"Der alte Judt, gesessen zu der Altenstat, gelegen unter Kolbnberg" war 1402 der erste urkundlich erwähnte ortsansässige Jude. Im Lauf der nächsten 150 Jahre bildete sich unter dem Schutz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach eine kleine Gemeinde.
Die Burg Colmberg war Sitz einer Wildmeisterei und offizielle Nebenresidenz, daher ruhte der Blick der Obrigkeit stets wachsam auf dem Dorf zu Füßen der wuchtigen Wehranlage. 1552 beklagten sich die christlichen Colmberger in einem Schreiben an Georg den Frommen (reg. 1515-1543) über die jüdische Gemeinde im Ort. Diese lebte in unmittelbarer Nähe zum Pfarrhof in einem Anwesen, das ihnen ein Ortsbewohner trotz eines entsprechenden Verbots in der Gemeindeordnung vermietet hatte. Das Schreiben blieb zunächst ohne Folgen. Als aber sämtliche Juden durch sogenannte Ausschaffungsedikte aus dem Fürstentum vertrieben wurden, betraf dies natürlich auch Colmberg: Am 26. Oktober 1582 gab es keine Juden mehr im Ort.
Mit Genehmigung von Markgraf Joachim Ernst (reg. 1603-1625) bewohnte im Jahr 1616 ein „Abraham Judt“ mit seiner Frau ein Haus in Colmberg. Während des Dreißigjährigen Krieges lebten vier jüdische Familien im Ort, die 1643 das Recht erhielten, im Gefahrenfall zusammen mit den christlichen Bewohnern Schutz in der Burg zu suchen. Gut zwanzig Jahre später war auch diese Gemeinde wieder erloschen.
Mit dem Zuzug eines Jacob aus Obernzenn begann sich am 12. Januar 1686 erneut eine kleine jüdische Gemeinschaft im Ort zu formieren, die sich sofort heftigen Anfeindungen der christlichen Mehrheit erwehren musste. Durch Zuzug und die Gewährung weiterer Schutzbriefe wuchs sie bis 1737 auf zehn Familien an, die fast alle miteinander verwandt waren.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war jeder dritte Colmberger jüdischen Glaubens. Trotzdem zählte die Gemeinde nie mehr als maximal 80 Personen (1840 und 1895) und blieb vergleichsweise arm. Überwiegend lebten die Colmberger Juden vom Vieh- und Futterhandel, außerdem bebauten sie ihre Parzellen auf dem Gemeindeacker für eine notdürftige Selbstversorgung.
1828 gab es in Colmberg in den Kellern von drei Privathäusern (des Simon Joseph Bamberger, Israel Hamburger und Samson Wurzinger) jeweils eine Mikwe. Keines dieser rituellen Bäder erfüllte die neuen staatlichen Hygienevorschriften, aber weil sich die Gemeinde keinen eigenen Neubau leisten konnte und eine Kooperation mit Jochsberg scheiterte, blieb es bei den alten Zuständen.
Das Amt des Vorsängers und Lehrers war in den kommenden hundert Jahren immer wieder ein Grund heftigster Auseinandersetzungen. Colmberg hatte lange Zeit keinen eigenen Lehrer, die Kinder gingen in das benachbarte Jochsberg zur Religionsschule. 1836 sollte der gebürtige Württemberger Glasermeister Matthias Selling das Amt übernehmen, scheiterte jedoch am Gemeindevorstand Feist Joel („Den lasse ich nicht vorsingen!“), woraufhin eine Prügelei in der Synagoge ausbrach. Noch 1894 konnte Nathan Heimann dieses Amt nur unter Polizeischutz ausüben (sic). Der Ansbacher Distriktsrabbiner Dr. Pinchas Kohn (1867-1941) fällte auf Anfrage des Bezirksamtes ein desolates Urteil über die ihm unterstellte Gemeinde und schlug vor, sie mit dem Nachbarort Jochsberg zu vereinigen. Die Auflösung bzw. die Vereinigung mit Jochsberg scheiterte jedoch am Widerstand der Colmberger Juden. An der generell schlechten finanziellen Lage der Gemeinde, die sich durch Wegzug noch verschlechterte, änderte sich aber nichts.
Im Jahr 1902 wurde überlegt, das eigentliche Schulzimmer mit der Lehrerwohnung im Synagogengebäude zu vermieten, um die laufenden Ausgaben bestreiten zu können. 1912 berichtete der Colmberger Bürgermeister Hauf nach Ansbach: „Die Vermögensverhältnisse der israelitischen Kultusgemeinde sind als nicht gut anzunehmen“. Bereits 1930 war der Betraum nicht mehr in Gebrauch, im Sommer 1933 zog der letzte jüdische Schüler mit seinen Eltern nach Neustadt.
Die wenigen verbliebenen Juden wurden im Herbst 1938 zum Verkauf ihrer Häuser genötigt und aus dem Ort vertrieben, das Synagogengebäude im folgenden Sommer abgerissen.
Der bedeutendste jüdische Sohn Colmbergs war Karl Amson Joel (1889-1982), der in Nürnberg einen erfolgreichen Textilhandel aufgebaut hatte. 1934 verlegte er seinen Betrieb nach Berlin und wurde 1938 gezwungen, seinen Besitz weit unter Wert an Josef Neckermann zu verkaufen. Joel emigrierte mit seiner Familie in die USA und baute ein neues Unternehmen auf. 1954 erhielt er von Neckermann eine Entschädigung in Höhe von 2 Millionen DM, was jedoch nur einen Bruchteil des ursprünglichen Werts ausmachte. Trotzdem kehrte er mit seiner Frau Meta im Jahr 1964 nach Deutschland zurück und starb 1982 in Wien. Sein Enkel Billy Joel (*1949) ist ein weltweit bekannter US-amerikanischer Sänger und Musiker.
Im Oktober 2020 öffnete das Dokumentationszentrum „Familiengeschichten – Jüdisches Leben in Colmberg“ als Teil des Projekts „Jüdisches Leben in Mittelfranken“.
(Patrick Charell)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Freilandmuseum Franken Bad Windsheim / Herbert May (Hg.): Lang gegrindet - Jüdisches Leben in Franken. Bad Windsheim 2022, S. 42.
- Fred Schruers: Billy Joel. The Definitive Biography. New York 2014.
- Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Colmberg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 146-163.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 147-155.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 173.
