Im hier gezeigten Ausschnitt berichtet Herbert Rosendorfer über die Entwicklung der Gesellschaft in West-Deutschland von der Währungsreform 1948 bis in die 1960er-Jahre.
Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:
Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Prof. Herbert Rosendorfer, geführt am 29.01.2001 in Bozen über seine Herkunft aus Südtirol, die Kriegsbegeisterung als Kind in München, die letzten Kriegsjahre bei den Großeltern in Kitzbühel, die Nachkriegszeit in München, die Währungsreform 1948 und die Auswirkungen des Wirtschaftswunders, das beginnende Interesse an Musik und Literatur, das Jurastudium, seine Laufbahn als Staatsanwalt und Richter in Bayreuth, München und Naumburg/Saale und seine Motivation zur schriftstellerischen Tätigkeit.
Biogramm
1934 in Gries bei Bozen geboren, 1939 Umsiedlung nach München, 1943 bis 1948 in Kitzbühel, 1954 Studium an der Akademie der Bildenden Künste, 1955-1963 Jurastudium in München, 1965 Gerichtsassessor in Bayreuth, dann Staatsanwalt, ab 1967 Amtsrichter in München, 1993-1997 Richter am Oberlandesgericht in Naumburg/Saale, seit 1969 zahlreiche Veröffentlichungen, 1990 Honorarprofessor für bayerische Gegenwartsliteratur an der Universität München. Herbert Rosendorfer starb am 20.09.2012 in Bozen.
Inhalte
Österreichische Staatsbürger in Südtirol, Eltern und Großeltern nach 1919 keine Italiener geworden, Anschluss Österreichs 1938, deutsche Staatsbürgerschaft, Abmachung zwischen Hitler und Mussolini, Option für die Südtiroler: entweder Italiener werden oder auswandern, Vater: Sparkassenangestellter, bekam Stelle aus München angeboten, Rolltreppe im Kaufhaus Tietz, erster Eindruck 1939 war beklemmend, wenige Tage nach dem Bürgerbräu-Attentat nach München gekommen, Vater wurde sofort eingezogen, musste zur Ausbildung nach Murnau, Mutter zog mit den 3 Kindern (Schwester erst in München geboren) in eine Pension in der Karlstraße; Verdunklung bei Nacht, Pension wurde von Gestapo durchsucht wegen Attentat, Vater war begeisterter Nationalsozialist, wurde nicht in die Partei aufgenommen wegen fehlenden Ariernachweises, Kriegsbegeisterung, junge Mutter, Frauen, die während des Krieges mit dem Mangel konfrontiert waren, hatten schnell andere Einstellung, Vater fiel 1943 in Italien, in Kitzbühel zum Jungvolk gekommen, Aufmärsche, Anfang 1940 Wohnung in Ohlmüllerstraße in der Au bezogen, Hitlerbesuch in München, Prinzregentenbrücke, Menschenmasse, Wagenkolonne kam vom Prinz-Carl-Palais, Hitler stand in großem offenen Wagen, "Heil Hitler!" geschrien, Lehrer waren Nationalsozialisten oder haben so getan, erste Fliegerangriffe, Wehrmachtsberichte, Begeisterung über die Erfolge, Kriegsspielzeug, Flugzeugtypen aus Zeitung ausgeschnitten und gesammelt, Rangabzeichen auswendig gelernt, erste Fliegerangriffe, heimlich aus dem Luftschutzkeller gegangen, um Bombensplitter zu sammeln, Sirenen, brennende Paulaner-Brauerei auf den Isarhöhen, erste zerstörte Häuser gesehen, Blockwart im Haus, Wichtigmacher, Blockwart kam immer zu spät in den Luftschutzkeller, musste sich erst schön machen, komplette NSDAP-Parteiuniform, 1943 "evakuieren" im Lexikon nachgeschlagen, ungenaue