Spätestens mit der neu gewonnenen Reisefreiheit 1861 löste sich die kleine Kehillah zusehends auf. Das Gemeindezentrum kam in Privatbesitz und wurde abgerissen. Teilweise soll sich die Schule als Bestandteil des Anwesens im ehem. Steingartenweg 18 erhalten haben, auch Überreste einer zugeschütteten Mikwe sollen dort noch zu finden sein. Am 17. November 1911 starb mit hundert Jahren (sic) Rosa Wormser, die letzte Jüdin von Obernzenn. Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ berichtete über dieses Fanal. Getta Mergentheimer (*1862) und Isaak Hirsch (*1884) aus Obernzenn kamen in der Schoa ums Leben.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 183f.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36). S. 156.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 203.