Jüdisches Leben
in Bayern

Regensburg Friedhof

Regensburg besaß im Mittelalter einen der bedeutendsten Friedhöfe Europas. Er wurde um 1210 im heutigen Thurn- und Taxis'schen Schlosspark angelegt. Eine Prozessakte von 1227 erwähnt auf dem Friedhofsgelände eine "Synagoge", womit wohl ein Taharahaus gemeint war. Auf dem Friedhof sollen über 4200 Grabsteine gestanden haben, die nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde 1519 teils zerstört und teils als Baumaterial, teils als Spolien wiederverwendet wurden. Der neue jüdische Friedhof entstand 1822 und blieb bis 1999 in Nutzung. Der jetzige Friedhof ist eine eigene Abteilung des Dreifaltigkeitsfriedhofs im Stadtteil Steinweg.

Regensburg besaß im Mittelalter einen der größten und bedeutendsten, 1210 von der Gemeinde vom Kloster St. Emmeram erworbenen Friedhöfe Europas mit weitem Einzugsbereich und mit Gräbern prominenter Rabbiner und Gelehrter wie etwa Rabbi J(eh)uda ben Samuel ben Qalonymos he-chasid von Regensburg (um 1140/50-1217), des Verfassers oder Kompilators des „Sefer Chasidim“ (Buch der Frommen). So gestattete 1325 Bischof Nikolaus den Juden in Nieder- und Oberbayern, ihre Verstorbenen zollfrei auf dem Wasser- oder Landweg zur Beisetzung nach Regensburg zu bringen, was der Jüdischen Gemeinde Regensburgs Vorrechte gegenüber anderen Gemeinden der Region brachte. Auf diesem Friedhof standen schätzungsweise 4200 große Grabsteine. Bei der Vertreibung der Juden am 21. Februar 1519 zerstörten Regensburger und Bewohner des Umlandes nicht nur die Synagoge, sondern auch den Friedhof. Er befand sich auf dem Areal zwischen Weih St. Peter und dem Galgenberg, also dem Gebiet des „Fürstenparks" und des Geländes des Hauptbahnhofs.

Die Grabsteine wurden teilweise zum Bau der Neupfarrkirche verwendet, teilweise in Regensburger Bürgerhäuser eingemauert. Sie befinden sich heute u.a. im Kreuzgang des Doms, an der Ostseite des heutigen Kreuzklosters, an der Kreuzschule (Wollwirkergasse), im Todesverlies der Folterkammer, wo er als Abort diente, im Toreingang des Hauses am Neupfarrplatz Nr. 7, im Evangelischen Krankenhaus sowie am Eingang des Diözesanzentrums. 19 weitere Steine verwahrt das Museum der Stadt Regensburg. Grabsteine gelangten ferner nach Karthaus-Prüll, Mangolding (links des Eingangs zur katholischen Kirche), Mintraching (1294, Garten des katholischen Pfarrhauses), Riegeldorf (Grabsteine von 1249 und 1249), Tegernheim (rechts des Eingangs zum katholischen Pfarrhaus) und Wolkering (Mauer um die Kirche, rechts des Tores). Weitere Grabsteine des Regensburger Friedhofs befinden sich in Cham (1230, Rathaus), Kelheim (Apotheke in der Donaustraße, Klösterl), Neustadt a. d. Donau und Straubing. Der in die Fassade der Kelheimer Apotheke eingemauerte Stein stammt von 1249 und trägt die Inschrift: „Dieses ist der Grabstein der Frau Orgea (?), Tochter des Herrn Jehuda, gestorben am 6. des Monats Tammus am Freitag im Jahre 5069“.

1929 fand man einen Grabstein von 1273 in der Terrasse der an Stelle der Synagoge seit 1519 errichteten Neupfarrkirche. Das Bayrische Nationalmuseum in München besaß Steine von 1312 und 1349. Insgesamt sind bislang etwa 60 Grabsteine des mittelalterlichen Friedhofs bekannt geworden.