Sprache des Nationalsozialismus, Kinderlandverschickung ins Sudetenland geplant, Vater schrieb Beschwerdebrief aus Afrika - Großeltern mit nach München gekommen, Eltern des Vaters nach Kitzbühel, Textilgeschäft, deswegen nach Kitzbühel gekommen, Sommer 1943, Onkel arrangierte die Unterbringung der Mutter und der beiden Geschwister auf einem Bauernhof in Oberndorf bei Kitzbühel, R. kam bei den Großeltern unter, Großmutter unpolitisch und streng katholisch, abergläubisch, Großvater politisch und historisch interessiert, Soldat im Ersten Weltkrieg, gescheiter Mann aus armen Verhältnissen, deutsch-nationaler Hitler-Gegner, kaufte jede Zeitung, Wehrmachtsberichte, las zwischen den Zeilen, Radio, Großvater markierte in Atlas Frontverläufe, 1944 mit 10 Jahren: Jungvolk, "Pimpf", Appelle, Begeisterung gelöscht, Geländespiele, Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium in Bischofshofen, Aufnahme für NS-Internat 8 Tage lang HJ-Uniform tragen, bestandene Prüfung, Essener Humboldt-Gymnasium zwischenzeitlich nach Kitzbühel verlegt, daher musste R. nicht nach Bischofshofen, 4 Onkel im Zweiten Weltkrieg, Korruption der NS-Herrschaft, Lehrling der Großeltern war mit 15 HJ-Befehlshaber, musste für die Großmutter in der Stadt einkaufen, zwischenzeitlich ins Kino, diesen dabei erwischt, damals Briefmarken als Schweigegeld erhalten, förderte R. bei der HJ, Rad fahren und Schwimmen gelernt, nicht mehr zur HJ gegangen, Ende April Anfang Mai 1945 Rückzug der deutschen Italienarmee durch Kitzbühel, zurückgelassene Lastwagen, Kanonen, Munition, 08.05.1945 Einmarsch der Amerikaner, Ausgangssperre, Häuser beschlagnahmt, Schüsse in den Wäldern, Kaugummis geschenkt bekommen, 42. US-Armee, "Rainbow Division", Schokolade bekommen, HJ-Führer wurde verhaftet, wieder österreichischen Ausweis erhalten, Mutter fuhr nach München zurück, um die Wohnung zu retten, 3 Jahre von der Mutter und den Geschwistern getrennt, sehr darunter gelitten, selten kamen Briefe an, erst 1948 gelang es der Mutter, R. nach München zurückzuholen, erste holländische Touristen in Tirol zum Skifahren, Schulalltag vom Mangel geprägt, Wohnung in der Ohlmüllerstraße 2 an der Reichenbachbrücke, Maria-Hilf-Platz, zerstörte Häuser, Währungsreform 1948, damals 14 Jahre alt, Verdrängungsprozess, später paralleler Vorgang in der ehemaligen DDR 1993-1997, Mutter fuhr mit dem Vorstadtzug nach Gauting zum Großvater, dieser war Gärtner, Kellner in weißer Jacke mit Sahnetorte am Bahnhofsrestaurant, "Fresswelle", "Bekleidungswelle", Schuhgeschäft im Haus, "Einrichtungswelle", "Motorisierungswelle", Kreppsohlen, Heizung in der Straßenbahn ließ Sohlen eines Mannes schmelzen, Schichtunterricht in der Schule, Maria-Theresia-Gymnasium und die Frühlings-Oberrealschule mussten sich ein Gebäude teilen, Briketts und Holzscheite zum Heizen mitgebracht, Lehrer waren politisch abstinent, Geschichtsunterricht endete bei Napoleon, Deutschunterricht endete bei Gerhart Hauptmann, Interesse für Literatur entwickelt, Referat über Hofmannsthal, konsternierte Lehrerin, Redakteurswitwe Frau Riedel, verkaufte eine Shakespeare-Klassikerausgabe , diese zu Weihnachten und zum Geburtstag