Bereits im 13. Jahrhundert sind Juden im Bamberger Land nachweisbar; die erste schriftliche Quelle für Demmelsdorf (heute ein Gemeindeteil von Scheßlitz) stammt aus dem Jahr 1586: Damals beanstandete der fürstbischöfliche Vogt Friedrich Sebeer die immer größer werdende jüdische Bevölkerung in Zeckendorf und erwähnte in diesem Zusammenhang auch einen Demmelsdorfer Juden. Im Jahr 1617 erhielten die Juden aus Demmelsdorf und Zeckendorf vom Reichsritter Hans Mathias von Giech die Erlaubnis, auf seinem Grund an einem Hügel zwischen ihren beiden Dörfern einen Friedhof anzulegen. Noch im gleichen Jahr bestätigte der Bamberger Fürstbischof als Lehensherr diese Erlaubnis.
Die Begräbnisstätte der Gemeinden Demmelsdorf und Zeckendorf wurde in den folgenden Jahrhunderten von Juden aus der ganzen Region, anfangs auch von den Glaubensbrüdern aus Bamberg, genutzt. Daher wurde er im Laufe der Zeit zu klein und 1748 erweitert. Bis heute haben sich 598 Grabsteine erhalten; der älteste stammt aus dem Jahr 1637. Im Auftrag der Bamberger Forschungsstelle Landjudentum hat man zwischen 1991 und 1993 eine Dokumentation dieser Monumente erstellt.
Die Demmelsdorfer Gemeinde stand zumeist unter ritterschaftlichem Schutz. Vor allem die später zu Grafen aufgestiegenen Herren von Giech engagierten sich zu ihrem Wohle. Sie waren es auch, die ihnen 1699 während des antijüdischen, von Bamberg ausgehenden Bauernaufstandes einen sicheren Unterschlupf in der trutzigen Giechburg ermöglichten. Wohl auf ihre Anweisung hin erhielten die Juden in der "neuen Dorfordnung", die 1739 aufgestellt wurde, überraschend großzügige Rechte. Sie bekamen ebenso wie die christlichen Dorfbewohner das Gemeinderecht und durften damit an den Gemeindeversammlungen mitwirken; was den Hausbesitz und das Weidewesen betraf, waren sie jedoch benachteiligt.
Im Jahr 1811/12 bestand die jüdische Gemeinde von Demmelsdorf aus 136 Mitgliedern, zu denen seit Beginn der Aufzeichnungen die jüdischen Familien in Scheßlitz gehörten. In der Matrikellisten der 1820er Jahre waren 30 Stellen eingetragen.1840 erreichte sie ihren Höchststand mit einem Bevölkerungsanteil von 62,45 Prozent, reduzierte sich aber in den folgenden Jahrzehnten infolge der für Juden ab 1861 geltenden Freizügigkeit.
Die Demmelsdorfer Juden waren in der Mehrzahl als Viehhändler tätig und galten in jener Zeit als besonders progressiv. In dieser Haltung wurden sie von den ebenfalls sehr fortschrittlichen Bamberger Distiktrabbinern Samson Wolf Rosenfeld (Amtszeit 1825‒1862) und Dr. Adolf Eckstein (Amtszeit 1888‒1926) unterstützt. Zum Beispiel hatte man in Demmelsdorf bereits ab 1837 die Choralgebete und -gesänge in deutscher Sprache praktiziert. Nachdem der Frauenverein 1906 eine neue Torarolle angeschafft hatte, feierten Juden und Christen dieses Ereignis mit einem gemeinsamen Fest. Als die jüdische Gemeinde in Aschbach 1916 ein streng traditionelles Bezirksrabbinat einrichten wollten, verweigerte die jüdische Gemeinde Demmelsdorf vehement ihre Mitwirkung. Das Vorhaben scheiterte, weil sich auch die Kultusgemeinden in Bamberg, Trabelsdorf und Burgebrach dagegen stellten.
1909 fertigte die Gemeinde Demmelsdorf einen Bericht über die israelitische Gemeinde im Ort an. Danach bestand sie damals aus 17 Familien aus Demmelsdorf und 13 aus Scheßlitz. Ihre Messen wurden an den Markttagen zweimal und an den Sabbath- und Feiertagen dreimal täglich abgehalten. Der Religionslehrer hatte zugleich das Amt des Vorsängers inne. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden wurden als „gut situiert“ bezeichnet. 1929 gab es Bestrebungen, die Zeckendorfer mit der Demmelsdorfer Gemeinde zusammen zu legen. Dies scheiterte jedoch am Widerstand der Nachbargemeinde.
Von den 42 Juden, die 1933 noch in Demmelsdorf lebten, emigrierten 16 in der Folgezeit ins Ausland und 13 verstarben vor Ort. 1937 wurden sieben Grabmäler auf dem Friedhof umgestoßen und beschädigt. Am Morgen des 10. November 1938 begannen Einheiten der NSDAP aus Bamberg mit der Zerstörung der Synagoge. Sie wurden dann in ihrem Tun von Bürgern aus dem Dorf abgelöst. Dabei kam es auch zu einer schweren Misshandlung des Juden Aufsesser, der seine Wohnung im Synagogengebäude hatte. Am selben Tag hat man 27 jüdische Männer im Bezirk Scheßlitz verhaftet. Nach einem Aufenthalt im Bamberger Gefängnis kamen sie in das Konzentrationslager Dachau und wurden dort teils wochen- teils monatelang festgehalten, bevor sie wieder nach Hause durften. Auch der Jude Ludwig Heimann erlitt grausame Schikanen, als christliche Demmelsdorfer im Dezember desselben Jahres bei ihm eine „Hausdurchsuchung“ vornahmen. Im April 1939 wurden alle jüdischen Hauseigentümer enteignet; ihr Besitz ging in "arische" Hände über. Genauso verfuhr man mit dem Taharahaus. Im Juli 1939 beantragte der Bürgermeister von Demmelsdorf beim Bamberger Landrat die Einrichtung eines Hitlerjugendheimes in dem kleinen Anbau der Volksschule, in dem vorher jüdischer Religionsunterricht erteilt worden war.
Sieben Demmelsdorfer und acht Scheßlitzer Juden kamen bei der Deportation nach Lodz am 22. März 1942 um ihr Leben; vier weitere Demmelsdorfer und ein Scheßlitzer Jude wurden nach ihrer, am 11. September 1942 erfolgten, Verschleppung in Theresienstadt ermordet; einen Jude aus Demmelsdorf hat man in Dachau getötet. Über das Schicksal von 13 weiteren Juden aus Demmelsdorf und Scheßlitz während der NS-Diktatur ist nichts Näheres bekannt.
1991 wurde an der Staatsstraße zwischen Demmelsdorf und Zeckendorf ein Findling als Denkmal aufgestellt. Er trägt die Inschrift: „Im Gedenken an die jüdischen Opfer 1933 – 1945". Auf drei Metallplatten sind die Namen der 44 Juden aus Zeckendorf, Demmelsdorf und Scheßlitz eingraviert, die während der NS-Diktatur ermordet wurden.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
- Angela Hager / Hans-Christof Haas: Demmelsdorf. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 129-135.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 139.
