Zeitzeugen berichten

Dr. Ruth Strahl Tochter von Kurt Eisner

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Haus der Bayerischen Geschichte (Dr. Heike Bretschneider)

Ruth Strahl erinnert sich an Kurt Eisner als Vaterfigur. (Nur Ton)

Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:

Lebensgeschichtliches Interview der Journalistin und Historikerin Dr. Heike Bretschneider mit Dr. Ruth Strahl, Tochter von Kurt Eisner, geführt am 01.12.2001 (nur Ton).

Biogramm

1909 als Ruth Eisner in Großhadern geboren, nach dem tödlichen Attentat auf ihren Vater Kurt Eisner (21.02.1919) 1920 Umzug mit der Mutter und der Schwester nach Gengenbach im Schwarzwald. Aufgrund der finanziellen Not ihrer Mutter wurde Ruth 1923-25 als "Haustochter" in eine Familie in Saulgau geschickt. Besuch des Gymnasiums in Offenburg, 1929 Abitur. Anschließend Beginn des Medizinstudiums in Berlin, 1930 Physikum, Beitritt zur KPD, 05.03.1933 nach dem Reichstagsbrand verhaftet und verhört, 01.05.1933 entlassen, 22.07.1933 Heirat mit Hermann Strahl. Übersiedelung in die Schweiz, nach der Ausweisung im November 1933 illegaler Aufenthalt in Genf. 01.05.1934 Verhaftung, dann Rückkehr nach Deutschland. Unterkunft bei ihrer Schwägerin in Mosigkau bei Dessau. Dort wurden 1935 und 1940 ihre beiden Söhne geboren. 1937 als Ruth Eisner ausgebürgert, dank der Namensänderung auf Ruth Strahl blieb sie jedoch von weiterer Verfolgung verschont. Im Krieg bei Junkers & Co. als Lohnrechnerin angestellt. Nach dem Kriegsende 1945 arbeitete Ruth Strahl einige Zeit in Köthen im Krankenhaus und nahm 1946 in Halle ihr Medizinstudium wieder auf. Noch in Mosigkau gründete sie mit sechs anderen Genossen nach dem Krieg die KPD neu. In den 1950er-Jahren erkrankte sie an Tuberkulose und legte mit einem Pneumothorax ihr Staatsexamen ab. Als Assistenzärztin fing sie auf der Tuberkulose-Station bei Professor Steinbrück an. Erst 1964 kam sie dazu, ihre Facharztprüfung für Innere Medizin abzulegen. Um ihr zweites Enkelkind großzuziehen, ging sie mit 63 Jahren in Rente. 2014 verstorben.

Inhalte

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Geboren 1909 in München/Großhadern. 1917 heiratete Kurt Eisner ihre Mutter, die Schriftstellerin Else Belli. Sie war seine zweite Frau. Ruth und ihre Schwester Freia bekamen nun den Namen Eisner. Aus der ersten Ehe hatte Kurt Eisner bereits fünf Kinder.

Ruth Strahl berichtet über ihre frühe Kindheit: Der Vater nahm sie mit zu Wanderungen mit jungen Leuten, dabei wurde viel über Politik gesprochen. Da Eisner für zwei Familien sorgen musste, er aber als Pazifist im Krieg keine politischen Artikel veröffentlichen konnte und nur von Theaterkritiken lebte, gab es ständig Geldsorgen.

Nach dem Munitionsarbeiterstreik in München im Januar 1918 wurde Kurt Eisner für neun Monate verhaftet. Die Kinder besuchten ihn im Gefängnis München-Stadelheim.

Ruth Strahl erklärt: „Wir wussten, dass man für die Sache Opfer bringt. Wir waren ein bisschen hart erzogen.“

Vor der Friedensdemonstration auf der Theresienwiese am 07.11.1918 sagten die Eltern zu den beiden Töchtern, sie hätten etwas Wichtiges vor, um den Krieg zu beenden und wenn sie in zwei Tagen nicht wiederkämen, sollten die Kinder sich an den Großvater Belli in Stuttgart wenden. Am nächsten Tag kamen die Eltern wieder und erklärten: „Bayern ist jetzt Republik, der König ist weg.“

Da die Eltern nun keine Zeit mehr für sie hatten, schickten sie die Kinder zu Gustav Landauer nach Krumbach in Schwaben. Am 21.02.1919 wurde Kurt Eisner erschossen. Die älteste Tochter Landauers überbrachte Ruth und Freia die grausame Nachricht.

Während der Räterepublik wurden die Landauer Kinder und die Eisner Töchter zu Verwandten Landauers auf das Gut Deisendorf bei Meersburg am Bodensee gebracht. Dort erfuhren sie im Mai 1919, dass auch Gustav Landauer ermordet worden war.

 

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Kurt Eisner gehörte noch der jüdischen Gemeinde in München an, aber seine Kinder wurden nicht religiös erzogen.

Ruth Strahl erzählt vom Tod Gustav Landauers. Er wurde in ihrem Elternhaus in Großhadern verhaftet, nur durch einen Zufall entging ihre Mutter Else der Festnahme. Für die Familie folgten finanziell schwere Zeiten, die Mutter und auch Ruth Strahl waren krank.

