Jüdisches Leben
in Bayern

Weißenburg - Ilag-Friedhof und Gedenkstätte Friedhof

Alter1941-1945
EinzugsbereichInternierungslager Festung Wülzburg/Weißenburg in Bayern
Beerdigungen41
Schändungenkeine

Von 1939 bis 1945 diente die Festung Wülzburg als Internierungslager (Ilag XIII) für Zivilisten. Bei Kriegsbeginn wurden Briten, Franzosen, Belgier und Niederländer interniert, deren Behandlung verhältnismäßig gut war. Zwei Schotten verstarben während ihrer Haft und wurden im Nahen Ortsfriedhof von Wülzburg beerdigt. Im Sommer 1941 ordnete die Heeresleitung eine Verlegung der bisherigen Gefangenen an, um ab Herbst Platz für sowjetische Zivilisten zu machen. Unter den Internierten befanden sich auch viele Juden. Im Frühjahr 1942 dürften wohl rund 1000 Personen auf der Festung untergebracht worden sein, die nun auch Zwangsarbeit leisten mussten. 41 sowjetische Zivilinternierte starben bis zur Befreiung des Lagers im April 1945. Unter den Toten ist auch der Prager Komponist Erwin Schulhoff, der am 18. August 1942 seiner Tuberkulosekrankheit erlag. Die verstorbenen Sowjetbürger wurden nicht auf dem Weißenburger oder Wülzburger Friedhof beerdigt, sondern ab dem 19. Dezember 1941 auf dem "Fallgarten" verscharrt. Bis zur Einrichtung einer "Tierkörpervernichtungsanstalt" in Gunzenhausen 1940 hatte man auf dem weiträumigen Areal Tiere gehäutet und die Reste entsorgt. Die Verstorbenen wurden in ihre Matratze gewickelt und auf einem Lastkarren zur Stätte gebracht, fünf bis sechs Gefangene, ein Wachmann und ein Mitglied der Krankenabteilung begleiteten die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg.

Die erste Beerdigung fand am 19. Dezember 1941 statt, die letzte am 22. April 1945. Von den 41 Gräbern sind heute 40 erhalten, der Jude Julius Finnas wurde auf Wunsch seines Sohnes am 22. November 1949 exhumiert und im Neuen jüdischen Friedhof in Nürnberg nach dem Ritus bestattet. Die übrigen Verstorbenen blieben auf der Begräbnisstätte. Major Reed, Leiter der US-Militärregierung in Weißenburg, entschied dass "derselbe [...] hergerichtet werden und das Gras kurz geschnitten werden [muss]. Ein Gedenkstein, der die Namen der Gestorbenen enthält, ist aufzustellen. Die Lage des Platzes selbst ist gut". Die zwei Gräberreihen wurden bis zum 12. August 1946 von Stadtbaumeister Karl Elterlein umgestaltet. Die Gräber bekamen schlichte Steine mit den Namen der bestatteten, als Trittsteine wurden Platten aus Solnhofer Kalkstein verlegt.

In den 1950er Jahren geriet der Friedhof mehr und mehr in Vergessenheit, auch durch den Verlauf des Kalten Krieges. Erst 1989 konnten überlebende Internierte durch die Vermittlung von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl (1930-2017) ihr altes Gefängnis besuchen und legten auf dem "Fallgarten" einen Kranz nieder. Seit diesem Besuch heißt die Begräbnis- und Gedenkstätte "Russischer Friedhof". Ein Gedenkstein erinnert in deutscher und russischer Sprache "Den Toten des Internieurungslagers Wülzburg zum Gedenken A. D. 1989", der Russische Friedhof ist heute zweisprachig ausgeschildert.

Im Zuge der "Wiederentdeckung" ließ die Kommune Weißenburg zum 100. Geburtstag von Erwin Schulhoff im Jahr 1994 einen Findling mit kleiner Gedenktafel aufstellen. Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes wurde am 20. Mai 1995 als Mahnmal eine Stele enthüllt, die auch einen Magen David als Symbol des Judentums enthält. Ein weiteres Denkmal für den Komponisten Schulhoff, gestiftet vom Rotary Club Weißenburg und gestaltet von Reinhard Fuchs, wurde am 2. Oktober 2004 im Innenhof der Festung feierlich enthüllt.

Durch eine natürliche Verwitterung ist die Kennzeichnung der Gräber irgendwann durcheinander geraten. In den Gräbern liegen heute unter anderem folgende Männer jüdischen Glaubens (Schwierz):


ISRAEL ABRAGAN

SALOMON GRÜNCHSTEIN

SAMUEL GUTMANN

SAMUEL MGALOISCHWILLI

NAFTALIS MICHELSONS

LAZAR OLSCHANCKY

ABRAHAM PLOTKINE

LUDWIG RABINOWITSCH

ELIAS REMPEL

MOSES ROITER

MOSLELEIBA SZTERN

SCHLEMA USCHAROWSKI.


Persönlicher Dank geht an Reiner Kammerl, Archivar der Stadt Weißenburg, für seine freundliche Unterstützung.

(Patrick Charell)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Südlich der Straße "An den Sommerkellern", 91781 Weißenburg in Bayern

Von der Eichstätter Straße stadtauswärts, auf die Rudolf-Nebel-Straße abbiegen und dem Straßenverlauf links folgen, der Friedhof liegt nach ca, 450m auf der linken Straßenseite. Frei zugänglich.

Literatur

  • Reiner Kammerl: Der "Russische Friedhof" im ehemaligen "Fallgarten". In: Villa Nostra-Weißenburger Blätter 3 (September)/2010, S. 19-27.
  • Israel Schwierz: Die vergessenen jüdischen Toten von Weißenburg/Mittelfranken? In: Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege 45. Jg. (1993), S. 360-361.