Im hier gezeigten Ausschnitt schildert Gertraud Pretl ihre Eindrücke vom Kriegsende 1945 in Oberornau (bei Mühldorf am Inn).
Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:
Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Gertraud Pretl, geführt am 27.06.2000 im Rahmen des Projekts Frauen in Bayern.
Biogramm
Gertraud Pretl wurde 1923 in München als Tochter eines Volksschullehrers geboren. Sie erlebte als Kind einer bürgerlichen Mittelstandsfamilie die politischen und atmosphärischen Veränderungen in München während der 1930er Jahre. Nach dem Abitur 1942 begann Gertraud Pretl ein Germanistikstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo sie auch Zeugin der Flugblattaktion der Geschwister Scholl wurde. Nach dem Krieg war sie bis zur Pensionierung als Volksschullehrerin tätig.
Inhalte
Geboren in der Klenzestraße in München, Wirtschaft "Glasgarten", mit krummem Fuß geboren, orthopädische Klinik, Geheimrat Lange, "Klumpfuß", "angeborene Fußverbildung", Umzug an den Glockenbach, mit den Großeltern zusammengezogen, vierter Stock, Großvater wurde immer zuerst bedient, zehn Jahre lang das einzige Kind im Haus, Langeweile, Volksschule, viel gelesen, mit sieben/acht schon Shakespeare, unter der Bettdecke mit der Taschenlampe gelesen, 1933 Beginn der NS-Zeit, Begeisterung über die roten Fahnen, Kontakt zu Gassenkindern verboten, Vater Lehrer in Giesing, Schwanthaler Höhe, Glasscherbenviertel, Kraftausdrücke der Buben, Bayerisch gesprochen, Spaziergänge, vier Jahre Volksschule, Lehrerin mochte P. nicht, Eltern nicht religiös, "vornehme Kinder" auf dem Lyzeum kennen gelernt, deren Aussprache imitiert, vom Vater deswegen aufgezogen worden, Rügenheft, Freundschaft mit Hanni Moosbacher, Jüdin, Trambahn Linie 30, hinten geläutet, vom Schaffner rausgeworfen, Urlaub auf Bauernhof von entfernten Verwandten, Dialektprobleme, "Parasoi" für Regenschirm, Tiere auf dem Hof, zu Hause nur Kanarienvogel, Vater schimpfte über die Nazis, beinahe verplappert vor Freundin, deren Vater Propagandaleiter der NSDAP-Ortsgruppe war, Schriftzug auf der Wittelsbacher Brücke "Wählt Thälmann", Vater erklärte Wahlen, Großvater schlug sammelnden SS/SA-Leuten die Tür vor der Nase zu: "Scheiß Hitler!", weiterhin "Grüß Gott" gesagt, zu Hause wurde immer geschimpft, Vaters Liebe zum Militär, reservierte Haltung der Wehrmacht gegenüber Nationalsozialismus, Unterricht an der Heeresfachschule, Vater wollte P. nicht in Bund Deutscher Mädel (BDM) lassen, "Mein Kampf" zum Geburtstag gewünscht, heimlich Radio London gehört, dann erst "Mein Kampf gelesen, Anna-Lyzeum, unpolitische Lehrer, Hitlerjugend, Sammlungen, Uniform, Reaktion der Eltern, fürchterliche Lieder, Marsch an "Führers Geburtstag", Mutter ignorierte das, Mutter grüßte Hoheitszeichen nicht, "Gröfaz", BDM (Bund Deutscher Mädel) als Spielerei empfunden, P. beleidigt weil, sie nicht Wimpel tragen durfte, keine Ahnung von der Welt, schlechte Behandlung der Juden aufgefallen, Mitleid mit Mitschülerinnen, Ausschluss der jüdischen Mitschülerinnen von Veranstaltungen, Kinobesuchen, Ansprachen, Parteitagsfilm als "alten Schmarrn" bezeichnet, Lehrerin in BDM-Uniform, Juden verschwanden, viele emigrierten, Bekannte alle aus der Oberschicht, begrenzter Horizont damals, Dachau war ein Begriff, Vorstellung von einem Gefängnis, Untersuchungsgefängnis in der Corneliusstraße, Beeinflussung durch die NS-Ideologie, allgemeiner Einfluss, Geschichtsunterricht kam nicht über den Ersten Weltkrieg hinaus, in Deutsch hielt man sich bei den Klassikern auf und vermied die Moderne, Aufsatzthemen boten Ausweichmöglichkeiten, antinazistischer Einfluss der Eltern, Schaukästen des "Stürmer", "Münchner Neueste Nachrichten", "Völkischer Beobachter", Vater erregte Missfallen, weil er nicht in