Jüdisches Leben
in Bayern

Burgsinn Gemeinde

Früheste Nachrichten über jüdisches Leben in Burgsinn findet man auf dem Friedhof Altengronau (Hessen), der fünfzehn Kilometer vom Ort entfernt liegt. Im 18. Jh. wurden dort 34 Israeliten aus Burgsinn bestattet. Das älteste Grab ist das von Nathan, Sohn des Jisrael, der 1721 verstarb. Auch der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Burgsinn, Wolf Katz, wurde hier 1747 beerdigt. Im Rahmen des im Königreich Bayern geltenden Judenedikts erhielt Burgsinn 15 Matrikelstellen. Die 15 genehmigten Familien umfassten zusammen mit dem Vorsänger und Lehrer im Jahr 1817 rund 85 Personen.

Da ihre Anzahl in den nächsten Jahren wieder abnahm, konnte sich die Kultusgemeinde keinen eigenen, staatlich geprüften Vorsänger leisten, so wie es die Regierung verlangte. Sie schloss sich daher 1829 mit der jüdischen Gemeinde Heßdorf zusammen, um einen gemeinsamen Rabbiner zu finanzieren. Die im Anwesen des Schusters Löb Blum und seiner Nachkommen stehende Mikwe musste 1832 nach den neuen Hygienevorschriften erneuert werden. Die Planungen dafür zogen sich rund zwanzig Jahre lang hin. Letztlich entstand 1850 ein neues Ritualbad auf einem Grundstück im Kurvenbereich Mühlenstraße/Kreuzstraße (Plan-Nr. 174, heute unbebaut).

1848 zählte die Judengemeinde Burgsinn laut einer Erhebung des Landgerichts Gemünden 70 Mitglieder. Die Gemeinde gehörte zuletzt dem Rabbinatsbezirk Bad Kissingen an, de Toten wurden auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Altengronau (Hessen) beigesetzt. In jener Zeit machte sich zunehmend ein schmerzlicher Mangel an geeigneten Räumen für die Gemeindeaufgaben bemerkbar. Der Religionsunterricht wurde 1858 im Wohnzimmer des zuständigen Lehrers erteilt. Doch durch die gestiegenen Schülerzahlen war dies ein unhaltbarer Zustand geworden. Da die verarmte Kultusgemeinde die Kosten für einen separaten, angemieteten Schulraum nicht tragen konnte, kündigte der Lehrer schließlich. Zusätzlich war damals auch eine Erweiterung und Renovierung der Synagoge dringend erforderlich geworden. Die Kultusgemeinde Burgsinn beantragte nun die Bewilligung einer landesweiten Kollekte, was ihr von der Regierung auch gewährt wurde. Mit den Einnahmen konnten sowohl ab 1862 die Erneuerung der Synagoge als auch 1863 die Anschaffung eines Schulhauses (Haus-Nr. 184, heute: Am Lindenberg 17) realisiert werden. Um Kosten zu sparen, stellten die beiden Kultusgemeinden Burgsinn und Rieneck 1872 einen gemeinsamen Religionslehrer an. Bis 1910 verringerte sich die jüdische Bevölkerung im Dorf um zirka ein Drittel und zählte nur noch 43 Personen. Drei jüdische Mitbürger ließen im Ersten Weltkrieg ihr Leben.

Zu Beginn der NS-Gewaltherrschaft 1933 lebten noch zirka 50 Jüdinnen und Juden in Burgsinn. Im März 1938 gingen nach dem erfolgten Einmarsch deutscher Truppen in Österreich auch in Burgsinn NSDAP-Parteimitglieder gegen die Synagoge und jüdische Häuser vor. Am Abend des 10. November 1938 wurden jüdische Wohnungen und Geschäftsräume systematisch durchsucht, ausgeraubt und verwüstet. Die Nazis entfachten im Ort mehrere Feuer, in denen sie das Eigentum der Israeliten verbrannten. Auch die Synagoge wurde aufgebrochen und die Inneneinrichtung mit allen sakralen Gegenständen vernichtet. Anschließend hat man sechs jüdische Männer verhaftet, eingesperrt und misshandelt. Nach dieser Pogromnacht zogen viele jüdische Mitbürger in Großstädte oder wanderten aus. 1939 lebten nur noch neun Israeliten im Ort. Drei von ihnen wurden 1941 in das Konzentrationslager Jungfernhof bei Riga deportiert und ermordet. Insgesamt wurden 21 jüdische Frauen, Männer und Jugendliche, die einmal in Burgsinn ihre Heimat hatten, Opfer der Shoah.

Die Strafverfahren gegen die Täter der Pogromnacht in Burgsinn wurden wegen Mangels an Beweisen eingestellt. Die Privatleute, die während des NS-Regimes die Synagoge und die Mikwe zu günstigen Konditionen erworben hatten, leisteten Ausgleichszahlungen an die JRSO.

Die Kommune unterstützt die Initiative DenkOrt Deportationen in Würzburg und wird eine Skulptur in Form einer Deckenrolle aufstellen, um an die deportierten Opfer der Shoah zu erinnern. Ein Gegenstück wird das zentrale Mahnmal am Würzburger Bahnhofsplatz erweitern.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Burgsinn. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 155-166.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 214.