Jüdisches Leben
in Bayern

Forth Gemeinde

Forth entstand vor etwa 900 Jahren als Bauerngut des östlich gelegenen Herrensitzes Büg und entwickelte sich im 15. Jahrhundert zum Dorf. Die Landesherrschaft war geteilt: Das Gebiet südlich und östlich der Landstraße gehörte der Adelsfamilie Rothenberg und ging 1629 durch Verkauf an Bayern, während die nördlichen und westlichen Teile der Ortschaft dem Nürnbergischen Pflegamt Hiltpoltstein unterstanden.

Wann sich erstmals jüdische Familien in Forth niederließen, bleibt unbekannt. Im Gemeindebuch sind erstmals 1670/72 Schutzjuden und 1682 ein jüdischer Schulmeister erwähnt. Ihre Ansiedelung wurde von den Ortsbesitzern, den Herren von Bünau gerne gesehen und als zusätzliche Einnahmequelle begünstigt: Neben den eigentlichen Schutzzahlungen erwähnen die Quellen zahlreiche Sondergebühren und – als einzigartiges Kuriosum – ein Zwangsdarlehen von 200 Gulden auf jeden jüdischen Haushalt, wofür jedes Jahr zehn Prozent Zinsen fällig wurden. Zusätzlich mussten „von allen zu Büg und Forth für die Judenschaft geschlachtet werdenden Rindvieh […] die Zungen und Nieren an die Gutsherrschaft abgeliefert werden“.Trotz dieser schweren Belastung wuchs die Gemeinde. Lebten 1692 nur zehn jüdischen Familien in Forth, stieg ihre Zahl bis 1754 auf fünfunddreißig. Als Vorsänger, Schächter und Lehrer war 1724 Abraham Nathan Bick tätig, der für die Herren von Bünau auch als Hoffaktor arbeitete.

Um 1800 lebten in Forth noch immer fünfunddreißig jüdische Familien. Sie besaßen ein Gemeindehaus (Hausnr. 15, heute: Hauptstraße 62), 1737 von den Schlossherren erworben und zunächst eine Herberge für durchreisende Juden, sowie eine Synagoge, die etwas später erbaut wurde (Hausnr. 24, heute: Hauptstraße 42). Die Gemeinde gehörte dem Rabbinatsverband Aschbach mit Sitz in Schnaittach an, wo sie auch ihre Toten bestatteten. 

Mit dem Ende des Alten Reiches gelangte Forth vollständig zum Königreich Bayern. Dessen innenpolitische Reformen berührten in Forth vor allem den Schulunterricht: Hatten die jüdischen Kinder bislang zwei „Winkelschulen“ in den Privathäusern von Joseph Friedenreich und Mayer Eisig Eismann besucht, drang man in München nun auf eine einzige, staatlich geprüfte und von der Kreisregierung genehmigte Lehrkraft. Die Stelle übernahm Mayers Sohn Hirsch Eismann, der sich in Ansbach den verlangten Prüfungen unterzog und am 20. Dezember 1828 seinen Dienst antrat. Erste Pläne für eine eigene jüdische Volksschule scheiterten zunächst an der Finanzierung, dann am Widerstand des christlichen Volksschullehrers, der um einen substantiellen Teil seiner Schulgelder bangte. Erst als 1859 ein neues staatliches Schulhaus in Forth gebaut werden musste, nahm dies die israelitische Kultusgemeinde zum Anstoß und ersuchte um die Erlaubnis zur Gründung einer eigenen Schule, die am 18. November gewährt wurde. Zwischen 1863 und 1865 wurde das neue jüdische Schulhaus (heute: Hauptstraße 62) errichtet. 

Ein berühmter jüdischer Sohn Forths ist Abraham Alfred Gerngroß (1844-1908), der gemeinsam mit seinem Bruder Hugo in Wien einen Stoffhandel begründete und bis 1904 zum größten Warenhaus der Stadt ausbaute.

