Jüdisches Leben
in Bayern

Hörstein Gemeinde

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618‒1648) wurde mindestens ein Anwesen im Ort von einem Juden erworben; 1685 sind sechs Schutzjuden mit ihren Familien verzeichnet. Sie mussten an den gemeinsamen Grundherren (bis 1748), den Kurfürsten in Mainz und den Grafen von Hanau, sowie der Ortsverwaltung ihre Gebühren entrichten. Im frühen 18. Jahrhundert lebten 13 jüdische Familien im Ort. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte sank deren Zahl zunächst auf acht Familien und erreichte 1786 mit 16 Haushalten (70 Personen) eine neue Höchstzahl. In der Mehrzahl waren es Familien mit geringem Einkommen. 1792 verpflichtete die Kultusgemeinde einen staatlich geprüften Melamed, der auch die Tätigkeit des Chasan und Schochet übernahm.

Die Kultusgemeinde war 1817 auf 25 Haushalte angewachsen; 1851 zählte sie 156 Mitglieder. Die meisten der Männer waren im Handel oder als Handwerker (Metzger, Weber, Seifensieder, Färber, eine Näherin, ein Landwirt) tätig. Vier der jüdischen Familien galten nun aus staatlicher Sicht als wohlhabend, zehn von ihnen hatten ihr Auskommen, der Rest lebte in armen Verhältnissen.

Seit 1812 besaß die Kultusgemeinde zusammen mit der jüdischen Gemeinde von Alzenau-Wasserlos einen Friedhof, der nordwestlich von Hörstein am Neuenberg lag. Zuvor hatte sie ihre Toten hauptsächlich auf dem Totenacker in Hanau (Hessen) begraben. Die IKG Hörstein gehörte dem Bezirksrabbinat Aschaffenburg. Das Gelände wurde mit einer Ummauerung geschützt, die wohl in der 2. Hälfte der 1830er Jahre fertiggestellt war. 1889 erfolgte eine Erweiterung dieses Friedhofs; eine Friedhofsordnung trat ein Jahr später in Kraft. Schon 1824 entstanden im Ortszentrum auf dem Grundstück des alten, 1741 erstmals erwähnten jüdischen Bethauses (heute Hauptstraße 29) für die nunmehr 114 Gemeindemitglieder eine neue Synagoge und dahinter, westlich angrenzend, ein Gemeindezentrum mit Lehrerwohnung, Küche, Waschküche und Unterrichtsraum. Über eine dort ebenfalls geplante Mikwe gibt es keine weiteren Nachrichten. Spätestens ab 1839 war ein Ritualbad am Privathaus von Raphael Weil (Hausnummer 150, heute Enggasse 8) in Gebrauch, das 1842 und 1879 renoviert werden musste. Einer antisemitischen Stimmung im Revolutionsjahr 1848 versuchten die christlichen Einwohner von Hörstein auszunutzen, indem sie den jüdischen Mitbürgern die Teilhabe am gemeinschaftlichen Eigentum der Gemeinde streitig machten. Durch ein Urteil des Landgerichts Alzenau wurde die Kultusgemeinde jedoch in ihren Rechten bestärkt. 1897 war das Schulzimmer im Gemeindehaus zu klein geworden und das ganze Haus dringend sanierungsbedürftig. 30 Kinder besuchten damals den Religionsunterricht. Das Bezirksamt forderte einen Neubau. Die Kultusgemeinde entschloss sich daraufhin zum Abriss des Gebäudes und zur Errichtung einer israelitischen Elementarschule an seiner Stelle. Der zweigeschossige Satteldachbau mit Lehrerwohnung, großem Unterrichtsraum, Waschküche und weiteren Kammern war im Jahr 1900 fertiggestellt.

