Seit 1274 war Dinkelsbühl eine freie Reichsstadt und nur dem Kaiser unterstellt. Im Gegensatz zu landständischen Orten konnte dadurch kein regionaler Herrscher die städtische Judenpolitik beeinflussen. Im Hochmittelalter lebten immer wieder vereinzelt jüdische Familien im Ort, doch in den fränkischen Pogromen der Jahre 1298 („Rindfleisch-Verfolgung“) und 1348/49 wurden sie wieder vertrieben. Am 2. März 1372 beurkundete Kaiser Karl IV. (reg. 1346/49-1378) der Stadt das Recht, Juden zu „haben, halden, empfahen, schutzen und schirmen“. Im Folgejahr gewährte Karl den Dinkelsbühler Juden als Dank für ihre finanzielle Unterstützung vier Jahre Steuerfreiheit und verlängerte 1376 das Dinkelsbühler Privileg auf weitere zehn Jahre, wofür die Hälfte der Schutzgelder an die kaiserliche Schatzkammer abzuführen war. Die ortsansässigen Juden lebten insbesondere vom Geldverleih, da ihnen der Zugang zu den „ehrlichen“, das heißt zunftmäßig organisierten Berufen verwehrt blieb. 1384/85 beschlagnahmte die Stadt gewaltsam die Schuldbriefe und Pfänder, woraufhin viele Juden flohen und sich dem Schutz der Grafen von Oettingen unterstellten. Bis 1390 scheint sich die Gemeinde vollständig aufgelöst zu haben.
Im Dreißigjährigen Krieg nahm die Stadt 1636 auf einen kaiserlichen Befehl hin sechs jüdische Familien auf, die wohl aus den umliegenden Landgemeinden geflohen waren. Dies geschah nicht aus Mitmenschlichkeit: Truppen waren in Dinkelsbühl stationiert, deren Besoldung viel Geld kostete. Die Juden hatten sofort 700 Gulden für ihre Aufnahme zu bezahlen, die sie mit ihrem späteren Schutzgeld verrechnen konnten. Nach dem Friedensschluss wurden sie größtenteils wieder ausgewiesen. Zwei jüdische Familien harrten jedoch aus: Ein Jude namens Abraham besaß ein Haus „bei dem Spital über“ in der heutigen Dr.-Martin-Luther-Straße, welches später sein Sohn Moises übernahm. Ein Lazar kaufte am 11. Juli 1684 das Wirtshaus „Zum Güldenen Ochsen“ im Segriner Viertel. Obwohl der Stadtrat diese zwei Familien auszuweisen suchte, lebten Lazar und Moises bis 1706 bzw. 1714 in der Stadt.
Mit dem Recht auf Freizügigkeit konnten sich ab 1861 wieder Juden aus den umliegenden Dörfern in Dinkelsbühl niederlassen. "Der Israelit" berichtet am 6. Juni 1862 von der ersten jüdischen Hochzeit im Ort. Die jüdische Gemeinschaft wuchs bis 1880 auf 49 Personen an und war offensichtlich fest etabliert: Sie pflegte offen ihre religiösen Traditionen und engagierte sich in diversen Vereinen, jüdische Kinder spielten ganz selbstverständlich im Historischen Heimatfest „Kinderzeche“ mit. Eine Kultusgemeinde im eigentlichen Sinne entstand aber nicht, denn ein Regierungsbeschluss vom 24. Oktober 1864 teilte Dinkelsbühl dem Rabbinat von Schopfloch zu. Auch die Toten wurden auf dem Schopflocher Friedhof beerdigt. Trotzdem feierten die Dinkelsbühler Juden – möglicherweise schon ab 1864 – eigene Gottesdienste in einem Betsaal, den die Familie Hamburger zur Verfügung stellte (Klostergasse 5).