Wie in nahezu allen jüdischen Landgemeinden Frankens war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts einerseits von den Abwanderungswellen ins Ausland und in die städtischen Ballungsräume geprägt, vor allem seit 1861 endlich eine freie Wohnorts- und Berufswahl gestattet wurde. Andererseits gab es eine spürbare Integration der jüdischen Familien, die sich durch ein hohes soziales Engagement auszeichneten. Als etwa am 2. Dezember 1877 in Forth Carolina Wollner nach kurzer Krankheit verstarb, pries sie die überregionale Zeitschrift „Der Israelit“ als streng gläubige Frau, die es sich zur Pflicht machte „Kranke und Trauernde zu besuchen, Hungrige zu speisen; und so fanden alle Armen, ohne Unterschied der Confession, stets willige Aufnahme und Unterstützung“. Problematisch war jedoch der Verlust zahlender Gemeindemitglieder: 1860 musste sich die Forther Chewra Kadischa auflösen, die letzten sechs Mitglieder schenkten das restliche Vereinsvermögen ihrer Synagoge. 1868 wurden die in Eschau lebenden Juden – es war die Familie des Arztes Dr. David Schülein – der Kultusgemeinde Forth zugeteilt.

Um 1925 lebten nur noch 25 Jüdinnen und Juden in Forth, die mühevoll aufgebaute Volksschule musste wegen Schülermangels schließen. Religionsunterricht gaben jetzt Lehrer aus Fürth und später Erlangen, die zweimal die Woche nach Forth kamen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Lage der Forther Gemeinde zunehmend prekärer. Gottesdienste konnten ohne hin kaum mehr stattfinden, weil die nötige Mindestzahl von zehn Männern schon vorher nur mit auswärtigen Gästen erreicht wurde. Den drei letzten jüdischen Schülern wurde ab Februar 1935 der Unterricht in den christlichen Volksschulen verwehrt.

Das Hauptziel vieler Agitationen blieb ein Israelitisches Erholungsheim im Büger Schloss, dass 1913 vom Nürnberger Ehepaar Julie und Adolf Schwarz gegründet wurde und bis zu 65 kränkelnden Kindern gleichzeitig einen kostenlosen Erholungsurlaub ermöglichte. Während des I. Weltkriegs diente das Schloss der Stadt Nürnberg zur Unterbringung von Kindern aus sozial schwachen Familien, auch Erwachsene wurden dort beherbergt. In den 1930ern plante man noch den Umbau zu einem jüdischen Altersheim, doch die politische Entwicklung machte dieses Vorhaben zunichte. 1937 kaufte die Bürgergemeinde Forth das Anwesen für einen deutlich unter dem Marktwert liegenden Preis.

Anfang November 1938 lebten nur noch die Familie von Louis Kohlmeier sowie die Schwestern Rosa und Pauline Schnaittacher im Ort. In den frühen Morgenstunden des 10. November wurden sie aus den Betten geholt und in ein Sammellager in Baiersdorf verschleppt, während ihre Häuser ausgeplündert und schwer beschädigt wurden. Der Forther SA-Mann Baptist Dümmler brüstete sich später vor Zeugen dieser Taten. „Selbstverständlich“ hätten er und andere auch „Wein und Schnäpse“ aus den Vorratsräumen der jüdischen Familien „mitgenommen und nach der Gaudi gesoffen“. Von den Juden aus Forth kehrte niemand mehr dauerhaft in seine ehemalige Heimat zurück, die Gemeinde ist bis heute erloschen. Jedoch entstand im Jahr 2006 die Interessengruppe „Jüdisches Geschichte in Forth“, die sich in regelmäßigen Abständen trifft, ihre Forschungsergebnisse zusammenträgt und Veranstaltungen mit Zeitzeugen organisiert. Ein Gedenkstein wurde am 9. November 2009 an der Hauptstraße aufgestellt.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Forth. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 249-265.
  • Martina Switalski: Forth und seine jüdische Geschichte. Eckental 2010 (= Spaziergänge durch Eckental Route 2).