Rudolf Groer spricht im hier gezeigten Ausschnitt über die Abwanderung der Flüchtlinge aus Buttenwiesen zur Industrie nach Augsburg in den 1950er-Jahren, weil das Pendeln mit dem Bummelzug zu umständlich und beschwerlich war.
Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:
Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Rudolf Groer, aufgenommen am 17.05.2004 in Augsburg im Rahmen des Projekts Textilindustrie, über sein Berufsleben in der Textilindustrie.
Biogramm
1942 in Nordmähren geboren, Flucht nach Bayern, 1956 Lehre bei der SWA (Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg), dort in verschiedenen Funktionen bis 1986, erlebte den Niedergang der Textilindustrie in Augsburg, verschiedene Tätigkeiten in anderen Textilunternehmen, 2001 Ruhestand.
Inhalte
1942 in Nordmähren geboren, Eltern Landwirte, Vertreibung aus Nordmähren, acht Wochen vorher benachrichtigt, 20 kg pro Person als Fluchtgepäck, mit dem Viehwaggon nach Furth im Wald, über Regensburg ins Auffanglager nach Augsburg, anschließend nach Meitingen, Vater in Kriegsgefangenschaft in der Tschechoslowakei, Zwangsarbeit im Stahlwerk, Mutter Stallmagd, acht Jahre Volksschule, Vater zurückgekehrt, arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter auf dem Bau, dann bei Siemens-Plania in Meitingen, Brüder bekamen Lehrstellen, ältester Bruder ertrank 1953 in der Zusam, selbst bei der SWA vorgestellt, Aufnahmeprüfung – Beruflicher Werdegang bei der SWA, 1956 Lehre begonnen, Schichtbus, Früh- und Spätschicht, zweijährige Lehre und Facharbeiterprüfung, Berufsschule, Messerschmitt-Schule (später: Böwe), über 1 D-Mark Stundenlohn, verschiedene Webmaschinen, alte restaurierte Webstühle nach dem Zweiten Weltkrieg, Roscher & Honnecker, Disposition, damals auf Vorrat gewebt, spezialisiert auf Hemdenstoffe, Futterstoffe, Gardinenstoffe, Damaste für Bettwäsche, Aussteuer, 1962 erste Entlassungswelle, Zettelaufleger, gekündigt, in Donauwörth als Schlosser und Schweißer beim Kranbau, im Waggonbau gearbeitet, nach 7 Jahren Tag der offenen Tür bei der SWA, neue Sulzer-Webmaschinen, Saalmeister sprach G. an: Wir suchen Leute, Gastarbeiter, Italiener, Griechen, Jugoslawen, Ungarn, als Meister eingestellt worden, Umstellung auf Strickmaschinen bei Riedinger, Versuche mit Strickmaschinen, neue Webmaschinen, Dornier, Rüthi, Technikum in Reutlingen, Schussgarn-Disponent, technischer Angestellter, Springer, 1979 Webereileiter, Konflikt Weber-Spinner, Qualität/Preis, gekündigt, 1976 SWA Konkurs und Neugründung – Arbeit in der Firma Pfersee, Haus in Nordendorf vermietet, nach Witlislingen gezogen, kleines Dorf bei Dillingen, Werke Zöchlingsweiler, Eschenbrunn, Spezialgewebe, 1986/87 neu investiert, 1992 Firmenverbund, Betriebsleiterversammlung, Schließung aller Werke zum 30.06.1992, Maschinenverkäufe, 01.01.1993 Ende bei Pfersee, zurück nach Nordendorf gezogen, Entwicklung des Werksgeländes Eschenbrunn, halbes Jahr Arbeit als Qualitätssicherer bei der Textilgruppe Hof – Zusammenleben im Betrieb – Tätigkeit als Webereileiter in Freilassing bei Gernz & Galer, Sitzbezüge für Autoindustrie, Qualitätssicherung, bis 2001 Webereileiter, wegen Krankheit in Rente, ehrenamtlich für das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg tätig – Kindheit, Flüchtling, Probleme mit dem schlesischen Dialekt, schlechte Zugverbindung in Buttenwiesen (Bummelzug / "Judenrutsch") – Lehrzeit, Unterschied Stadt/Land, lehrreiches Maschinenputzen, viele Lehrlinge gingen in andere Branchen, Schichtbus, Weberlehre, duales System – Der Beruf des Webers, Spinner, Herstellungsprozess, Weiterverarbeitung, Martini, Prinz, Textilmaschinenführer/Weber, Beschreibung der Tätigkeit, moderne Webstühle, kaum noch Qualifikation nötig – Auswechseln des Kettfadens, Staub und Lärm, Reinigen der Maschine, Team – Technologische Entwicklung des Webens, Schiffchenweberei, Projektilweberei, Roschmann – Produktivitätssteigerung, rationalisierte Methoden in Weberei, Spinnerei und Druck, Entlassungswellen, Grundstücksverkäufe, Abwanderung in andere Bereiche, Gastarbeiter, als Weber 24 bis 28 Webstühle bedient – Werkswohnungen, Sprungbrett zur Eigentumswohnung, 1977 in Nordendorf gebaut, Abstand zur Firma – Betriebsklima früher gut, aber strenge Hierarchien, Kleidungsfragen, Waschzeit, familiäre Bindungen, Raucherraum, erste Pizza, Schleier der Türkinnen – Arbeitsbedingungen, Lärm, Luftfeuchtigkeit, Staub, im Sommer extrem heiß trotz Klimaanlage, Frauen nur in der Schürze gearbeitet – Ausländische Arbeitnehmer, Pünktlichkeit, Nord-/Süditaliener, spanische Frauen innerhalb eines Jahres alle verheiratet mit GIs – Arbeitsunfälle, kleine Quetschungen, schwerer Unfall: Arm verloren, trotz Behinderung weiterbeschäftigt – Ende der SWA, nach dem Konkurs GmbH getragen vom Sozialplan, Auftrag zur Kostensenkung, Durchschnittsalter 56, Minister Anton Jaumann, Glöckler, Helaba, Finanzierungsprobleme, zu teure Produkte – Private Situation: Turner in der Jugendriege in Buttenwiesen, Fußball, 1965 mit 23 geheiratet, Frau im Bus kennengelernt, auch bei der SWA beschäftigt, Autos repariert, ehrenamtlich beim Roten Kreuz, Hausbau, vieles selbst gemacht, im Urlaub Textilfirmen im Ausland besichtigt, Technikfreak – Lohnfindung in der SWA, Tarifvertrag, Refa, Nachtzuschläge 30% – Mit dem Messer angegriffen worden, Angreifer die Treppe hinuntergeworfen, Auseinandersetzung zwischen Türken und Kurden in Eschenbrunn – Lohnerhöhungen, Technik, Saalmeisterdynastie Britzelmeier, Werksfeuerwehr, Fußballklub, Turnverein – Direktoren: in den 1950ern 10 Direktoren, Chauffeure – Das Ende der Textilindustrie in Augsburg, ständiges bergab, Gebäude im schlechten Zustand, Glaspalast, Grundstücksverkäufe unter Glöckler.
Daten
Interview: Dr. Ludwig Eiber
Kamera: Georg Schmidbauer M.A.