Ende des 17. Jahrhunderts wurde im Zins- und Gültbuch der Herren von Thüngen erstmals ein jüdischer Hausbesitzer („Feußlein jud“) in Dittlofsroda erwähnt. Dieses Haus, über dessen Standort man keine Informationen hat, befand sich zwischen 1695 und 1722 im Eigentum von "Maises Jud". 1736 leben bereits sieben Schutzjuden des Freiherrn von Thüngen in dem Bauerndorf. Man darf annehmen, dass sich spätestens zu diesem Zeitpunkt eine jüdische Gemeinde gebildet hatte. Rund vierzig Jahre später (1787) waren laut Zins- und Gültbuch fünf Häuser in jüdischem Besitz. Fast alle lagen in kleinen Parzellen dicht nebeneinander an der Straße am westlichen Ortsrand (heute: Zum Schondratal). 1795 überließen die Brüder Hofmann (Haus-Nr. 35) der Kultusgemeinde den rückwärtigen Teil ihres Grundstücks, auf dem ein Jahr später eine Fachwerksynagoge (Haus-Nr. 39, Plan-Nr. 73) errichtet wurde. 1763 wird erstmals ein jüdischer Schulmeister in Dittlofsroda erwähnt. Mit der jüdischen Gemeinde Völkersleier, die vier Kilometer entfernt lag, teilte man sich den Rabbiner und Schächter. Die meisten der hier ansässigen jüdischen Familien lebten vom mobilen Kleinhandel (Hausieren) und Viehhandel. Die Kultusgemeinde beerdigte ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen bei Hammelburg, der rund drei Wegstunden entfernt lag.
Im Jahr 1816 kam die Region an das Königreich Bayern, in dem das Judenedikt galt. Die bayerische Matrikelgesetzgebung wurde ein Jahr später im Dorf eingeführt. Damals bekamen 18 jüdische Haushaltsvorstände in Dittlofsroda einen Matrikelplatz. Die Kultusgemeinde erreichte 1817 mit 74 Mitgliedern ihren Höchststand. Für die religiösen Aufgaben war vorerst weiterhin der Rabbiner in Völkersleier zuständig; 1840 wurde die Kultusgemeinde dann dem Rabbinatsbezirk Bad Kissingen zugeteilt. Eine Mikwe mit nicht beheizbarem Tauchbecken befand sich 1812 im Erdgeschoss des Privathauses von Joseph Liebmann (Haus-Nr. 36; heute Zum Schodratal 2). Sie musste auf Anweisung des Hammelburger Gerichtsarztes 1829 geschlossen werden. Bis die neuerbaute, nun beheizbare und von Quellwasser gespeiste jüdische Badeanstalt (Haus-Nr. 27, heute Rasenstück östlich des Hauses Zum Schondratal 1) gegenüber der Synagoge benutzbar war, besuchten die Frauen übergangsweise das neue Ritualbad in Völkersleier. Bis zur Mitte des 19. Jh. nahm der jüdische Bevölkerungsanteil im Dorf nur geringfügig ab. Ihren Lebensunterhalt verdienten sich die Israeliten als Viehhändler (5 Familien), Schnittwarenhändler (3 Familien), Kurzwaren- und Kramhändler (7 Familien). Daneben gab es noch einen jüdischen Metzger, den jüdischen Religionslehrer, der auch das Amt des Vorsängers hatte, und den Krämer Hayum Levi Nussbaum, der als Vorgeher fungierte. In den Folgejahren kamen noch ein jüdischer Schuhmacher (1824), ein Landwirt (1829) und ein Bäcker (1859) dazu.
