Im hier gezeigten Ausschnitt schildert Marion Gräfin Dönhoff, dass sie sich vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Umfeld der Kommunisten als einzig wahre Opposition engagierte. Sie erinnert sich, wie sie einen Tag nach der "Machtergreifung" versuchte, die Hakenkreuzfahne von der Universität in Frankfurt am Main zu holen.
Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:
Thematisches Kurz-Interview der Journalistin und Historikerin Dr. Heike Bretschneider mit Marion Gräfin Dönhoff über die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30.01.1933 (nur Ton).
Biogramm
1909 in Friedrichstein/Ostpreußen geboren. Vater Mitglied des Preußischen Herrenhauses und des Reichstags, Mutter Hofdame der Kaiserin Auguste Viktoria. Hochschulreife in Potsdam, Studium der Volkswirtschaft in Frankfurt am Main. Nach Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 Fortsetzung des Studiums in Basel, 1935 Promotion. 1938 Übernahme der Verwaltung des Familienguts in Ostpreußen 1940-1945 als Kurier und Verbindungsfrau im Widerstand tätig. Nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verhört und wieder freigelassen. Januar 1945 Flucht vor der Roten Armee aus Ostpreußen. 1946 Mitglied der Redaktion der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. 1955 Ressortleiterin für Politik und stellvertretende Chefredakteurin. 1971 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihr Engagement zugunsten einer auf Entspannung setzenden Ost-West-Politik. 1968 Chefredakteurin, 1972 Herausgeberin der „Zeit“. Zahlreiche Publikationen und Ehrungen. Gestorben 2002 auf Schloss Crottdorf bei Friesenhagen.
Inhalte
tobre Nr. 188:
Seit dem Wintersemester 1931/32 studierte Gräfin Dönhoff an der Universität Frankfurt am Main Volkswirtschaft. Dort erlebte sie die Machtübertragung auf Hitler und die Nationalsozialisten am 30.01.1933. Als sie die wild entschlossenen Gesichter der marschierenden SA-Männer sah, hatte sie das Gefühl: „Die werden alles zerstören, was mir in diesem Land lieb ist.“ Die Monate zuvor hatte sie die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den nationalsozialistischen und den kommunistischen Studenten erlebt. Für sie waren die Kommunisten damals die einzige wirkliche Opposition. Sie besuchte die kommunistischen Studentenversammlungen und verteilte mit Flugblätter usw. Am Morgen des 31.01.1933 wollte sie mit einem kommunistischen Kommilitonen die Hakenkreuzfahne vom Dach der Universität holen, aber die Dachluke war fest verschlossen. In der ersten Woche nach der „Machtergreifung“ verlor die Universität Frankfurt 90 Professoren und Dozenten.
Im Herbst 1933 ging Gräfin Dönhoff nach Basel. Gräfin Dönhoff spricht kurz über die politische Situation in der Weimarer Republik, die Hitler den Boden bereitet hat: die hohe Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not, die Demokratiefeindlichkeit einer breiten bürgerlichen Mitte und das harte Diktat der Siegermächte im Versailler Vertrag. Sie fragt: „Wie konnte es kommen, dass dieser wirklich närrische Mann (...) ein ganzes Volk hinter sich brachte?“ Und gibt die Antwort: „Er hatte eine fabelhafte Kombination von Terror und Erfolg.“ Die Gefahr des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik ist nach ihrer Auffassung nicht mit der politischen Lage der Weimarer Zeit zu vergleichen. Damals gab es eine antidemokratische Haltung großer Teile der Bevölkerung, heute sei die Mehrheit der Bevölkerung überzeugt demokratisch. Auf die Frage, ob sie in den zahlreichen Überfällen auf die Asylbewerberheime und den rechtsextremen Gewalttaten eine Gefahr für unsere Demokratie sieht, antwortet Gräfin Dönhoff, natürlich sehe sie Gefahren, aber man solle sie nicht zu „schon existierenden Katastrophen“ machen.
Daten
Dr. Heike Bretschneider (Interview und Technik)