Kunreuth entstand vermutlich im 11. Jahrhundert als Rodungsort an der bedeutenden Verbindung Regensburg-Forchheim. "Chunenreuth" gehörte zum Hochstift Bamberg und blieb lange ein kleiner Weiler, der sich zunächst auf mehrere Ortsherrschaften aufteilte. Auf dem Grund der Herren von Schlüsselfeld sollen sich 1349 die ersten jüdischen Familien niedergelassen haben, die nach der Vertreibung aus Nürnberg einen Schutzbrief der Ritter erwerben konnten.
Mitte des 15. Jahrhunderts bestand das Dorf aus vier Bauernhöfen, fünf Selden, einer Schenke und dem Gutshof, seit 1503 wird zudem unterhalb eine Mühle erwähnt. 1535 vereinte Reichsritter Claus V. von Egloffstein den gesamten Besitz in einer Hand. Bis 1848 verfügte ein Fideikommiss über die Grundherrschaft, und das Schloss zu Kunreuth ist noch heute Sitz der Gräflich Egloffstein'schen Verwaltung. Mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 wurde der Ort eine protestantischen Enklave. Die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spuren jüdischer Familien sind spärlich: 1448 reichte ein ansässiger "Lemblein Jud" beim kaiserlichen Landgericht in Bamberg eine Klage ein. 1595/96 sind Juden in den zum Kastenamt Kunreuth gehörenden Orten Gosberg und Kirchehrenbach nachweisbar, 1624 wird in den Kastenbüchern erstmals eine eigene Rubrik für das Schutzgeld aufgeführt. Allerdings waren zwischen 1624 und 1637 keine Juden im Hauptort selbst ansässig, sondern nur in Gosberg und Weingarts.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde Kunreuth schwer verwüstet und fast vollständig zerstört. Für den Wiederaufbau siedelten die Egloffsteiner ihre Schutzjuden um und gewährten weiteren Familien das Aufenthaltsrecht: 1639 werden Michael und sein Schwiegersohn Jacob aus Gosberg genannt, dazu die Familien von Samuel, Hirsch, Wolff, Levi und Schwarz Michael. Sie zahlten in diesem Jahr an den evangelischen Pfarrer für die entgangenen Stolgebühren einen Ausgleich von 21 Gulden 4 Kreuzer.
Ihre Wohnstätten sind unbekannt, nur von Michael und später dessen leiblichen Sohn Männlein weiß man, dass sie im herrschaftlichen "Viechhaus" (wohl in der Schlossökonomie) untergekommen waren.
Die Einnahmen aus dem Judenschutzgeld hatten sich bis 1645 durch die Ansiedelungspolitik der Grundherrn von 16 Gulden 6 Kreuzer auf über 28 Gulden erhöht. Im Gegensatz zu vielen anderen Schutzherrschaften hatten die Egloffsteiner Juden in Kunreuthdas Recht, Immobilien zu erwerben. Der erste bekannte Hausbesitzer war 1645 ein "Männlein Judt", fünf Jahre später erfasst das Rechnungsbuch bereits vier jüdische "Gütler".
1650 stellten die Juden in Kunreuth bereits die Einwohnermehrheit und konnten mit mehr als zehn rituell erwachsenen Männern einen Minjan bilden. Elf Hausväter zahlten Schutzgeld: "Miachel Juedt im Viechhaus, Männlein Juedt sein Sohn, Blässel Juedt sein Sohn, Jacob Juedt sein Adyam [eigentlich Eidam, d.h. Schwiegersohn], Samuel Juedt, Aaron Juedt, Samuel der J. (so das Hirschwittib [die Witwe Hirsch] erheiratet), Lew, Männlein, Gromann, Köpplein, Mosch".
1660 wird erstmals eine Synagoge als eigenes Anwesen erwähnt. In diesem Jahr hatten zwei der 16 Güter und vier der zehn Häuser im Dorf jüdische Besitzer. Gerade bei den kleinen Anwesen wechselten sich christliche und jüdische Besitzer ab, es gab keine festgelegten "jüdischen Häuser".
