Im hier gezeigten Ausschnitt berichtet Walter Weiterschan über konkrete Missstände in den Arbeits- und Lebensverhältnissen ausländischer Arbeitnehmer, zum Beispiel bei der Belegung von Unterkünften.
Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:
Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Walter Weiterschan, aufgenommen am 27.12.2013 in München, über seine Kindheit, seine Arbeit bei der Arbeiterwohlfahrt und der Inneren Mission in München, den Umgang mit ausländischen Arbeitnehmern und die Schwierigkeiten bei der Integration der „Gastarbeiter“ in Deutschland.
Biogramm
Walter Weiterschan wurde 1942 im damaligen Königreich Jugoslawien in der heutigen Vojvodina geboren. Nach der Flucht der Familie absolvierte er seine Schulausbildung in Deutschland und studierte Sozialpädagogik. Ab 1972 war Walter Weiterschan als Sozialberater bei der Arbeiterwohlfahrt in München tätig und baute später als Referatsleiter die Beratungsdienste für die ausländischen Arbeitnehmer auf. In dieser Funktion hatte er es immer wieder mit staatlichen Stellen zu tun, u.a. mit dem Kreisverwaltungsreferat in München, dessen Referent, Dr. Peter Gauweiler, in den 1980er-Jahren einen „harten Kurs“ gegenüber den ausländischen Arbeitnehmern festlegt hatte. Walter Weiterschan war Mitglied des Ausländerbeirats der Landeshauptstadt München und leitete seit 2004 die Migrationsdienste der Inneren Mission in München. Seit 2013 arbeitet Walter Weiterschan als Seniorenvertreter für die Stadtbezirke Isar- und Ludwigsvorstadt.
Inhalte
Geboren 1942 in Jugoslawien – Vater gehörte der deutschen Minderheit an – Mutter stammte aus der serbischen Bevölkerung – Besetzung Jugoslawiens durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg – Flucht aus Jugoslawien 1944 – Flucht über Slowakei und Österreich ins Elsass, dort zwei Jahre Aufenthalt – Ankunft im Flüchtlingslager Freiburg/Betzenhausen 1950 – schwierige Zeit – Diskriminierung in der Schule als Flüchtlingskind – Nichtbeachtung durch Lehrer – Abitur und Studium der Sozialpädagogik – Umzug nach München wegen des dortigen Südost-Instituts – zufälliger Kontakt zur Arbeiterwohlfahrt – Übernahme von Verwaltungs- und Organisationsaufgaben bei der Arbeiterwohlfahrt – Probleme der "Gastarbeiter" vor allem bei Bezahlung und Unterkunft – Anwerbungsprozedur – Medizinische Untersuchung im Heimatland – zu Beginn Ausstellung einer Arbeitserlaubnis nur für ein oder zwei Jahre – durch Verlängerung der Arbeitsverträge blieben Arbeitnehmer längere Zeit in Deutschland – verhältnismäßig schlechte Zustände in Deutschland für viele leichter zu ertragen als miserable Situation in der Heimat – mit zunehmender Dauer des Aufenthalts entwickelten "Gastarbeiter" Bewusstsein für ihre rechtliche Lage – Zusammenarbeit mit Behörden – Übersetzungstätigkeiten – persönlich kaum direkter Kontakt zu Firmen – Überbelegung von Unterkünften als Problem – Einrichtung von neuen Beratungsstellen, z.B. in Kempten – ein Mitarbeiter pro Beratungsstelle, bei Bedarf Erweiterung auf zwei – ständiger Kontakt und Kooperation mit den Kommunen und dann auch dem bayerischen Arbeitsministerium – Anwerbestopp 1973 – Nachzug von Familien – Fehler der Behörden bei der Regelung des Familiennachzugs – hauptsächlich ordnungspolitische Regelungen, kaum Integration – fehlende Transparenz – populistische Meinungen – Diskriminierung unterschwellig immer noch spürbar – Rückkehrhilfegesetz 1974 – schlechte Umsetzung – Interesse der Arbeitnehmer, ausländische Arbeitskräfte zu halten – zum Teil kein Wunsch nach Rückkehr – Aufteilung der Zuständigkeit für einzelne Personengruppen der Sozialverbände nach Konfession – kaum ausreichende Ausstattung zu Beginn – Pauschalisierung der Ausländer – Konflikte mit dem Kreisverwaltungsreferat in München unter Leitung von Dr. Peter Gauweiler 1982 – harter Kurs – Druckmaßnahmen – Beschwerde Gauweilers beim Landesvorsitzenden – Suche nach Kooperation mit Behörden – Verknüpfungen von Ausländerrecht, Arbeitsplatz- und Wohnungsmangel – Veranstaltungen und Referate – Richtigstellung populistischer Meinungen durch saubere Recherche – Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes 1990 – Diskussionen über Berücksichtigung von ausländischen Kindern – neues Ausländergesetz 1990/91 – Abwehrgedanke weiter im Vordergrund – Problem der Auslegung unbestimmter Rechtsbegriffe – echte Verbesserungen erst mit dem Zuwanderungsgesetz 2005 – Integrationsgedanke erstmals enthalten – konstruktive Diskussion aller Parteien in der Süssmuth-Kommission – Änderungen im Denken – Instrumentarien zu erfolgreicher Integration – Sprache nur ein Schlüssel von mehreren – Gleichbehandlung bei Bildung wichtig – geringe Sensibilität für Probleme von Minderheiten – zum Teil zu große Empfindlichkeit der Minderheiten – Parallelgesellschaften – unzureichender Austausch und Information über die Verhältnisse – eigene Biografie als Auslöser für die Berufswahl – Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten – Vorgeschichte der Vertreibung wird zum Teil marginalisiert – „Wandel durch Annäherung“ von Willy Brandt als Motto – Arbeit als Seniorenvertreter für die Münchner Stadtbezirke Isar- und Ludwigsvorstadt – Bild von Bayern – Umgang mit bayerischem Charme und Grant gleichermaßen – Kritik an bayerischer Ausländerpolitik – gute Ansätze, aber falsche Umsetzung – eigenständige Meinung wichtig, auch gegen das Establishment.
Daten
Interview: Georg Schmidbauer M.A.
Kamera: Georg Schmidbauer M.A.