Jüdisches Leben
in Bayern

Gnodstadt Gemeinde

Im Jahr 1593 ist mit Samuel erstmals ein jüdischer Pferdehändler in der brandenburgisch-ansbachischen Ortschaft Gnodstadt nachweisbar. Dass Samuel auch während des Sonntagsgottesdiensts seinem Beruf nachgegangen war, führte zu seiner kurzfristigen Vertreibung. Trotz des Widerstands der Dorfobrigkeit stellten die markgräflichen Behörden Samuel am 30. Juli 1594 einen neuen Geleitbrief aus. Fünf Jahre später bat Samuel Sohns Michael um Aufnahme. Im Dreißigjährigen Krieg ersuchte 1627 Frau Behle, Witwe des Gnodstädter Juden Abraham, das Oberamt Creglingen um Schutzbriefe für ihren Sohn und Schwiegersohn. Trotz Protest erlaubte dieses im selben Jahr auch dem Kriegsflüchtling Maier aus Schmalkalden die Niederlassung. Dies sind bis in das frühe 19. Jahrhundert die letzten bekannten Nachweise.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden in den Akten des kurzfristig preußischen Kammeramts Mainbernheim vier jüdische Haushaltsvorstände genannt. Hirsch Aaron, David Aaron und Samuel Ascher Aaron waren wegen desselben Zweitnamens wohl Brüder. Im Jahr 1810 kaufte die jüdische Gemeinde ein Haus, um es als Gemeindezentrum zu nutzen. In dem eingeschossigen, rund 13 Meter langen und 7 Meter breiten, auf einem rechteckigen Grundriss errichteten Satteldachbau waren unter einem Dach die Schule, Lehrer- und Vorsängerwohnung sowie die Synagoge (Betraum) untergebracht. Die aus Sandsteinquadern bestehende Giebelwand durchbrachen vier Fenster im Erd- und zwei im Dachgeschoss. Auf die herausgehobene Stellung des Gebäudes verwies die Betonung der Gebäudeecken durch Eckpilaster. Bisher unklar ist die Grundrissaufteilung des Gebäudes. 1813 stellte das zuständige Landgericht Uffenheim daher ganz richtig fest, dass ein freistehendes jüdisches Gotteshaus nicht bestehe. Die kultischen Handlungen übernahm ebenfalls der Schullehrer. Im selben Jahr wurden neun männliche Haushaltsvorstände mit sieben Frauen und 28 Kindern, insgesamt 44 Seelen in die Matrikelliste eingetragen.

Das Zusammenleben zwischen Nichtjuden und Juden war um 1820 von Konflikten bestimmt. 1817 legten die Gnodstädter Juden beim Landgericht Uffenheim einen Schriftsatz vor, in dem sie sich über verschiedene Übergriffe ihrer Nachbarn beklagten. Demnach seien jüdische Jungen nachts mit Brettern angegriffen worden. Außerdem hätten 30 bis 40 junge Männer das Haus des Aaron bedroht und das Gebäude mit einem Balken beinahe zum Einsturz gebracht. Die Teilnehmer einer Beschneidungsfeier seien durch Steinwürfe in das Fenster und die Juden, die zum Torastudium während Jom Kipur in einem Privathaus versammelt waren, durch mutwilliges Einsperren belästigt worden.

Auf diese Beschwerden der Gnodstädter Juden hin mahnte das Landgericht den untätigen Ortsvorsteher zum energischen Eingreifen und zur Androhung von Strafen, falls erneut Übergriffe stattfinden sollten. Vermutlich war das Eingreifen des Landgerichts nur bedingt erfolgreich, da Jeremias Hirsch, der Vorsteher der Gnodstädter jüdischen Gemeinde, bereits im September 1818 aussagte, dass die Eruvschranken zerstört worden seien. Auch in diesem Fall versprach das Landgericht, die Täter zu bestrafen. Ob es die angekündigten Maßnahmen tatsächlich durchführte, bleibt unklar.     