1920 kaufte der Großvater Belli ihnen ein Haus in Gengenbach im Schwarzwald. Der Sozialdemokrat Joseph Belli beschrieb im Buch „Die Rote Feldpost“ den Zeitschriftenschmuggel während des Sozialistengesetzes und hatte dadurch noch einige Einnahmen. Ruth ging auf das Gymnasium nach Offenburg. Da durch die Inflation auch der Großvater verarmte, gab die Mutter ihre Tochter Ruth einige Zeit zu einer Lehrerfamilie nach Saulgau in Württemberg.

Ruth Eisner machte ihr Abitur in Offenburg und begann 1929 mit dem Medizinstudium an der Friedrich-Wilhelm-Universität (heute: Humboldt-Universität) in Berlin.

 

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Über Kurt Eisners Sekretär Felix Fechenbach kam Ruth Eisner zur Roten Studentengruppe und nach dem Physikum trat sie in die KPD ein. Sie war überzeugt, dass die Kommunisten den Kampf gegen den Nationalsozialismus entschiedener führen würden als die Sozialdemokraten. Sie fuhr u.a. aufs Land zu Propagandafahrten. Sie erlebte auch Prügeleien zwischen den nationalsozialistischen und kommunistischen Studenten. In der kommunistischen Studentenfraktion lernte sie ihren zukünftigen Mann Hermann Strahl kennen. Als gelernter Maschinenschlosser war er arbeitslos.

Nach einer Hausdurchsuchung wurde Ruth Eisner am 03.03.1933 verhaftet. Mutig und entschlossen trat sie bei der Vernehmung auf. Danach kam sie einige Tage ins Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz und später in das Frauengefängnis Barnimstraße. Am 01.05.1933 wurde sie entlassen. Die Universität exmatrikulierte sie wegen kommunistischer Umtriebe.


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Auch Hermann Strahl wurde für einige Wochen verhaftet. Im Juli 1933 heiratete er Ruth Eisner, die seinen Namen annahm.

Bei einem Besuch bei ihrer Mutter in der Schweiz, entschloss sie sich, dort zu bleiben. Auch ihr Mann folgte ihr, sie zogen nach Zürich. Nach vielen Schwierigkeiten durfte sie in Genf weiter studieren. Sie bekam ein kleines Stipendium vom Sozialforschungsinstitut in Frankfurt am Main.

Im November 1933 wurde Ruth Strahl aus der Schweiz ausgewiesen. Sie blieb illegal und am 01.05.1934 wurden sie und ihr Mann für einige Tage verhaftet und dann mussten sie das Land verlassen. Sie besorgten sich Grenzscheine, die auf einen anderen Namen ausgestellt waren und kehrten nach Deutschland zurück. Sie fuhr zu ihrer Schwägerin nach Mosigkau bei Dessau. Dort wurde 1935 ihr Sohn geboren. Ihr Mann arbeitete bei den Junkers Flugzeugwerken.

Als Ruth Strahl ihre Schwester in England besuchte, erfuhr sie auf der Passbehörde, dass Else (ihre Mutter) und Ruth Eisner ausgebürgert seien. Trotzdem kehrte sie nach Deutschland zurück.

1938 fuhr sie ins Rassepolitische Amt nach Berlin und ließ sich bescheinigen, dass sie nach dem Gesetz keine Jüdin sei, da sie als sogenannte Halbjüdin mit einem arischen Mann verheiratet war. 1940 kam ihr zweiter Sohn auf die Welt.

 

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Hermann Strahl wurde bei Kriegsbeginn wieder für einige Wochen verhaftet, bei Junkers entlassen, bekam aber in der Maschinenfabrik Halle neue Arbeit. Ruth Strahl war im Krieg bei Junkers & Co als Lohnrechnerin angestellt.

Nach dem Kriegsende arbeitete sie einige Zeit in Köthen im Krankenhaus und nahm dann 1946 in Halle ihr Studium wieder auf. Noch in Mosigkau hatte sie mit sechs anderen Genossen gleich nach dem Krieg die KPD neu gegründet.

Sie schildert die schwierige politische Situation am 17. Juni 1953 in Halle (Volksaufstand in der DDR). Sie sprach mit den Streikenden und hatte in der eigenen Partei erhebliche Schwierigkeiten.

Sie bekam Tuberkulose. Mit einem Pneumothorax machte sie ihr Staatsexamen. Als Assistenzärztin fing sie auf der Tuberkulose-Station bei Professor Steinbrück an. Erst 1964 kam sie dazu, ihre Facharztprüfung für Innere Medizin zu machen. Um ihr zweites Enkelkind großzuziehen, ging sie mit 63 Jahren in Rente.

Ruth Strahl erinnert sich an die Großeltern Belli und die Großmutter Eisner.


tobre 176:

Ruth Strahl erzählt noch einmal über ihre frühe Kindheit. Sie hätten zu Hause ein ganz normales Familienleben geführt. Genossen hat sie es, wenn der Vater ihnen etwas vorgelesen hat. Der Vater sei mit seiner sozialen Einstellung und seiner Friedensliebe für sie immer Vorbild gewesen. Sie und ihre Schwester haben die Hetze gegen den Vater miterlebt: Auch sie wurden öfter auf das Schlimmste beschimpft. Sie wurden aber so erzogen, alle Schmähungen gefasst hinzunehmen. Sie spricht über die Zeit in Gengenbach und die finanzielle Not der Familie (siehe auch tobre 172).

Daten

Art:
Lebensgeschichtliches Interview (nur Ton)
Dauer:
ca. 2 h
Aufnahmedatum:
01.12.2001
Sprache:
deutsch
Aufnahmeteam:

Interview und Technik: Dr. Heike Bretschneider