1828 unterrichtete der jüdische Religionslehrer zwölf schulpflichtige Kinder in einem angemieteten Raum. Den Elementarunterricht besuchten die Kinder in der christlichen Volksschule im Dorf. Um sich künftig die schwierige Suche nach geeigneten Räumlichkeiten im Dorf und die Mietkosten für den Schulraum und die Lehrerwohnung zu sparen, entschloss sich die Kultusgemeinde 1857 zum Bau einer eigenen Religionsschule. Sie sollte auf dem Grundstück gegenüber der Synagoge errichtet werden. Das dort befindliche Ritualbad wollte man in den Neubau integrieren. Neben dem Unterrichtsraum sollten darin auch die Lehrerwohnung und im Dachgeschoss mehrere Räume für Hilfsbedürftige Platz finden. Mit den Erträgen aus einer Landeskollekte, Spenden und Darlehen konnte man den neuen Schulbau (Haus-Nr. 27, Plan-Nr. 52) schließlich trotz der äußerst angespannten finanziellen Situation zum Abschluss bringen. Das Gebäude bestand aus einen massiv gemauerten Erdgeschoss, in dem sich die Mikwe, die Toiletten und Kellerräume befanden, und einem Fachwerk-Obergeschoss, in dem das Schulzimmer, das Platz für zwölf Kinder bot, und die Wohnung für die Lehrerfamilie lagen.
Durch die Abschaffung des Matrikelparagraphen im Jahr 1861 verringerte sich die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde bis 1867 auf nur mehr 45 Personen. Da Juden nun u.a. das Recht hatten, sich überall niederzulassen, zogen viele von ihnen in die Großstädte um, weil sie sich dort bessere Lebens- und Verdienstmöglichkeiten erhofften. 1866 beschloss man deshalb die Bildung eines Schulsprengels mit Völkersleier als Hauptort. Der Lehrer, der auch das Schächten ausübte, pendelte in den Folgejahren zwischen den beiden Orten. Das Vorsängeramt in Dittlofsroda übernahmen Schullehrlinge und Gemeindemitglieder. Da die wohlhabenderen Israeliten abgewandert waren, spitzte sich die finanzielle Situation der Kultusgemeinde immer mehr zu. Um die laufenden Kosten und Schuldzinsen bezahlen zu können, vermietete die Kultusgemeinde ab 1873 die frei gewordene Lehrerwohnung im Schulhaus an einen nichtjüdischen Dorfbewohner und verkaufte 1876 sogar zwei Torarollen. 1879 musste sie das Schulhaus an den Metzger Löb Hofmann verkaufen. Er richtete darin sein Wohn- und Geschäftshaus ein. Das Schulzimmer und das Ritualbad blieben aber im Besitz der jüdischen Gemeinde. 1884 besuchten noch fünf jüdische Kinder werktags und ein Schüler sonntags den Religionsunterricht.
Die Kultusgemeinde hatte zwar 1874 einen kleinen Mitgliederzuwachs aus Gräfendorf erhalten, der vorübergehend dabei half, den Minjan zu sichern. Doch zwischen 1900 und 1925 lebten nur mehr zwischen 20 und 25 Jüdinnen und Juden in Dittlofsroda. Es wurde zunehmend schwierig, die Stelle des Religionslehrers zu besetzen. Während des Ersten Weltkriegs bot der evangelische Pfarrer des Dorfes an, die jüdischen Schulkinder in Biblischer Geschichte zu unterrichten, doch Distriktsrabbiner Bamberger gab dazu keine Erlaubnis. So fiel der Religionsunterricht bis Mai 1915 ganz aus. In der Folgezeit besuchten die Kinder sporadisch den Religionsunterricht in Völkersleier. Ab 1920 erteilten Gemeindemitglieder den fünf Werktags- und zwei Sonntagsschülern Religionsunterricht. Zwei der sechs am Ersten Weltkrieg beteiligten Juden aus Dittlofsroda verloren ihr Leben auf dem Schlachtfeld.
