Grasmannsdorf, heute ein Ortsteil von Burgebrach, wird erstmals 1303 in einem Würzburger Urbar namentlich genannt. Seit dem Bau einer Brücke führte der Weg nach Bamberg mitten durch das Dorf, außerdem lag es am Kreuzungspunkt weiterer alter Fern- und Handelsstraßen. Bis zur Säkularisation 1803 blieb die Grundherrschaft geteilt: Die eine Hälfte gehörte der Domprobstei Würzburg, also dem Würzburger Hochstift, die andere Hälfte den Freiherren von Rotenhan, die in der ganzen Umgebung Güter besaßen. Der Herrensitz Grasmannsdorf gehörte zum reichsunmittelbaren Ritterkanton Steigerwald. Im Dreißigjährigen Krieg 1632 wurde das Dorf bis auf das Schloss vollständig zerstört. Im Jahr 1693 gab es nur einen Rotenhan'schen Schutzjuden, der wahrscheinlich in Rentweinsdorf wohnte.
Ende des 17. Jahrhunderts verkaufte Elisabeth von Rotenhan das Gut an den Syndikus des Bamberger Domkapitels, Johann Franz-Joseph von Heinrichen. Die Familie gehörte dem fürstbischöflichen Beamtenadel an und hielt sich zumeist in ihrem Stadthaus in Bamberg auf (Kapuzinergasse 34). Dennoch ließ der Geheime Hofrat Franz Josef von Heinrichen (1734-1802) den Herrensitz im Stil des Spätbarocks umbauen, errichtete 1769 eine neue Schlosskapelle und gründete 1783 ein Brauhaus. Am 19. September 1787 nahm er mit Salomon Leser aus Prag und seiner Ehefrau die ersten Schutzjuden in Grasmannsdorf auf, um die Wirtschaft des Gutsbesitzes und seine Einnahmen zu steigern. Dies führte zu einer Anzeige und dem Unwillen der bischöflichen Regierung, doch konnte Hofrat von Heinrichen die Wogen mit dem Hinweis auf die insgesamt sehr wenigen Schutzjuden im Amt Burgebrach glätten.
Am 3. Februar 1789 erscheinen der Bräu Nikolaus Mezer und der Jude Fischel Moses wegen einer Streitsache vor dem grundherrschaftlichen Gericht. Zum Ende des Alten Reiches wurden von den 30 Häusern im Ort sieben von jüdischen Familien bewohnt. Es handelte sich dabei nicht außschließlich um Tropf- bzw. Söldenhäuser - die Grasmannsdorfer Juden konnten zum Teil genügend Grund(anteile) besitzen, um davon auch leben zu können.
Nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 gehörte das ehemalige Reichsrittergut Grasmannsdorf zu Bayern. Die Grundherrschaft derer von Heinrichen wurde in ein Patrimonialgericht umgewandelt, das bis 1838 bestand. Das Gut wechselte mehrfach den Besitzer und wurde zuletzt zerschlagen. Im Jahr 1804 klagte die jüdische Gemeinschaft vor dem Patrimonialgericht gegen das Mitglied Seligmann Moses, weil dieser seinen finanziellen Verpflichtungen zum Unterhalt des Religionslehrers nicht nachkam. Das lässt auf die konstante Anwesenheit eines Melamed schließen, der wohl wie bei armen und kleinen Landgemeinden üblich in Personalunion das Amt von Schochet und Chasan erfüllte.
Ebenfalls 1804 klagte die jüdische Gemeinschaft vor dem Patrimonialgericht gegen das Mitglied Seligmann Moses, weil dieser seinen finanziellen Verpflichtungen zum Unterhalt des Melamed in der "Judenschul" nicht nachkam. Ihre Toten begruben die Grasmannsdorfer Juden auf dem Verbundfriedhof in Walsdorf. Von 1813 bis 1906 gehörte Grasmannsdorf zum Distriktsrabbinat Burgebrach, dann zum Distrikt Bamberg.
