Zeitzeugen berichten

Nelly Limmer

Signatur
tobre-152.02
Copyright
Haus der Bayerischen Geschichte (Dr. Heike Bretschneider)
Referenzjahr
1988

Im hier gezeigten Ausschnitt berichtet Nelly Limmer über die Rahmenbedingungen ihres Gerichtsprozesses 1988 und ihre Empörung darüber, "im Namen des Volkes" für die Teilnahme an einer Sitzdemonstration gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen verurteilt worden zu sein. Im Urteil hieß es, dass das Verhalten der Demonstranten "verwerflich" und "sozial-ethisch zu missbilligen" sei.

Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:

Thematisches Kurzinterview der Journalistin und Historikerin Dr. Heike Bretschneider mit Nelly Limmer, aufgenommen im Frühjahr 1990, über eine Protestaktion der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen bei Mutlangen 1987 (nur Ton).

Biogramm

1937 geboren als Georgine Bettina Weiße in Belgard/Pommern. Anfang Februar 1945 dramatische Flucht der Eltern mit 6 Kindern (siehe Elke Fröhlich (Hg.): Als die Erde brannte. Deutsche Schicksale in den letzten Kriegstagen, München 2005); „gelandet“ in der Sowjetischen Besatzungszone. 1951 2. Flucht der Familie aus der DDR über Berlin nach Westdeutschland. Fachstudium Metallographie mit staatlichem Abschluss in West-Berlin. 1959 Heirat mit dem Politologen Hans Limmer; 2 Kinder, die sehr früh ihren Namen verkürzten auf Nelly. Starkes Engagement in der Friedensbewegung. Da sich Nelly Limmer 1991 weigerte, das wegen der Teilnahme an einer Sitzdemonstration vom Oberlandesgericht Stuttgart gegen sie verhängte Bußgeld zu zahlen, wurde sie in das damalige Frauengefängnis München-Neudeck eingeliefert, um die neuntägige Haftstrafe zu verbüßen. Nelly Limmer begriff dies als "juristische Merkwürdigkeit, dass der Delinquent seine Strafe bereits antreten muss, bevor die letzte Instanz (bei ihr das Verfassungsgericht) ihr Urteil gesprochen hat". Einer diesbezüglichen Verfassungsbeschwerde wurde stattgegeben. Das Resultat war eine Art Freispruch, die Sitzdemonstrationen gegen die Atomwaffen als nicht strafbar bewertet. Auch danach vielfältige, intensive Friedensarbeit. Unter den Fittichen der IFFF (Internationale Frauen- und Friedensorganisation) 10 Jahre Leitung eines sehr umfangreichen Hilfsprojekts für Frauen aller Teilstaaten des ehemaligen Jugoslawien; Beteiligung an vielen Mahnwachen gegen den Kosovokrieg, gegen die Irakkriege; erfolgreicher Einsatz gegen die Abschiebung eines Iraners. Als meditativer Ausgleich Ausbildung und 20 Jahre Unterricht als Kursleiterin für Taji und Qigong.

Inhalte

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Den Anstoß für Nelly Limmers aktives politisches Engagement waren zwei Ereignisse: der CN und CS-Gas-Einsatz gegen Tausende von Demonstranten Ostern 1986 bei einer Demonstration am Zaun der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl am 26.04.1986. Danach schloss sich Nelly Limmer der „Kampagne Ziviler Ungehorsam“ an – bis zur Abrüstung der Pershing II-Raketen. In einem gewaltfreien Protest gegen die existentielle Bedrohung durch atomare Massenvernichtungswaffen sah sie eine Möglichkeit, aus der Gewaltspirale heraus zu kommen.

Am 10.05.1987 nahm sie an der sogenannten Muttertags-Blockade in einem Waldstück bei Mutlangen teil, in das Pershing II-Raketen zu Übungen gefahren worden waren. Mit anderen Frauen wurde sie von der Polizei fortgetragen und ihre Personalien wurden aufgenommen. Ein Jahr später verurteilte sie das Amtsgericht Schorndorf wegen „verwerflichen Tuns“ zu einer geringfügigen Strafe von 5 Tagessätzen. Trotzdem legte Nelly Limmer Berufung ein. Der nächste Prozess fand am Landgericht Stuttgart statt. Die beiden Schöffen überstimmten den Richter und Nelly Limmer wurde freigesprochen. Nun legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Das Oberlandesgericht Stuttgart hob den Freispruch auf.

Sie sei eine rechtskräftig Verurteilte – eine Kriminalisierte, sagt Nelly Limmer. Sie sei über fünfzig Jahre alt und werde kaum mehr ins Berufsleben zurückkehren, schlimmer sei es für Jüngere, wie z. B. bei Holger Jänicke, der als Wiederholungstäter zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Bei jeder künftigen Bewerbung müsse er angeben, dass er „vorbestraft“ sei.

Um das Thema Kriminalisierung der Blockierer und die Solidarität mit den Inhaftierten ging es Nelly Limmer und ihrer Gruppe, die ab 1988 täglich am Münchner Marienplatz eine Mahnwache von eineinhalb Stunden hielten.

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Band ist leer.

Daten

Art:
Thematisches Interview (nur Ton)
Dauer:
ca. 0,5 h
Aufnahmedatum:
01.01.1990
Sprache:
deutsch
Aufnahmeteam:

Interview: Dr. Heike Bretschneider

Technik: Dr. Heike Bretschneider