Jüdisches Leben
in Bayern

Cronheim Gemeinde

Nach dem Aussterben der Herren von Cronheim im Jahr 1560 gehörten Burg und Dorf nacheinander fünf Adelsfamilien. Formal war der Besitz ein Lehen der Eichstätter Bischöfe, während die Ansbacher Markgrafen das Landes- und Kirchenhoheit beanspruchten. Beide Mächte griffen immer wieder in die Belange des Ritterguts ein, was auch die jüdische Gemeinde im Ort betraf. Ihre Geschichte beginnt im 17. Jahrhundert. Möglicherweise nahm Veit Erasmus von Eyb 1612 die ersten Juden unter seinen Schutz, nur fünf Jahre bevor er Cronheim an Johann Philipp Fuchs von Bimmbach verkaufte. 1628 sind fünf jüdische Familien nachgewiesen. Am 18. Juli 1629 ordnete der Eichstätter Fürstbischof Johann von Westerstetten (reg. 1612–1637), der in diesem Jahr Cronheim von den Fuggern erworben hatte, die Ausweisung der Juden an. Vergeblich baten die Familienoberhäupter um ein Bleiberecht: Bis zum 31. Mai 1631 mussten sie den Ort verlassen.

Im Jahr 1651 nahm Fürstbischof Marquard II. Schenk von Castell (reg. 1637-1685) wieder vier jüdische Familien in Cronheim auf, um mit deren Schutzgeldern das vom Krieg stark mitgenommene Dorf aufzubauen. Auf kaiserlichen Befehl ging die Herrschaft Cronheim drei Jahre später auf Graf Johann Heinrich von Nothaft über. Dieser gewährte weiteren Juden auf seinem Besitz Zuflucht, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Auch als Fürstbischof Marquard II. 1661 die Herrschaft Cronheim zurückgewinnen konnte, wurden weitere zehn jüdische Familien für zunächst zehn Jahre aufgenommen. Die Größe der Kultusgemeinde nahm in den kommenden hundert Jahren stetig zu. 1667 erwähnt Vogt Johann Bernhard erstmals einen „Judenlehrer“, der wohl den Religionsunterricht erteilte. 1706 wies eine markgräfliche Verordnung den Cronheimer Juden die Benutzung des Friedhofes in Bechhofen zu, auf dem sie bis zuletzt ihre Toten bestatteten.

Als Baudenkmal aus dem frühen 19. Jahrhundert ist das Wohnhaus einer jüdischen Familie im Bayerischen Denkmal-Atlas eingetragen. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts machten die jüdischen Cronheimer zeitweilig gut 40 Prozent der Bevölkerung aus. Nach dem Neubau eines Gemeindezentrums mit Schule und Synagoge im Jahr 1816 wurde 1828/29 eine jüdische Elementarschule ins Leben gerufen. Der erste staatlich geprüfte jüdische Lehrer im Ort war David Schweizer, der eine Aufsehen erregende öffentliche Auseinandersetzung mit dem Distriktschulinspektor und Gunzenhausener Dekan Dr. Heinrich Stephani ausfocht. Gegen Stephanis polemischen, oft plump-beleidigenden Antijudaismus wandte sich Schweizer mit seiner öffentlichen Denkschrift „Entlarvung des Kirchenraths Dr. Stephani oder Widerlegung des von einem Staatsgelehrten erhobenen wissenschaftlichen Bedenkens bezüglich der Juden-Emanzipation“. Darin bezeichnete er die Argumente des Geistlichen als „Chimären, bizarre Ansichten“ , die „nicht so so sehr uns Juden als vielmehr der ganzen Menschheit […] zur größten Blamage gereichen“.

Zwischen 1839 und 1856 wanderten 14 junge Jüdinnen und Juden aus Cronheim nach Nordamerika aus, was dem allgemeinen Trend im fränkischen Raum entsprach. Mit dem Recht auf Freizügigkeit verließen weitere Cronheimer Juden ab 1861 ihre Heimat, um sich vor allem in Nürnberg und Fürth niederzulassen. Die verbliebenen Gemeindemitglieder engagierten sich in Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr. 1857 wurde mit Jakob Reinemann erstmals ein Jude in den Gemeinderat gewählt.

Eine weitere herausragende Cronheimer Persönlichkeit war auch der jüdische Oberlehrer Wolf Wolfromm (1857-1924), dessen 25-jähriges Dienstjubiläum am 1. Juni 1907 mit einem imposanten Fest und zahlreichen Ehrengästen gefeiert wurde. Als er 1921 krankheitsbedingt in den Ruhestand ging, wurde die jüdische Elementarschule aufgelöst und die Kinder besuchten mit Ausnahme des Religionsunterrichtes wieder die katholische Gemeindeschule.

Elf Cronheimer Juden kämpften als Freiwillige im Ersten Weltkrieg, die restliche Kultusgemeinde spendete großzügig für das Rote Kreuz. Ende der 1920er wurde die „Isaak und Therese Reinemann‘sche Wohltätigkeitsstiftung“ von den Kindern des besagten Ehepaars zugunsten des Krankenpflegevereins Cronheim ins Leben gerufen. Die Stiftungsmittel stammten größtenteils von Bernhard Reinemann, der es in New York als Pelzwarenfabrikant zu Wohlstand gebracht hatte.

Bei der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 lebten nur noch 35 Jüdinnen und Juden im Ort. Über ihr Schicksal in der NS-Herrschaft berichtet das Tagebuch des katholischen Cronheimer Pfarrers Johann Pius Wagner: Bereits 1935 kam es zum wirtschaftlichen Boykott der jüdischen Geschäfte. Diese und andere Drangsalierungen verstärkten die weitere Abwanderung. Im Laufe des Jahres 1938 wurde die Situation immer unerträglicher; den Überlieferungswegen Baruch Ophirs zufolge verkaufte die jüdische Gemeinde ihre Menora, um mit dem Erlös den verbliebenen Mitgliedern wenigstens an hohen Feiertagen die Fahrkosten für die Teilnahme an Gottesdiensten in anderen Gemeinden zu erstatten. Die Synagoge wurde bereits im Oktober verkauft. In der Pogromnacht vom 10. November verwüsteten SA-Männer jüdische Häuser und nahmen mit der örtlichen Polizei einen Teil ihrer Bewohner in „Schutzhaft“. Ende November wurden die letzten drei jüdischen Familien zwangsweise in Sammellager größerer Städte gebracht. Insgesamt 33 in Cronheim geborene oder wohnhafte Jüdinnen und Juden kamen in den Todeslagern ums Leben.

Abgesehen von der ehemaligen Synagoge existiert noch das sogenannte „Judenhaus“, im frühen 19. Jahrhundert wohl von der jüdischen Familie Hubert errichtet. Im Jahr 2000 eröffnete im Therapiezentrum Schloss Cronheim ein neues Museum, das sich unter dem Motto "Mikrokosmos Cronheim - ein Dorf, drei Religionen" auch der jüdischen Vergangenheit des Ortes widmet. In einem angeschlossenen Therapiezentrum für alkoholkranke Menschen, die unter anderem fränkische Synagogen als Architekturmodelle für Museen und Ausstellungen nachbauen. Über dem Schlosstor hängt die Gedenktafel an die Reinemann-Stiftung, die während der NS-Herrschaft von Pfarrer Wagner versteckt und 1945 wieder am alten Ort angebracht wurde..


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
  • Angela Hager / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Cronheim. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 164-174.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt/Main 1937, S. 183-187.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 184.