Das Dorf Grasmannsdorf bestand 1808 aus 27 Anwesen inkl. dem Herrensitz. Die jüdische Einwohnerschaft bestand aus sechs Hausstätten: Nr. 9a Joseph Hirsch, Nr. 9b Hirsch Sußmann, Nr. 11a Ruben Bonum, mit einem Betraum im Obergeschoss („Judenschul“), Nr. 12 Köhla, Witwe des Isaak Lippmann, Nr. 24 Süslein Jonathan und Nr. 26 Lippmann Schleestein. Nach Ansicht der Behörden war diese Zahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zu groß, allerdings wurden die Stellen nicht reduziert.
Eine am 3. Januar 1823 aufgestellte Matrikelliste weist, alphabetisch gelistet, sieben Matrikelstelleninhaber und eine "überzählige" Stelle aus:
1. Jette Goldmann (geb. 1764, Schutz seit 1793). Viertelanteil an einem Tropfhaus, Vermögen 500 Gulden. Sohn Michael (*1802) war Knecht in Uhlfeld, die ältere Tochter Esther (*1799) Dienstmagd in Hildburghausen, eine jüngere Tochter Gertraud lebte noch im Haus.
2. Michael Heller (*1756, Schutz seit 1791), Vermögen 50 Gulden, Viehhändler. Der älteste Sohn Johan (* 1796) diente als Knecht bei einem Viehhändler in Altenkunstadt, der zweite Sohn Koppel (*1801) war Metzgergeselle. Michael Heller trat seine Matrikelstelle 1828 zugunsten seines Sohne Koppel ab, als dieser mit Esther Schlekstein verheiratet war. Koppel besaß zu dieser Zeit ein Haus und 400 Gulden Vermögen.
3. Hirsch Süßmann Hellmann (*1749, Schutz seit 1789), ein Haus, Vermögen 150 Gulden, Viehändler.
Verh. m. Esther (* 1747), zwei Töchter Ella (* 1787) und Karoline (*1782) auswärts in Stellung. Seit dem 14. Februar 1837 hatte der Schuhmacher Abraham Hellmann (* 1812) die Stelle inne, Wohnhaus und 675 Gulden Vermögen.
4. Joseph Hirsch Hellmann (*1777, Schutz seit 1804), Sohn von Hirsch Süßmann Hellmann, Haus mit Garten und Feldanteil, Vermögen 700 Gulden. Verh. m. Karoline (*1778). Die beiden hatten drei Töchter (Fanny *1806, Elkel *1808 und Karoline *1818) und zwei Söhne (Löw *1811, und Lehmann *1813). Seit 1847 hatte Meyer Ehrlich (*1819) die Stelle inne.
5. Wolf Borum Kraus (*1786, Schutz 1814), ein Haus, Vermögen 575 Gulden, Schnittwarenhändler.
Verh. m. Edel (*1791), Sohn Barum (*1820), Weber, folgte ihm 1845 auf der Stelle nach, zwei Töchter
(Janne *18179 und Rößla *1820).
6. Ruben Schl[ee]stein (*1753, Schutz seit 20.10.1786). Haus, Garten- und Feldanteile, Vermögen 675 Gulden, Viehhändler. Verh. m. Gehla (*1765), fünf Töchter (Kufel *1789, als "abwesend" bezeichnet; Edel *1791, verheiratet mit schon genannten Wolf Borum Kraus; Esther *1800, in Diensten in Fürth; Besla *1804 und Babette *1806, im Badischen in Stellung). Die Söhne waren Lippmann *1795, Metzgergeselle; Moses *1797, als "abwesend" bezeichnet und Isak *1802.
7. Jonathan Uffenheimer (*1791, Schutz seit 3.4.1816), Haus, Garten- und Feldanteile, Vermögen 700 Gulden. Verh. m. Bräunla (*1792), drei Söhne, Joseph *1820 und Seligmann *1823. Der dritte Sohn, Baruch Uffenheimer (*1823), folgte 1851 seinem Vater auf der Matrikelstelle. Mit dem Haus- und Grundbesitz und 3190 Gulden Vermögen konnte er als Privatier leben.