Schon in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre konnte die NSDAP im Dorf Erfolge verbuchen. 1927 fand hier die erste Parteiversammlung des Bezirksamtes Hammelburg statt. Bei den Reichstagswahlen 1930 erhielt die NSDAP über 46 Prozent der Wählerstimmen; bei der Reichspräsidentenwahl 1932 votierten sogar 66 Prozent für Adolf Hitler. Im Juli 1932 gründete Sturmbannführer Leist mit Hilfe des Musikmeisters Lauer aus Dittlofsroda die uniformierte Musikkapelle des SA-Sturms III/29 mit Laienmusikern aus dem ganzen Landkreis. Sie erwies sich als ein besonders erfolgreiches Propagandamittel. Bei den Reichstagswahlen im Jahr 1933 entpuppte sich das Dorf mit 76 Prozent Stimmen für die NSDAP als Hochburg der Partei. Damals lebten hier noch 13 Jüdinnen und Juden, die von Anfang an Schikanen, Diffamierungen und tätlichen Übergriffen ausgesetzt waren. Besonders schwer traf es 1934 den jüdischen Kaufmann Josef Stern. Er zeigte einen Gastwirt an, der ihn bestohlen hatte, und wurde daraufhin von SA-Männern als Kommunist bezeichnet, schwer misshandelt und in „Schutzhaft“ genommen. 1941 gelang ihm die Flucht nach New York. Die jüdischen Geschäfte im Ort wurden zunehmend boykottiert; dadurch verarmten die jüdischen Familien noch mehr. Nur das Spezerei- und Schnittwarengeschäft (Haus-Nr. 35) von Karolina Stern und der Gemischtwarenladen von Lina Goldschmidt (Haus-Nr. 28) bestanden noch bis Anfang 1939. Bis 1937 durften noch einige Israeliten im Viehhandel tätig sein, dann erhielten sie keine Konzession mehr.
Am Abend des 10. November 1938 fielen rund 20 SA-Männer unter Leitung von Obertruppenführer Otto Weippert in Dittlofsroda ein. Sie teilten sich in mehrere Gruppen auf und zogen zu den Häusern der jüdischen Familien und zur Synagoge. Zahlreiche Schaulustige beobachteten, wie sie die Türen aufbrachen, die Fenster und die Inneneinrichtungen zerschlugen und den Hausrat sowie die Vorräte vernichteten. Das Mobiliar aus der Synagoge wurde auf dem Dorfplatz verbrannt. Anschließend verhafteten die Nationalsozialisten einige jüdische Männer und transportierten sie mit einem Lkw ab. Man brachte sie mit anderen Juden in das Amtsgerichtsgefängnis nach Hammelburg. Bis Mitte 1939 waren die NS-Behörden damit beschäftigt, die Synagoge, das jüdische Schulhaus, die Privathäuser und landwirtschaftlichen Anwesen der Israeliten in Dittlofsroda zu "arisieren" und möglichst billig an Parteimitglieder zu vermitteln, was ihnen nicht in jedem Fall gelang. Damals lebten noch vier Israeliten im Dorf. Sie waren schutzlos dem NS-Terror ausgeliefert. Ab Juli 1942 war das Dorf „judenfrei“. Insgesamt wurden vierzehn jüdische Mitbürger aus Dittlofsroda in die NS-Vernichtungslager deportiert und dort ermordet.
Die Ereignisse während des Novemberpogroms 1938 im Landkreis Hammelburg waren nach dem Zweiten Weltkrieg Gegenstand eines Verfahrens vor der Spruchkammer Hammelburg. Da der Hauptverantwortliche im Krieg gefallen war und die weiteren Angeklagten nicht eindeutig der Täterschaft überführt werden konnten, erhielten die meisten von ihnen den Status von "Mitläufern" und blieben straffrei.
An Stelle der jüdischen Schule mit der Mikwe ist heute nur noch eine Grünfläche vorhanden. Das Protokollbuch der Kultusgemeinde Dittlofsroda wird heute in den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem verwahrt. Am örtlichen Rathaus (Müllersweg 5) wurde eine Gedenktafel angebracht, die an die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Dittlofsroda. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 114-129.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 218.
