Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:
Thematisches Zeitzeugeninterview der Journalistin und Historikerin Dr. Heike Bretschneider mit Albert Lörcher, aufgenommen am 10.11.1982 in München, über seine Tätigkeit im Widerstand gegen das NS-Regime, seinen politischen Werdegang sowie seine Erlebnisse als Soldat im Zweiten Weltkrieg und in amerikanischer Kriegsgefangenschaft (nur Ton).
Biogramm
Albert Lörcher wurde 1913 in München geboren, sein Vater war Mützenmacher und USPD-Aktivist der Räterepublik. Albert Lörcher wurde Kürschner. Bereits in den 1920er-Jahren engagierte er sich in der Münchner Arbeiterbewegung. Nach der NS-Machtübernahme ging er in die Illegalität, wurde 1933 verhaftet und im KZ Dachau interniert. Nach seiner Entlassung 1935 wurde er nach weiteren Verhaftungen 1942 in das Strafbataillon 999 der Wehrmacht einberufen, erlebte 1943 in Afrika die Kapitulation der Wehrmacht und kam in britische, später in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr aus den USA im Dezember 1945 war er in München beim bayerischen Innenministerium zunächst mit Fragen der Entnazifizierung beschäftigt. Ende 1946 verließ er das Ministerium wieder und gründete eine Buchhandlung. Lörcher wirkte am Aufbau der Münchner Gewerkschaftsbewegung mit und war ab 1950 bis zu seiner Pensionierung als Geschäftsführer der gewerkschaftseigenen Bund-Buchhandlung tätig. Jahrelang begleitete er Schüler, junge Gewerkschafter und andere Gruppen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau. Er wollte den jungen Menschen vermitteln, wie wichtig es ist, sich für den demokratischen Staat, in dem man lebt, verantwortlich zu fühlen. 1953 trat Albert Lörcher wieder in die SPD ein. 1987 gehörte er zu den Gründern des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung. 1994 übernahm er den stellvertretenden Vorsitz der Lagergemeinschaft Dachau. 1997 verstarb Albert Lörcher in München.
Literatur: Gerald Engasser, Ich will meinen eigenen Weg gehen. Bertl Lörcher - Sozialist, Antifaschist, Gewerkschafter, München 2025.
Inhalte
tobre 198:
Albert Lörcher spricht über den 30. Januar 1933 in München. Mit 14 Jahren war er in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) eingetreten, seit 1929 im Ortsvorstand der SAJ. Die SAJ forderte eine entschiedenere Haltung der SPD gegenüber den Nationalsozialisten. Deshalb beteiligte sich Albert Lörcher bei den illegalen Demonstrationen der Kommunistischen Jugend und wurde schon vor 1933 einmal kurz verhaftet. Lörchers SAJ-Gruppe hatte bereits 1928 Hitlers „Mein Kampf“ und Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ gelesen und diskutiert. Mit 800-1000 Münchner Jugendlichen fuhr Albert Lörcher 1929 zum Internationalen Jugendtag nach Wien. Seit 1930 war er in Abständen immer wieder arbeitslos, so auch 1933. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 waren die Jungen in der SAJ entschlossen, den Zusammenhalt unter den Genossen aufrechtzuerhalten und sie zu informieren. Seit April stellte Albert Lörcher mit Freunden die ersten Flugblätter und auch einfache Zeitungen her. Sein Bruder und er wurden von der Politischen Polizei gesucht und mussten seit dem Frühjahr 1934 illegal in Verstecken leben. Eine Zeit übernachteten sie in der Pupplinger Au im Zelt. Dort hatten sie eine Schreibmaschine und einen Abziehapparat. Informationen holten sie sich aus ausländischen Zeitungen, die damals noch im Arbeitsamt auslagen. Ihnen schlossen sich drei Studenten an. Als das Hochwasser ihre Bleibe fort schwemmte, mussten sie neue Quartiere suchen. Professor Margenblecher nahm Albert Lörcher in einem Häuschen am Biederstein auf. Bei einer Razzia wurde er dort am 10. August 1933 verhaftet. Im Widerstand hatte Lörcher Kontakte zu Sepp Linsenmeier (SPD), Albert Heinzinger (SAP), Lotte und Gottlieb Branz (SPD) aber auch zu der monarchistischen Gruppe um Heinrich Pflüger und Seutter von Lötzen. Max Troll, ein Spitzel, der sich Theo nannte, hatte z.T. diese Netzwerke in München aufgebaut. Die Vernehmungen fanden am Tag in der Polizeidirektion statt, abends wurde er dann geholt, misshandelt und zusammengeschlagen. Er sollte die Namen seiner Mitstreiter verraten. Albrecht Lörcher hielt durch und kam nach 14 Tagen in Untersuchungshaft ins Gefängnis München-Neudeck. Vom Sondergericht München wurde er zu elf Monaten Gefängnis verurteilt und in das Gefängnis St. Georgen nach Bayreuth überstellt.
