In Feldafing gab es bis nach dem Sturz der NS-Diktatur keine jüdischen Einwohner. Unmittelbar nach Kriegsende errichtete die amerikanische Militärverwaltung – gemeinsam mit der UNRRA – das größte Lager für jüdische "Displaced Persons" (DPs) in der US-Besatzungszone. Auf dem Gelände der ehemaligen NSDAP-Reichsschule, einigen Villen der näheren Umgebung und den Baracken eines HJ-Sommerlagers lebten vom Mai 1945 bis März 1953 bis zu 5000 Jüdinnen und Juden, die zum Großteil aus den befreiten Lagern im Osten stammten. Bereits im November 1945 lebten 3.500 Jüdinnen und Juden jeden Alters im DP-Lager Feldafing. Innerhalb eines halben Jahres kamen nochmals 700 DPs hinzu. Erst nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 sank die Zahl auf 2.887 im Oktober 1848, bis das Lager im März 1953 geschlossen wurde.
Wie auch sonst üblich verwalteten sich die DPs durch ein gewähltes Komitee unter dem Vorsitz von David Boruchovski und Arie Dutkiewicz größtenteils selbstständig, versorgt durch die UNRRA, assistiert durch die ORT und US-Militärbeamte. Eine eigene uniformierte Lagerpolizei sorgte für die innere Sicherheit. Auf dem großzügigen Gelände entstand ein autarkes Gemeindeleben. Es gab zwei Sportvereine (Makabi Feldafing und Hapoel Feldafing), ein eigenes Lagerkrankenkaus und mehrere Bildungseinrichtungen: Kindergarten, Volksschule, Berufsschule, Bibliothek (mehrheitlich auf Jiddisch als "lingua franca" des Lagers) sowie ein Theater. Hier bereiteten sich die DPs auf ihre Auswanderung vor, erlernten ein Handwerk oder holten nach Möglichkeit einen Bildungsabschluss nach. Das DP-Lager Feldafing verfügte auch über alle notwendigen jüdischen Einrichtungen, damit religiöse bzw. orthodoxe DPs ein Leben gemäß den religiösen Hygienegesetzen führen konnten. Dazu gehörten eine Synagoge, eine Mikwe und eine koschere Küche, aber auch eine Religionsschule (Cheder) und sogar eine jüdische Tora-Talmud-Hochschule (Jeschiwa). Für Einkäufe und Dienstleistungen innerhalb des Lagers wurde (wie im DP-Lager Deggendorf) eine eigene Währung eingeführt, der Feldafinger Dollar. Neuigkeiten und Unterhaltung lieferten zwei Zeitschriften, "Dos jiddische Wort" und "Unterwegs". Am 1. Dezember 1951 wurde Feldafing als Regierungsdurchgangslager für heimatlose Ausländer der deutschen Verwaltung unterstellt. Die verbliebenen DPs wurden in kleinere Lager oder Gemeinden verteilt. Heute ist auf dem Gelände die Fernmeldeschule der Bundeswehr untergebracht.
(Patrick Charell)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Tutzinger Str. 46, 82340 Feldafing
Literatur
- Haia Karni (Korman): Embers Of Hope. Life at the Feldafing, Germany displaced persons camp 1945–1952. Baltimore 2009.
- Karin Sommer: "Eines Tages wird es wieder ein friedlicher Ort sein". Simon Schochets Erlebnisse im Flüchtlingslager Feldafing. (Sendemanuskript Bayerischer Rundfunk, "Geschichte und Geschichten", 11.1.1992 (Wiederholung am 9.7.2005))
- Karin Sommer: Vom Vernichtungslager ins Flüchtlingslager. Jüdische Überlebende des Holocaust als ‚Displaced Persons‘, in: Peter Fassl (Hrsg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II, Sigmaringen 2000, S. 401-412.