Im frühen 18. Jahrhundert gewann Kunreuth als neuer Verwaltungssitz des Reichsritter-Kantons Gebürg eine überregionale Bedeutung. Die Einwohnerzahl wuchs, der Ort erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1680 lebten 14 jüdische Familien im Ort, 1700 sank die Zahl auf zehn, 1728 waren es wieder 21 Familien. Die jüdische Gemeinde könnte also zu dieser Zeit etwa einhundert Personen umfasst haben.
Im Jahr 1753 erwarb Abraham Mordechai (Marx) ein Tropfhaus am Aufstieg zum Kirchberg. Er begründete die große Familie Kunreuther, die später nach Baiserdorf und Fürth abgewanderte.
Ab 1740 kam es nochmals zu einem verstärkten Zuzug von Juden nach Kunreuth, weitere Häuser entstanden rund um die Synagoge. Jetzt griffen die Herren von Egloffstein regulierend auf die Zahl der jüdischen Haushalte ein und begrenzten sie im Jahr 1767 auf 28. Dem Kastner wurden sogar 50 Gulden Strafe angedroht, sollte er zulassen dass die Zahl darüber hinaus steigen würde. Die Gründe hierfür sind unbekannt.
Die gesamte jüdische Bevölkerung zählte bis weit in das 19. Jahrhundert hinein zur Bevölkerungsgruppe der Handwerker, Tagelöhner und Dienstleister, die jeweils nur weniger als 1 ha Nutzfläche besaßen und vom Ertrag dieses Bodens nicht leben konnten. Sie blieben auch bei einer allgemeinen Vergrößerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche im frühen 18. Jahrhundert außen vor. Dafür hatte mehr als die Hälfte von ihnen (13 von 21) einen Anteil an der Allmende des Ortes, eine durchaus ungewöhnliche Situation in Franken: Juden saßen damit gleichberechtigt im dörflichen Gemeindegremium, das ihnen zu Liebe auch niemals an einem Schabbat tagte.
Ende 1805 fiel Kunreuth an Bayern. In jenem Jahr bestand die Bevölkerung aus 355 Protestanten und 135 Juden. 1811 war ihre Zahl auf 149 gestiegen, und bei der Durchsetzung des Judenediktes wurden 25 Matrikelstellen für vierzig Haushaltsvorstände mit rund 180 Familienmitgliedern vergeben. Möglicherweise zählten sich auch die beiden Matrikelstelleninhaber im benachbarten Mittelehrenbach zu dieser Gemeinde, weil sie der Kunreuther Familie Heumann angehörten.
Die Gemeinde bestand 1845 aus 150 Personen, sie besaß eine Synagoge, eine Schule und ein rituelles Bad. Die Verstorbenen wurden auf dem jüdischen Friedhof Baiersdorf beigesetzt. Alle männlichen Juden arbeiteten Mitte des Jahrhunderts im Handelsgewerbe, das rund 17% der Berufsstruktur des Ortes ausmachte.
Durch Wegzug und Auswanderung begann ein Schrumpfungsprozess, der sich ab 1861 nochmals beschleunigte: Mit der neu gewonnenen freien Wohnorts- und Berufswahl suchten vor allem jüngere Generationen in den Industriezentren oder gleich im Ausland bessere Zukunftsperspektiven.