Bei Grabungen im Jahr 2009, die im Zusammenhang mit der geplanten Errichtung eines Kultur- und Kongresszentrums am Ernst-Reuter-Platz durchgefährt wurden, entdeckte das archäologische Grabungsteam unter Leitung von Lutz Dallmeier den mittelalterlichen jüdischen Friedhof. Die Gräber wurden nicht geöffnet. Mit der Jüdischen Gemeinde Regensburg und dem Committee for the Preservation of Jewish Cemeteries in Europe kam man überein, im Falle einer Bebauung die Fläche der jüdischen Gräber auszusparen, sodass der religionsgesetzlich vorgeschriebenen ewigen Totenruhe Rechnung getragen ist.

In der epigrafischen Datenbank epidat des Steinheim-Instituts sind 15 Inschriften der Zeit zwischen 1829 und 1889 erfaßt.

Lage: In der Stadt westlich des Stadtparks in der Schillerstraße. 

Größe: Stabile, hohe Mauer rund um den Friedhof mit einem Haupteingang (Schillerstraße 29) und einem Hintereingang vom Stadtpark her. 

Alter: 1822: Der Friedhof, den die Gemeinde 1822 erwerben konnte, lag im Bereich der Schießanlagen. Zuvor mussten die Toten von 1669 bis 1822 in Fürth, Georgensgmünd, Pappenheim, Schnaittach, und Wallerstein bestatten werden. Ein Beitrag in der Zeitschrift „Sulamith“ von 1824 verweist darauf, dass die Überführung einer Leiche nach Fürth etwa 26, nach Wallerstein sogar 36 Stunden in Anspruch nahm. Erweiterungen der Anlage erfolgten in den Jahren 1867, 1869 und 1923. 

Beerdigungen: Ca. 850 Gräber; links und vor dem Tahara-Haus ältester und alter Teil, rechts des Hauses neuer Teil); die Grabsteine sind im ältesten Teil wohl wegen der benachbarten Schießanlage in Richtung Norden, im alten und neuen Teil in Richtung Osten aufgestellt. Unter den Grabstätten befinden sich auch mehrere Erinnerungsmale für während der NS- und der Nachkriegszeit Ermordete. Der Friedhof wurde bis 1999 benutzt. 

Besonderheiten: Am Hintereingang befindet sich ein großes altes Tahara-Haus (heute bewohnt).

Schändungen: 1845, 1924, 1927, 1941, 1972 und 2002.

Lage: Eigene Abteilung des Dreifaltigkeitsfriedhofs im Stadtteil Steinweg. 

Alter: Einweihung am 7. September 1999. Die Neuanlage war durch die Zuwanderung der „Kontingentflüchtlinge“ aus den ehemaligen GUS-Staaten erforderlich geworden.

Adresse / Wegbeschreibung

Schillerstraße 29, 93049 Regensburg

Literatur

  • Waltraud Bierwirth (Hg.): Die Steine zum Sprechen bringen. 200 Jahre jüdischer Friedhof in Regensburg, Regensburg 2022.
  • Ole Harck: Archäologische Studien zum Judentum in der europäischen Antike und dem zentraleuropäischen Mittelalter. Petersberg 2014 (= Schriftenreihe der Bet Tfila 7), S. 174.
  • Siegfried Wittmer: Regensburger Juden. Jüdisches Leben von 1519 bis 1990 (Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte 6). 2. verb. Aufl. Regensburg 2002, hier vor allem S. 165-166.
  • Christoph Daxelmüller: Wie aus dem hl. Emmeram Rabbi Amram wurde. Aspekte und Möglichkeiten historischer Erzählforschung. In: Bayerische Blätter für Volkskunde N.F. 2, Heft 2 (2000), S. 5-26.
  • Siegfried Wittmer: Jüdisches leben in Regensburg. Vom frühen Mittelalter bis 1519. Regensburg 2001.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach. Fürth 1998. Bd. 2. S. 143 u. 319-321, 331; Bd. 3, S. 670-672.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), 294f.
  • Peter Morsbach: Mittelalterliche Judensteine in Regensburg. In: Beiträge zur Flur- und Kleindenkmalpflege in der Oberpfalz 1 (1978), S. 1-13.
  • Germania Judaica II, 2, S. 679-683; III, 2, S. 1178-1230.