Jüdisches Leben
in Bayern

Attel/Wasserburg a.Inn Gemeinde

Das Klosterdorf Attel wird seit dem 9. Jahrhundert durch die landständische Benediktinerabtei St. Michael geprägt, 1803 in der Säkularisation aufgehoben, teilweise abgerissen und ab 1873 von den Barmherzigen Brüdern bewohnt. Mit der kommunalen Gebietsreform 1978 wurde der Ort als Stadtteil nach Wasserburg am Inn eingemeindet. Nach dem Sturz der NS-Diktatur richtete die Militärregierung der US-Armee in den Klostergebäuden ein "Camp" für jüdische Displaced Persons ein, die aus den befreiten Arbeits- und Vernichtungslagern im Osten kamen und in Bayern eine "Heimat auf Zeit" fanden. Das jüdische DP-Lager in Kloster Attel blieb bis Januar 1950 bestehen. Heute pflegen dort wieder die Barmherzigen Brüder Menschen mit Behinderungen.

Bereits im Oktober 1945 übernahm die UNRRA das Klostergelände und wandelte das ehemalige Militärlazarett der Wehrmacht zu einem Camp für polnische, nichtjüdische DPs um. nachdem die Polen am 17. Oktober den Komplex verlassen hatten, zogen im November 1946 die ersten jüdischen DPs in die Unterkünfte ein. Unter dem gewählten Vorsitz von Abraham Berger, Ignaz Hudes organisierte sich eine größtenteils selbstständig verwaltete DP-Lagergemeinde, die von der UNRRA versorgt wurde. "Die autonome jüdische Administration spielte eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung der Überlebenden auf ein zukünftiges Leben im eigenen Staat oder einem der westlichen Emigrationsländer [...]. Zwischen 1946 und 1950 boten die Camps Gabersee und Attel bis zu 2.500 Menschen eine vorübergehende Heimat. Sie bildeten Punkte eines weitverzweigten Netzes von insgesamt 77 DP-Camps und Gemeinden innerhalb Oberbayerns; wichtige jüdische Zentren im näheren Umfeld waren etwa in RosenheimPrienTraunstein oder Bad Reichenhall entstanden" (Jim G. Tobias).

Für die Kinder öffnete eine Israelitische Volksschule, dessen Personal die JOINT stellte; zeitweise existierte eine kleine ORT-Berufsschule, die jedoch nur von 16 Auszubildenden besucht wurde. Die Mehrheit der Bewohner nutzte offensichtlich das breit gefächterte Freizeit- und Bildungsprogramm im benachbarten Gabersee. Zwischen diesen beiden DP-Gemeinden bestanden enge Verbindungen, schon aufgrund der räumlichen Nähe. In Attel wurde jedoch ein eigener Sportclub gegründet, der "Makabi Attel". Schon kurz nach seiner Gründung im November 1946 wurden 331 Jüdinnen und Juden jeden Alters gezählt. Im Juli 1947 erreichte ihre Zahl mit 426 Personen einen Höchststand und pendelte zumeist im oberen Bereich der 300. Mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wanderten die DPs mehrheitlich aus, die Lager begannen sich zu leeren. Wer nicht emigrierte oder in ein anderes DP-Lager eingeteilt wurde, sondern in Bayern neue Wurzeln schlagen wollte, schloss sich den neu gegründeten Kultusgemeinden an. Im Dezember 1949 lebten weniger als 250 DPs in Attel, das Lager wurde daher im kommenden Januar geschlossen.

Literatur

  • Jim G. Tobias / Nicole Grom (Hg.): Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration. Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946-1950. Nürnberg 2016.