Jüdisches Leben
in Bayern

Rottach-Egern (Nischengrab) Friedhof

Auf dem idyllisch gelegenen Kirchenfriedhof St. Laurentius von Egern befindet sich die letzte Ruhestätte von Dr. Gustav M. Mayer (1857-1929) und seiner Gattin Ida (1858-1939). Eigentlich liegt sie auf dem Gelände des Pfarrgartes, wird aber durch eine Maueraussparung in den katholischen Kirchhof integriert. In Egern gab es nie eine jüdische Gemeinschaft, daher ist das "jüdische Grab auf einem christlichen Friedhof" heute eine kuriose Sehenswürdigkeit.

Gustav Mayer gehörte ursprünglich wohl zu den vielen wohlhabenden Sommerfrischlern, die oft beträchtliche Teile der warmen Jahreszeit im bayerischen Oberland verbrachten. Über sein Leben ist nach aktuellem Stand leider nichts bekannt, in seiner Todesanzeige werden jedoch Kinder und Enkel erwähnt. Von circa 1919 an bis zu seinem Tod lebte er als Pensionär dauerhaft in der Villa Waldeck, Ortsteil Oberach. In der Dorfgemeinde unterstütze "Jud Mayr" zahlreiche soziale Projekte, zum Beispiel finanzierte er im Juli 1923 die Vergrößerung der geplanten neuen Schule am Haselbach mit einer Suppenküche für arme Kinder und einer Turnhalle. Nach seinem Tod am 10. September 1929 veröffentlichte der "Alpen-Bote" einen Nachruf: "[...] Mit ihm ist ein Mann dahin gegangen, der durch sein leutseliges, gütiges Wesen hier allgemein beliebt war. Die Gemeinde Rottach-Egern, besonders ihre armen Kinder, Kriegerwitwen und Hinterbliebenen verlieren in ihm einen großen Wohltäter, der immer wieder gern mit offener Hand gab, wo Hilfe nötig war. Sie alle werden diesem prächtigen Manne stets ein ehrendes Andenken bewahren".

Zuletzt hatte Gustav Meyer den Wunsch geäußert, am idyllischen Tegernsee, in "seiner" Gemeinde Egern begraben zu werden. Nach Mayers Ableben teilte der katholische Ortspfarrer von St. Laurentius ein Stück seines eigenen angrenzenden Pfarrgartens zu, der direkt an dem Friedhof angrenzt. An dieser dieser Stelle ließ er dann die Friedhofsmauer abtragen und als Nische neu errichten, damit das Grab zur geschützten Friedhofsruhe gehörte. Bezeichnend ist, dass auch Ida Mayer hier 1935 beerdigt wurde, obwohl die Herrschaft der Nationalsozialisten bereits zwei Jahre währte.

Anfang der 2000er Jahre beschloss die Kirchenverwaltung von St. Laurentius eine dringend nötige Sanierung der historischen Friedhofsmauer. Bei dieser bis 2007 abgeschlossenen Baumaßnahme wurde der alte Verlauf der Friedhofsmauer wieder hergestellt und die Nische abgetragen. Nun lag die Ruhestätte der Familie Mayer außerhalb der Gräbergemeinschaft, nur der Grabstein sollte wieder an der Innenseite der (erneuerten) Friedhofsmauer angebracht werden. Vereine und Einzelpersonen übten scharfe Kritik, darunter der ehemalige Kreisheimatpfleger Alois "Ali" Limmer (1917-2008): Nicht nur dass ein zeithistorisches Kulturdenkmal zerstört wurde, die sterblichen Überreste lägen nun direkt unter den Mauerfundamenten. Pfarrer Norbert Kley sah sich 2007 veranlasst, den Rückbau des Mauerabschnitts anzukündigen. Im Laufe des Jahres 2008 wurde der Originalzustand wieder hergestellt.


Persönlicher Dank geht an Dr. Robert Götz, Archiv des Erzbistums München und Freising, für den freundlichen Hinweis, sowie an Herrn Edmund Schimeta, Museum Tegernseer Tal, für seine Unterstützung.

(Patrick Charell)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Kißlingerstraße 45, 83700 Rottach-Egern

Vom Eingang an der Seestraße um die Kirche St. Laurentius herum zum südöstlichen Ende des Friedhofs Richtung Schule gehen. Das Grab liegt in einer Mauernische.

Literatur

  • Katholisches Pfarramt St. Laurentius Egern (Hg.) / Otto Lederer: Der alte Friedhof von Egern am Tegernsee. Rottach-Egern o.J.
  • Peter Kirein: Ein Friedhof, möge er in Frieden ruhn. Tegernseer Tal 156 (2012), S. 78.
  • Hermine Kaiser: Die schwierige Grablegung des Jud Mayer. In: Tegernseer Tal 79 (1977/78), S. 27/28.
  • Nachruf auf Gustav Mayer, in: Alpen-Bote Nr. 109 Jg. 32 (14. September 1929), Lokale und bayerische Nachrichten [o.S.].