erhalten, selbst das Schreiben begonnen, in den Ferien zu den Großeltern nach Kitzbühel gekommen, Versorgungslage auf dem Land besser, Lieblingsenkel der Großmutter, verwöhnt worden, Schulkamerad aus Kitzbühel Franz List, gemeinsam Dramen geschrieben, Peter Schrad kennengelernt, später Burgschauspieler, Franz Willnauer, später Generalsekretär bei den Salzburger Festspielen und den Schleswig-Holstein-Festivals, erste kulturelle Kontakte, 1951 erstmals Karten für Salzburger Festspiele: "Othello", von Furtwängler dirigiert, Interesse für Musik, Literatur, Malerei, private Englischlehrerin: Mary Doll, im Gegensatz zu Klassenkameraden kein Interesse für Jazz, Musiklehrer im Gymnasium Robert Wagner, klassische Musik, Amerikabegeisterung, Reeducation nicht notwendig, die Niederlage des Krieges trieb den Deutschen den Nazismus aus, Staatsrechtslehrer, späterer Kultusminister Theodor Maunz, Kommentator der Nürnberger Gesetze, Freundin der Mutter: Hedel, Veranstaltung im Rahmen des Bach-Jahrs 1950, "Klüter-Blätter", Sammelpunkt der übrig gebliebenen NS-Literaten: Hans Jost, Hermann Claudius, kein Parteibuch, daher von Amerikanern nicht belangt, Umdeutung ins christlich-abendländische, mit Kontakt zu literarischen Kreisen während des Studiums, Flugblatt: Suche nach Mitarbeitern und literarischen Beiträgen für die Zeitschrift "Komma", Kollegin: Brigitte Gmelin, Kurzgeschichte veröffentlicht, Komma-Club, Kellerlokal in Schwabing, öffentliche Lesungen, Tukan-Kreis: Rudolf Schmidt-Sulztal, Karl Ude, Schwabinger-Kreis, Regina-Palast-Hotel, Heimkehrer-Literatur, Trümmer-Literatur, Hofmannsthal gelesen, für Bücher gespart, Vorlesung bei Motekat über "neue deutsche Literatur", Hemingway, Proust, Thomas Mann gelesen, Lesung mit Erich Kästner in den Kammerspielen, Theater- und Konzertbesuche, Zeit damals als Befreiung empfunden, erst später erkannt, dass es sich um einen "abgestandenen Spät-Expressionismus" handelte, Walter Kolbenhoff, Wolfgang Koeppen, Anschluss an das Frühere vor 1933, das Neue begann mit Wolfgang Hildesheimer, Hörspiele, Fernsehen, politische Abstinenz, Rückzug ins Private, Wiederentdeckung der Psychologie, Sigmund Freud, wenig Humor, Kusenberg, materialistische Zeit des Wirtschaftswunders, Reaktion darauf waren die 68er, Szene im zweiten Roman der "Deutschen Suite": Arbeiter kam in 68er-Kommune, Studium selbst erarbeitet, Schraubenzähler und Werkstattschreiber, Bauhelfer, alles mögliche, Alfred Andersch kennengelernt, Diogenes, nach dem Abitur Bühnenbildnerstudium an der Akademie der Bildenden Künste, Aufnahmeprüfung, Klasse von Helmut Jürgens, nach einem Jahr an der Universität für Jura eingeschrieben, Ziel Richter zu werden, geistige Unabhängigkeit, nicht als Wirtschaftsjurist Interessen vertreten oder als Anwalt Mandanten, objektive Instanz sein können, Gedanke von Frühwald: Recht und Gerechtigkeit sind Ideale, die sich nicht verwirklichen lassen, deswegen schreibt man und schafft sich so eine Welt, in der man selbst die letzte Instanz ist, viele schreibende Juristen, Ironie und Satire, Verpackung der bitteren Pille, Zerstörung von Bausubstanz durch den Wiederaufbau, schnell hochgezogene Betonbauten der 