Jüdisches Leben
in Bayern

Lindau (Bodensee) Gemeinde

In Lindau lässt sich seit dem Jahr 1241 eine kleine jüdische Gemeinde nachweisen, die zwei Silbermark als Steuer an den römisch-deutschen König entrichtete. Am 21. September 1286 gewährte die Lindauer Jüdin Maria (!) dem Abt Wilhelm von St. Gallen und dem Grafen Ludwig von Montfort eine Anleihe von 30 Silbermark. Ein Jahr später nahmen sie einen weiteren Kredit von 19 Mark beim Juden Berchthold aus Lindau auf. Vielleicht saßen mit den Herren Elias und Lazarus sogar Juden im Lindauer Stadtgericht. Im 13. Jahrhundert wird auch das "Steinhaus" eines offenkundig "steinreichen" Lindauer Juden als architektonische Besonderheit erwähnt. 1343 wird ein Jude "Süßkint de Lindowe" für 10 Pfennige das Bürgerrecht der Stadt Ravensburg (heute Baden-Württemberg) verliehen.

Nach den Pestpogromen 1348/49 werden die Nachrichten über jüdisches Leben in Lindau dichter; vielleicht wuchs die Gemeinde durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den besonders betroffenen Gebieten.1385 übersiedelten "Heini und Hug, die Murer, genannt die Juden" von Lindau nach Ravensburg. Ein Zinsbuch von 1400 nennt das Wohnhaus des Juden Simelli, das in der Nähe der "Metzig" stand (das Anwesen Oberer Schrannenplatz 4 hatte als Hausnamen "Alte Metzg"). Im Jahr 1401 bezahlte die Gemeinde in summa 15 Gulden Abgaben. Zwischen den Jahren 1406 und 1413 erscheinen acht Juden in Lindauer Urkunden. Sie besaß wahrscheinlich im heutigen Mautgässele, einer schmalen Gasse im Süden der Insel-Altstadt, eine Synagoge bzw. Betstube. Wann diese abgebrochen wurde, ist nicht bekannt. Wenn der Standort korrekt ist (und weil sich das jüdische Leben gemäß den halachischen Vorschriften auf tausend Schritt um die Synagoge abspielte), lag das jüdische Viertel wirtschaftlich günstig zwischen drei Marktplätzen.

Nach der Verfolgung von 1429 zerfällt die jüdische Gemeinde allmählich; 1434 zahlte sie noch 5 Gulden Judensteuer. Nach dem Berichten verschiedener Chronisten wurden 15 bis 18 Juden zu einem nicht genau feststellbaren Datum auf dem "Judenanger" verbrannt. Die Reichsstadt Lindau beschloss daraufhin, keine Juden mehr in ihren Mauern aufzunehmen.

Bis in die Neuzeit entwickelte sich kein neues jüdisches Leben mehr. Auf dem städtischen Friedhof Lindau-Aeschach (Ludwig-Kick-Straße 49) befindet sich ein Massengrab für Opfer der NS-Diktatur 1943-1945, darunter auch ermordete jüdische Zwangsarbeiter.

Nach dem Krieg gehörte Lindau zur französischen Besatzungszone und werde erst 1955 dem Freistaat Bayern (Schwaben) zugeschlagen. Daher finden sich Einträge zu "Lindau" sowohl in der US-amerikanischen wie auch mehrheitlich in der französischen Zone. Im Lindauer Ortsteil Zech kamen viele deutsche Vertriebene aus den abgetrennten Ostgebieten in einem RAD-Lager notdürftig unter und gründeten eine noch heute bestehende Landsmannschaft. 1946 richteten die französischen Behörden jedoch auch eine Sammelunterkunft für jüdische DPs ein, zumeist Überlebende der Arbeits- und Todeslager, wofür sie privaten Wohnraum beschlagnahmten. Die Gemeinde zählte im November 40 Mitglieder, dann pendelte die Zahl bei um die 20 und erreichte erst im Oktober 1948 mit 42 Personen ihren Höchststand. Von 1948 bis 1949 existierte in den Baracken des RAD-Lagers ein zusätzliches jüdisches DP-Camp mit rund 30 Bewohnern. Sie waren aus dem französischen Sektor Berlins überstellt worden. Nach Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wanderten die DPs mehrheitlich dorthin aus oder emigrierten nach Nordamerika. Wohl 1949/50 wurde die DP-Gemeinde Lindau endgültig aufgelöst, das Lager im Ortsteil Zech bestand noch bis 1954 und diente zuletzt hauptsächlich als Unterkunft für Umsiedler, die für den Flüchtlingsaustausch zwischen den Ländern in Frage kamen.

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 267f.
  • Carl Zumstein: Die Sonderstellung Lindaus während der Besatzungszeit von 1945 bis 1955. In: Bund der Vertriebenen Kreisverband Lindau (B) / Wilfred Lenz (Hg.): Dokumentation. Ankunft und Eingliederung der Heimatvertriebenen in Lindau (B), Bd. I. Lindau 1986, S. 194f.
  • Kulturamt der Stadt Lindau / Werner Dobras: AK Lindau 1945-1955. Begleitheft zur Ausstellung in den städt. Kunstsammlungen im "Haus zum Cavazzen". Lindau 1986, S. 23.
  • Heins Veitshans: Die Judensiedlungen der schwäbischen Reichsstädte und württembergischen Landstädte im Mittelalter (Dissertation). Stuttgart 1970 (= Arbeiten zum Historischen Atlas von Süddeutschland 5), S. 30.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 246.