O. Nr. Lippmann Schleestein (*1796, Schutz seit 9.9.1824), ein Wohnhaus, 1 ½ Morgen Feld, Vermögen 1550 Gulden, Metzger.
In den 1830er Jahren ist aufgrund der Matrikelaufstellung von einer Gemeindegröße von 30 bis 40 Personen auszugehen. Weil es jedoch zu wenig Verdienstmöglichkeiten gab – bereits in der Matrikelliste müssen alle Kinder auswärtig arbeiten – wanderte mehr oder weniger die gesamte Jugend ab und suchte im Ausland eine bessere Zukunftsperspektive. Um 1852 sollen deshalb noch 22 jüdische Einwohner in Grasmannsdorf gelebt haben. Der Trend zur Abwanderung verschärfte sich noch einmal mit der Aufhebung des Judenedikts im Jahr 1861, als allen Juden in Bayern die freie Wohnorts- und Berufswahl gewährt wurde.
Die Familie Uffenheimer dürfte am längsten in Grasmannsdorf gelebt haben und nahm durch ihren relativen Wohlstand eine führende Rolle in der Gemeinschaft ein. Josef Uffenheimer wurde 1850 im Tag-Blatt der Stadt Bamberg als Verkäufer von 90 Klafter Holz genannt. Zu den Mitgliedern des Landwirtschaftlichen Vereins für Oberfranken zählte 1863 auch Baruch Uffenheimer, "Handelsmann in Graßmannsdorf" (Königlich-Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Oberfranken). Als sein Sohn Adolph (*1854) im Alter von 13 Jahren die Gewerbeschule in Bamberg besuchte, wird Baruch im Jahresbericht als „Kaufmann“ bezeichnet. Es zeigt auch die Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs durch den Bildungsweg, dem viele Juden in Deutschland folgten. Dazu war die Familie wahrscheinlich nach Bamberg umgezogen, denn 1870 verbürgte sich Baruch bei den lokalen Behörden für seinen Sohn Adolph, der 1871 mit seinem Freund Berg Krammer nach Nordamerika auswanderte. Nur vier Jahre später folgte ihm sein Bruder Sigmund Uffenheimer (*1858) über den Atlantik.
Die letzten Mitglieder der jüdischen Landgemeinde in Grasmannsdorf waren Abraham Hellmann, Baruch Uffenheimer und Mayer Ehrlich (November 1868). Sie verkaufen die "Judenschule" an eine christliche Privatperson. Im Jahr darauf werden unter den 191 Einwohnern keine Juden mehr aufgezählt.
Persönlicher Dank geht an Georg Kaiser, Brauerei Kaiser Grasmannsdorf, für seine freundlichen Hinweise sowie an Philipp Spindler, Grasmannsdorf, für seine wertvolle Grundlagenforschung.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1840
Literatur
- Philipp Spindler: Das Heimatbuch Grasmannsdorf. Ein idyllisches Dorf mit bewegter Vergangenheit. Mannheim 2022, S. 103-107, 203-205, 340-343, 356f., 391-400.
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberrg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
- Hans-Christoph Haas: Walsdorf. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 214.
- Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942). Ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 395.
- K. Statistisches Bureau (Hg.): Verzeichniß der Gemeinden des Königreichs Bayern nach dem Stande der Bevölkerung im Dezember 1867 [...]. München 1869 (= Beiträge zur Statistik des Königreichs Bayern 21), S. 129.
- Königliche Gewerbschule in Bamberg (Hg.): Jahresbericht über die Königliche Gewerbeschule in Bamberg 1867/68. Bamberg 1868, S. 21.
- Max Siebert: Das Königreich Bayern topographisch-statistisch in lexicographischer und tabellarischer Form dargestellt. München 1840, S. 256.