tobre 199:
Nach seiner Entlassung, wurde Albert Lörcher zum Bau der Autobahn bei Frasdorf geschickt. Anschließend suchte er sich verschiedene Arbeitsstellen. Albert Lörcher wurde in Abständen immer wieder verhaftet, z.B. nach dem Attentat im Bürgerbräukeller durch Georg Elser 1939. Um ihn unter Druck zu setzen, nahm die Gestapo auch seine Braut fünf Monate in Schutzhaft. Sein Bruder konnte nach Österreich fliehen, emigrierte nach Frankreich, kam nach Deutschland zurück, um im Widerstand zu arbeiten. In Duisburg wurde er verhaftet. Albert Lörcher erzählt von seinem Vater, der zunächst bei der SPD war, dann zur USPD ging. Der Mord an Kurt Eisner empörte ihn so, dass er sich an der Münchner Räterepublik beteiligte. Der Vater wurde denunziert, verhaftet und für einige Wochen auf der Festung in Ingolstadt inhaftiert. Albert Lörcher spricht noch einmal über die Zeit in der SAJ und das Jugendheim am Dom Pedro Platz, auch über regelmäßige heftige Diskussionen mit Gewerkschaftsfunktionären am 1. Mai (siehe auch tobre 198). Er erinnert sich an den Internationalen Jugendtag in Wien 1929. Mit viel Schwung und Begeisterung kamen er und seine SAJ-Freunde nach München zurück (siehe auch tobre 198). 1937 oder 1938 hat Albert Lörcher zusammen mit Gottlieb Branz in der Tschechoslowakei, in Neuern, Waldemar von Knoeringen aufgesucht, der vom Exil aus die Kaderorganisation „Neu Beginnen“ in Bayern und Österreich aufbaute. Mit von Knoeringen fuhren Lörcher und Branz nach Prag und hatten ein Gespäch mit Mitgliedern des SPD-Parteivorstands. Danach sagte Knoeringen zu Lörcher: „Die sind aber arg weit weg vom Schuss.“ Lotte und Gottlieb Branz waren öfter bei Waldemar von Knoeringen, einmal haben sie Alfred Loritz mitgenommen, nachdem Krieg hat dieser die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV) in Bayern gegründet. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde Albert Lörcher im Mai 1934 wieder verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Er spricht über die Aufnahme und den ersten Tag im Lager.
tobre 200:
Durch die Hilfe politischer Häftlinge kam Albert Lörcher im KZ Dachau zur Arbeit nicht in die Kiesgrube, sondern in die Sattlerei. Nach zehn Monaten wurde er entlassen. Bei der Musterung 1935 erklärte man ihm, aus politischen Gründen sei er vom Dienst in der Wehrmacht ausgeschlossen. Im Krieg zog man ihn zur so genannten Bewährungseinheit 999 der Wehrmacht ein. Über Belgien kam die Einheit nach Südfrankreich, später nach Tunis (Afrikakorps). Damals standen die deutschen Truppen kurz vor der Kapitulation. Die Parole hieß „Kampf bis zur letzten Patrone“. Lörcher weigerte sich. Er berichtet von der Kapitulation. Albert Lörcher kam in die Kriegsgefangenschaft nach Louisiana/USA, einige Monate später auf eine Schule für ausgesuchte Kriegsgefangene in die Nähe von Boston. Kurz vor Weihnachten 1945 wurde er entlassen, wie er sagt, mit einem „Superdemokratenpass“ und einer Empfehlung zur Zusammenarbeit mit der US-Militärregierung. Im Sonderministerium, im so genannten Entnazifizierungsministerium arbeitete er als Sonderbeauftragter in Bayern. Als Alfred Loritz im Dezember 1946 das Ministerium übernahm, legte er seinen Posten nieder und machte mit Lina Haag und einem Freund eine Buchhandlung in der Müllerstraße in München auf.
Daten
Dr. Heike Bretschneider (Interview und Technik)