1950er Jahre, Scheußlichkeiten des Wiederaufbaus: Hauptbahnhof in München, in der Au aufgewachsen, bis 1959 dort gewohnt, Geist Karl Valentins, Veränderungen, alte Volksschule am Maria-Hilf-Platz, 70% muttersprachliche türkische Klasse, 1945 Zuzug der Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen, viele Evangelische, Integrationskraft Münchens, Türken, Griechen, Zeit in Bayreuth, Bekanntschaft mit Wolfgang Wagner, Kritik an Buch, heimlicher Historiker, Arbeit an einer deutschen Geschichte, Unbeliebtheit des DDR-Regimes, Ausländerhass in der DDR war überkommener Russenhass, Privilegien der Sowjets, Ausblenden der Vergangenheit, wie nach dem "Dritten Reich", Verdrängung, Minderwertigkeitskomplex, Trotzreaktion, Taxis in Leipzig, DDR-Revue im Theater in Halle, DDR war Korruptionssumpf, Leiter des Sozialamtes kommt nur Montag früh und Freitagnachmittag, Glaube an die Wiedervereinigung, bürgerliche Restbestände, gruppiert um die evangelische Kirche, bildungsbürgerliche Reste, Rückzug ins Private, vorgeschriebener Lebensablauf, herzliche Freundlichkeit der Menschen, Geburt der jüngsten Tochter 1996 in Naumburg/Sachsen-Anhalt, Seelenlosigkeit wegen Unterdrückung der Religion, Gegenwartsbezogenheit, Handlungen der Romane spielen nur dort, wo R. sich auskennt, München, Kitzbühel, Südtirol, süddeutscher Autor, süddeutsche, bayerisch-österreichisch-alemannische Richtung des Denkens und Sprechens und somit der Literatur, Prägung des Geschichtsbildes durch den Großvater, Lebensberichte von Offizieren und Soldaten über die Räumung des Oberen Vinschgaus, Sinnlosigkeit des Krieges verdeutlicht, "Geschichte eine Blutspur in der Menschheit, aus Leid, Tränen, Schmerz und Dreck", Interesse an Religionsgeschichte, Funktion der Religion für die menschliche Gesellschaft, tröstendes Regulativ, Gegenwartsbezogenheit, Hoffnungslosigkeit, Defizit des Kommunismus: "Die Enkel werden es besser haben", Beschäftigung mit römischem Recht, antiker Geschichte, Mittelmeer, Rom als Zentrum der Welt, trotz kritischer Haltung gegenüber der katholischen Kirche, Umgang der Italiener mit ihrer faschistischen Vergangenheit, Rückkehr nach Südtirol, zumindest ein Teil der Persönlichkeit ist Südtiroler, italienisches Siegesdenkmal an der Talferbrücke, Luis Trenker, heute als deutscher Staatsbürger Gast in Südtirol, zweisprachiges Land, k.u.k.-Monarchie, Frage nach einer historischen Moral, beobachtende Haltung aufgrund einer resignativen Neigung, fatalistische Haltung, Zerstörung der Welt durch den Menschen, Ernst des Lebens, Kommerz regiert die Welt, Haltung zum technischen Fortschritt, unnötige Erfindungen, kein Handy mehr, Heimat dort, wo man sich sicher fühlt, München, Kitzbühel, Naumburg, Überetsch, Bayreuth, Bedeutung der Sprache und des Dialekts, geistige Heimat, Gebiet des antiken römischen Reiches, auf Pen-Kongressen als Reaktionär, unter Richterkollegen als Linker verschrien, liberale Haltung, keine Meinung, die sich in einem Satz ausdrücken lässt, Liberaler im Sinn des 18. Jahrhunderts., Distanz zu den eigenen Figuren, Tiroler Schriftsteller: Helmut Schinnagl.
Daten
Interview: Georg Schmidbauer M.A.
Kamera: Georg Schmidbauer M.A.