Die jüdische Bevölkerung Hörsteins war im frühen 20. Jahrhundert voll im gesellschaftlichen Leben von Hörstein integriert, engagierte sich in den örtlichen Vereinen und hatte bis in die 1920er Jahre auch einen Vertreter im Marktgemeinderat. Sinkende Schülerzahlen belasteten jedoch zunehmend die Finanzierung der Elementarschule. Nachdem 1931 nur noch fünf jüdische Schulkinder den Unterricht besuchten, stellte die Regierung von Unterfranken die Bezahlung der hauptamtlichen Lehrerstelle ein und versetzte den Pädagogen Israel Wahler an die jüdische Volksschule nach Bad Neustadt a.d. Saale. Die Kultusgemeinde beschloss daraufhin, ihre Schule in Eigenregie weiterzuführen und die Bezahlung der Lehrkraft selbst zu übernehmen. Der eingestellte Schulpraktikant Michael Berlinger unterrichtete hier bis 1934 und wechselte dann an die neu gegründete jüdische Schule nach Aschaffenburg.

Die Kultusgemeinde zählte im Jahr der NS-Machtergreifung 1933 rund 100 Mitglieder. Trotz des früheren harmonischen Miteinanders von Juden und Christen, das das Zusammenleben in den letzten Jahrzehnten in Hörstein bestimmt hatte, waren sie im NS-Regime den staatlich geförderten Repressionen und zunehmend brutalen Übergriffen der Bevölkerung ausgesetzt. Im August kam es in Hörstein zu schweren antisemitischen Anschlägen: Drei jüdische Mitbürger wurden von bewaffneten SS-Männern verschleppt und brutal zusammengeschlagen. Die Aschaffenburger Richter verurteilten danach nur einen der beteiligten Täter zu einer Bewährungsstrafe von zwei Monaten, was ihnen im NSDAP-Hetzblatt "Stürmer" den Vorwurf einbrachte, sie seien "Judenknechte". Unter den Opfern des Anschlags befand sich das langjährige Gemeindemitglied Moritz Löwenthal. Zwei Jahre später wurde gegen ihn eine große Hetzkampagne durchgeführt und er wurde von der Polizei in "Schutzhaft" genommen.

Seit 1935 nahm die judenfeindliche Gewalt im Markt immer stärkere Ausmaße an. Der bereits 1923 erstmals geschändete jüdische Friedhof wurde mehrmals schwer verwüstet, Jugendliche warfen die Fensterscheiben jüdischer Häuser und Wohnungen ein. Während des Novemberpogroms (9./10.11.) 1938 rottete sich ein Mob örtlicher SA-Leute und Bürger zusammen. Sie drangen in jüdische Häuser und Wohnungen ein, plünderten sie, zerstörten die Einrichtung und misshandelten die Bewohner. Danach gab es große Streitigkeiten um die Verteilung des erbeuteten jüdischen Eigentums. Nach diesen schrecklichen Ereignissen verließen bis 1940 alle Jüdinnen und Juden Hörstein. Bevor sie ins Ausland, meist in die USA, emigrierten oder in größere Städte, vor allem nach Frankfurt, umzogen, mussten sie ihre Immobilien und übrigen Besitztümer weit unter Wert zwangsweise verkaufen. Am 1. Oktober 1939 wurde die Kultusgemeinde Hörstein formell aufgelöst.

Das Landgericht Aschaffenburg führte nach umfangreichen Vorermittlungen 1950 ein Strafverfahren zu den antisemitischen Ausschreitungen durch, die am 10. November 1938 in Hörstein stattgefunden hatten. Drei der neun Beschuldigten wurden aufgrund der Weihnachtsamnestie vom 31.12.1949 nicht verurteilt, fünf wurden ebenfalls freigesprochen, ein Hauptangeklagte erhielt neun Monate Freiheitsstrafe wegen mehrfacher Nötigung. Das ehemalige jüdische Schulhaus und die Synagoge wurden 1951 von der Marktgemeinde erworben und verschiedentlich genutzt. 1982 erfolgte der Abriss und die Veräußerung des Grundstücks an die Anwohner. Ein Denkmal zur Erinnerung an die ehemalige Synagoge wurde 1994 an der Edelmanngasse südlich der katholischen Pfarrkirche aufgestellt. Die Kommune Hörstein beteiligt sich am Projekt DenkOrt Deportationen mit zwei Gepäckstücken: Eines erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz, das Gegenstück erinnert vor Ort an die deportierten Opfer der Shoah. 

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Axel Töllner / Cornelia Berger-Dittscheid: Schöllkrippen. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 92-111.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 208.