Jüdisches Leben
in Bayern

Leipheim Gemeinde

Bis ins 20. Jahrhundert ist in Leipheim kein jüdisches Leben nachweisbar. Nach dem Sturz der NS-Diktatur wurde auf dem Gelände des 1936 erbauten Leipheimer Militärflughafens ein jüdisches DP-Lager errichtet und im Dezember 1945 geöffnet. Das Lager wurde von der UNRRA versorgt und verwaltete sich nach einem üblichen Muster mit einem gewällten Komitee größtenteils selbst. Später wurde das Areal von der U.S. Air Force und anschließend von der Luftwaffe der Bundeswehr genutzt. Seit 2010 wird das ehemalige Flughafengelände durch einen interkommunalen Zweckverband in ein Gewerbe- und Industriegebiet umgewandelt.

Das jüdische DP-Lager stand unter dem Vorsitz von Jakob Lewin und Fischl Leseruck. Für die innere Sicherheit sorgte eine eigene uniformierte Lagerpolizei, in der auch Mitglieder der linkszionistischen Jugendbewegung DROR ihren Dienst verrichteten. Das Lager verfügte über einige religiöse Einrichtungen, um den strenggläubigen bzw. orthodoxen Bewohnern ein Leben gemäß der Kaschrut zu ermöglichen: Eine eigene Krankenstation, eine koschere Küche, einen Cheder für die Knaben bis dreizehn Jahren und eine jüdische Hochschule (Jeschiwa). Von einer Synagoge ist nach aktuellem Stand zwar nichts bekannt, ihre Existenz auf dem Gelände ist aber naheliegend und sehr wahrscheinlich. Zur körperlichen Entspannung gab es den Sportverein "Makabi Leipheim" und die jiddische Lagerzeitung "A Heim" informierte die Bewohner mit Nachrichten. Ein Trainingskibbuz (Kibbuz-Hachschara) auf einem nahegelegenen Bauernhof gehörte ebenfalls zum Lager, wo sich die DPs in landwirtschaftlichen Tätigkeiten übten und frische Lebensmittel zur Selbstversorgung anbauten. Weitere Bildungseinrichtungen waren ein jüdischer Kindergarten, eine Volksschule, eine Berufsschule und eine größtenteils jiddische Bibliothek. Bereits im Januar 1946 lebten rund 2500 Personen auf dem Gelände, im Mai wurde mit 3.150 der Höchststand erreicht. Nach der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 begannen die DPs mehrheitlich dorthin auszuwandern. Andere bauten sich in Bayern eine neue Existenz auf oder emigrierten in andere Länder. Bis Oktober 1948 sank die Zahl der Leipheimer DPs auf 1817. Im Laufe des Jahres 1949 wurde das Lager geschlossen und die verbliebenen DPs auf andere DP-Einrichtungen verteilt, die dann auch mehr Privatsphäre ermöglichten.


(Patrick Charell)

Adresse / Wegbeschreibung

Hermann-Köhl-Straße 4, 89340 Leipheim