Nach der amtlichen Überprüfung der Mikwen durch das Landgericht Uffenheim im Jahr 1829 klagten die jüdischen Gnodstädter bei der Ansbacher Regierung, dass sie die geforderten Renovierungskosten in Höhe von 800 bis 900 Gulden nicht übernehmen könnten. Die Antwort der Regierung lautete, dass die Gemeinde die Renovierungskosten nicht auf einmal, sondern in mehreren Raten aufbringen solle. Die 1842 erbaute neue Mikwe, die in einem kleinen, eigens dafür vorgesehenen Haus untergebracht war, wies leider bereits kurz nach ihrer Errichtung gravierende Mängel auf. Wegen des zu tiefen Wasserbehälters, des zu kleinen Heizkessels und des mangelhaften Abflusses war die Mikwe nur schwer zu reinigen. Auch eine Nachbesserung 1848 konnte daran nichts ändern. Ein von der jüdischen Gemeinde eingesetztes, dreiköpfiges Komitee, das die Missstände beheben sollte, konnte sich auf keine Maßnahmen einigen. Möglicherweise sah die arme Gnodstädter Gemeinde wenig Sinn darin, in den Umbau einer als ausreichend empfundenen Mikwe Geld zu investieren.    

Im Jahr 1836 gehörten 15 Haushalte mit 65 Personen, darunter 11 Schulkinder der IKG Gnodstadt an. Kontinuierliche Nachweise für die Lehrer und Vorsänger fehlen. Die Kultusgemeinde gehörte von 1838 bis 1880 zum Distriktsrabbinat Welbhausen, danach zu Ansbach und schließlich zu Kitzingen. Im Handbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes 1897 wird Gnodstadt der jüdischen Gemeinde Obernbreit zugeteilt, was sich jedoch nirgendwo anders bestätigen lässt. Die Verstorbenen fanden in Ermetzhofen ihre letzte Ruhe. Unklar bleibt, wann die Gnodstädter Religionslehrer- und Vorsängerstelle mit der Obernbreiter oder einer anderen Religionslehrerstelle kombiniert wurde. Als der Matrikelzwang 1861 aufgehoben worden war, wanderten viele Gnodstädter Juden unter anderem nach Marktbreit und Uffenheim ab. 

Der IKG Gnodstadt gehörten in der Jahrhundertwende noch 29 Personen an. Bis 1924 war diese Zahl auf zwölf geschrumpft. Weil kein Minjan mehr zustande kam, wurde die Gemeinde 1932 formell aufgelöst. Die letzten jüdischen Familien im Ort gehörten nun der IKG Marktbreit an. Dieser Anschluss wurde jedoch erst 1935 aktenkundig rechtswirksam.

Laut den von Pfarrer Dr. Ulrich Hofmann aufgezeichneten Erinnerungen dreier zwischen 1903 und 1925 geborener Zeitzeugen war zumindest im Fall der Familie Louis und Jetta Adler das Verhältnis von Juden und Christen gut. Die Adlers halten ihren Nachbarn bereitwillig aus, wenn etwa kurzfristig ein Zugtier benötigt wurde, und überbrückten auch bereitwillig finanzielle Engpässe. Louis und Jetta Adler, sein Sohn Meir Adler und dessen Frau Dorle wanderten 1937 nach Palästina aus, wo sie Meirs Bruder Hugo und sein Cousin Willy Adler erwarteten. In der westgaliläischen, von deutschstämmigen Juden gegründeten Küstenstadt Naharija eröffnete Meirs Sohn Aharon, der Willys Tochter Aviva geheiratet hatte, ein Lebensmittelgeschäft.

Von den in Gnodstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen: Bernhard Adler (1869), Fanny Aumann (1901), Therese Aumann (1882), Cilly Baumann geb. Adler (1852), Dina Frank geb. Klein (1869), Hilde Hellmann geb. Klein (1888), Felix Klein (1877), Sigmund Klein (1865), Flora Liebenstein geb. Klein (1887), Elise Meier geb. Klein (1856), Lina (Minna) Rothschild geb. Aumann (1890), Jeanette Scharlach geb. Kissinger (1905), Frieda Stein geb. Klein (1884), Flora Wertheim geb. Klein (1875).


(Stefan W. Römmelt)     

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Marktbreit mit Gnodstadt, Marktsteft, Obernbreit und Segnitz. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1158-1240.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 239.