Nach Informationen des Dinkelsbühler Stadtbaumeisters Max Neeser (1857-1945) stand den jüdischen Frauen im Anwesen Steingasse 9 eine Mikwe zur Verfügung, von der sich jedoch keine Spuren erhalten haben. Ab 1885 übernahm ein angestellter Gelehrter die Besorgung religiöser Aufgaben und übte zugleich das Amt des Vorsängers aus. Die meisten jüdischen Kinder besuchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die städtische Volksschule und gingen zum Religionsunterricht nach Schopfloch. Erst 1911 bezahlten die Dinkelsbühler Juden den Schopflocher Religionslehrer, damit er ihren Kinder jeden Sonntag und Mittwoch im Haus des Emanuel Jordan (Schreinersgasse 5) unterrichte.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde die drei Brüder Gustav, Julius und Louis Gustav Künzelsauer. Um 1925 bildeten Jüdinnen und Juden in Schopfloch und Dinkelsbühleine gemeinsame Gemeinde („Israelitische Kultusgemeinde Schopfloch-Dinkelsbühl“), die zum Bezirksrabbinat Ansbach gehörte. Sie bewahrte ihren konservativen Charakter und war seit 1920 Mitglied des „Bundes gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns“. 1931 wollte sich die Dinkelsbühler Kultusgemeinde wieder von Schopfloch abspalten und erhielt am 6. Mai 1932 die staatliche Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 hatten auch die Dinkelsbühler Juden unter der antisemitischen Stimmung und den zunehmenden staatlichen Repressalien zu leiden. Bereits am 1. April 1933 kam David Levite aus der Langen Gasse 10 kurzzeitig in „Schutzhaft“. Der erste und letzte jüdische Dinkesbühler Religionslehrer, ein gebürtiger Tscheche namens Karl Krebs aus Ansbach, wurde nach nur rund eineinhalb Jahren in der Stadt als unerwünschte Person ausgewiesen. Etliche Familien emigrierten ins Ausland oder zogen in die vermeintlich anonymen Großstädte. Von den 65 Juden, die noch 1933 in Dinkelsbühl gelebt hatten, blieben im November 1938 nurmehr knapp zwanzig übrig. Während der Novemberpogrome wurde der Betsaal in der Klostergasse demoliert und ausgeräumt, Privatwohnungen mit Steinen geworfen, einzelne Gemeindemitglieder gedemütigt und im Falle des Vorstandes Hamburger auch körperlich schwer verletzt. Sämtliche Juden wurden zum Verkauf ihrer Wohnungen und Häuser gezwungen und mussten dann die Stadt verlassen. In der Hetzzeitschrift „Der Stürmer“ wurde dazu ein Foto abgedruckt, welches den jüdischen Viehhändler Felix Künzelsauer vor der Dinkelsbühler Stadtmauer zeigt, wie er die Heimat „mit seinen paar Habseligkeiten“ verlässt. Etliche der vertrieben Jüdinnen und Juden wurden in den 1940er Jahren in Todeslagern ermordet.
Jüdisches Leben kehrte nach der Shoah nicht mehr nach Dinkelsbühl zurück. Eine Sitzbank aus dem Betsaal wurde 1986 von Manfred Anson (geb. Ansbacher, 1922-2012) bei einem Besuch im Speicher der Klostergasse 5 wiederentdeckt und steht heute im jüdischen Museum Franken in Schnaittach. Der gebürtige Dinkelsbühler Anson war außerdem Schöpfer eines besonderen Chanukka-Leuchters aus Freiheitsstatuen, der am 5. Dezember 2013 bei der White House Hanukka Reception von Präsidenten Barack Obama entzündet wurde. Seit dem 22. April 2007 erinnert am Gebäude eine Tafel an den Standort der „Ehemalige[n] Synagoge der jüdischen Bürger von 1862 bis 1938 / Jiskor – Im Gedenken“. Seit 2009 wurden durch den Künstler Gunter Demnig (*1947) an bislang zehn Standorten 25 Stolpersteine für die Opfer des NS-Regimes verlegt.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Barbara Eberhardt: Dinkelsbühl. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 175-179.
- Gerfrid Arnold: Die Judenschaft. Königreich Bayern - Weimarer Republik - III. Reich. Norderstedt 2020 (= Dinkelsbühl Geschichte Light).
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 172.