Das Schulgebäude befand sich von 1830 bis 1876 im Anwesen Badanger 16, der Religionslehrer amtierte aus Kostengründen gleichzeitig als Vorbeter und Schächter. Noch 1872 versuchte der Vorstand der Kultusgemeinde die inzwischen vakante Stelle zu besetzen. Als Gehalt bot sie 200 Gulden (hundert weniger als der staatlich vorgeschriebene Mindestbetrag), dazu freie Wohnung, Heizkostenzuschuss und die Möglichkeit von Nebeneinkünften. Fraglich ist, ob die ausgeschriebene Stelle überhaupt neu besetzt wurde. Bis 1879 hatte sich die Zahl der in Kunreuth wohnenden jüdischen Familien auf vier reduziert. Der letzte Kultusvorsteher war wahrscheinlich Karl Heumann, dessen Vorfahren ausweislich der Matrikellisten schon im 18. Jahrhundert in Kunreuth lebten. Die Gemeinde löste sich in der zweiten Jahreshälfte 1879 auf, wie Heumann in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. April 1879 ankündigte. Mit einem Zeitungsinserat bot er die Ritualien der Synagoge zum Kauf an.
Trotzdem wurde der Ort im Statistischen Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes weiterhin als eigenständige Kultusgemeinde aufgeführt, bis er dann 1905 als Filiale der Gemeinde in Forchheim erscheint. Es lebte mit dem Handelsmann Sigmund Sulzberger ohnehin nur noch ein einziger Jude im Dorf.
Von den in Kunreuth geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen ist Bertha Weißmann geb. Braun (geb. 1873 in Kunreuth, später wohnhaft in Bamberg) 1943 im Ghetto Theresienstadt umgekommen.
Die einzelnen Zweige der Familie Kunreuth reisten im März 2002 aus Nordamerika, Irland und Israel nach Kunreuth und feierten dort das erste große Wiedersehensfest.
Seit 2007 steht am ehemaligen Synagogenstandort die 2. Station vom historischen Kulturweg Spurensuche Kunreuth, der von Prof. Andreas Otto Weber und Dr. Hermann Ulm in einer gemeinsamen Forschungsarbeit für den Verein "Kunreuth - hier lässt sich's leben e.V." erstellt wurde. Eine illustrierte Hinweistafel erinnert an die Geschichte der jüdischen Gemeinde. Der Kulturweg ist seit 2021 auch als Podcast verfügbar.
Bilder
Bevölkerung 1875
Literatur
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
- Andreas Otto Weber (Hg.): Reichsritterschaftliche Dorfentwicklung in der Frühen Neuzeit am Beispiel von Kunreuth. In: Jahrbuch für Fränkische Landesforschung 63 (2009), S. 301-323.
- Hermann Ulm: Kunreuth in der Mitte des 19. Jahrhunderts und heute: Wandel der landwirtschaftlichen Betriebe und ihrer sozioökonomischen Bedeutung für den Ort. In: Jahrbuch für Fränkische Landesforschung 63 (2009), S. 324-339.
- Andreas Otto Weber / Hermann Ulm: Spurensuche Kunreuth. Ein kulturgeschichtlicher Wanderweg durch Dorf und Flur. In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 55 (2008), S. 49-57.
- Christoph Daxelmüller: Jüdische Kultur in Franken. Würzburg 1988 (= Land und Leute. Veröffentlichungen zur Volkskunde 31), S. 92.
- Johann Max Kaupert: Im Banne des Hetzlas. Ein Heimatbuch vom Berg und seiner Umgebung mit besonderer Berücksichtigung von Neunkirchen a. Br. und Hetzles. Neunkirchen am Brand 1988.
- Deutsch-Israelitischer Gemeindebund (Hg.): Statistisches Jahrbuch Deutscher Juden 17. Jg. (1905), S. 84.
- K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 134.
- Anselm Andreas Cammerer (Hg.): Das Königreich Bayern in seiner gegenwärtigen Gestalt für Schulen und Vaterlandsfreunde. 9. überab., erw. u. korr. Aufl. Kempten 1845, S. 147.
- SchloßA Kunreuth, Rechnungsbuch des Kastenamts von Kunreuth 1650/51 [Kastner Johann Krafft], fol. 20-24, 64.
- SchloßA Kunreuth, Rechnungsbuch des Kastenamts von Kunreuth 1645/46 [Kastner Dominicus Petit], unfoliiert.
- SchloßA Kunreuth, B21[a], S. 261-311.