die NSDAP eintrat, Vater der Freundin in der Partei, Vorbeimarsch an der Feldherrnhalle, Wachträume, Schönheitsideale der Mädchen: schlanke exotische Gestalten, Lilian Harvey, zuerst Schaft-, dann Scharführerin, mit Gruppenführerin und zwei jungen Männern ins Kino gegangen, einer hatte schon ein Auto, besuchten eine Bar, versuchte sie auf dem Heimweg zu küssen, Angst vor Schwangerschaft wegen des Kusses, mit Odol den Mund ausgespült, damals unaufgeklärt, nach dem Theater von Mann angesprochen worden: "was kostet es?", keine Ahnung, um was es geht, abgeschirmt von der Realität aufgewachsen, Reise ins Ferienheim mit dem BDM, kein selbstständiges Leben, Vater bewarb sich an der Militärfachschule - Probleme mit dem Fuß, Schmerzen, Frauen trugen noch keine Hosen, deshalb sichtbar, schreckliche Schulärztin, "minderwertiges Material", Weltuntergang, Selbstmordgedanken: Sprung von der Großhesseloher Brücke, Abschiedsbrief nicht zustande gebracht, Turnverein, Vorladung wegen Sterilisation beim Gesundheitsamt, Frage nach Turnfähigkeit bewahrte P. vor Schlimmerem, Goebbels hatte auch Klumpfuß, innerlich mit dem "Dritten Reich" gebrochen, Abitur 1942, acht Tage Arbeitsdienst, Schuheinlagen, Arbeitsdienstführerinnen, Probleme: Brief an die Eltern, mit Elsässerin Georgette Französisch gesprochen, mit den vorgeschriebenen Strümpfen nicht in die Schuhe gekommen, nach acht Tagen zum Ausgleichsdienst, Büroarbeit, blöd angestellt, zu Hause kein Telefon, Reichsredner, ehemaliger katholischer Geistlicher, dessen Frau verbreitete NS-Gedankengut, Lachen über missbrauchtes Tischgebet "Führer wir danken dir, dass du uns zu Essen gibst", NSV - Vater traf Arbeitsdienstführerin auf dem Weg in eine NS-Ordensburg, Wunsch, dem Führer ein Kind zu schenken - Verwandte Rosa arbeitete in einer Anstalt für Geisteskranke in Mühldorf, Klosterfrau erzählte von der Abholung der Kinder, distanzierte Haltung zur Kirche, Todesnachrichten, kein Mitleid für das Schicksal der Geisteskranken, Propagandafilme "Ich klage an", Bekanntschaft mit französischem Kriegsgefangenen, Jean, Liebe auf den ersten Blick, auf Französisch unterhalten, platonische Liebesbeziehung, Jean verlor zwei Finger an der Kreissäge, Kriegsgefangene haben normal mitgearbeitet, Studium in München: Deutsch, Geschichte, Erdkunde, NS-Studentenbund, Tische im Audimax, Formulare, Schriftzug auf dem Siegestor "Nieder mit Hitler! Freiheit!", Arbeitsgruppe der NS-Studentinnen, Aufforderung der Führerin, das Siegestor mit ATA (Scheuermittel) zu reinigen, Prof. Huber, Bosheiten gegen Hitler in Vorlesung eingefügt, kaum Männer an der Universität, Fliegeralarm, Weg in den Keller, Luftangriffe, Brand, nur Wohnung zerstört, der Rest des Hauses intakt, Kanarienvogel verbrannte im Käfig, Flugblätter der "Weißen Rose" gelesen, im Lehrbuch versteckt, andere lesen lassen, Nachbar: Revisor wurde wegen Wutausbruchs über Rundfunkmeldung denunziert, wurde von der Gestapo verprügelt, von Freisler wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt, daraufhin Flugblatt im Ofen verbrannt, Veranstaltung mit Gauleiter Giesler im Kongresssaal des Deutschen Museums, schimpfte auf Frauen, Fronturlauber ließen ihre Frauen nicht beleidigen, Giesler musste abbrechen, Pfiffe, Kripo, Überfallkommando zerstreut die Leute, Studentenlieder gesungen - Verhalten der Professoren gegenüber den Frauen an der Universität, Aufrechterhaltung des Universitätsbetriebs, Pedell, Flucht in Hölderlins Sprache, kein Wissen über Vorgänge in KZs, Mutter: ausgeglichener Mensch, sieht das Positive, grüner Star, fast 30 Jahre blind, im Dezember 1944 ausgebombt, Zimmer in Oberornau bekommen, Vater in München beim Heeresbekleidungsamt, amerikanische Kriegsgefangenschaft - Nach dem Krieg Lehrerin auf dem Dorf, Gerechtigkeit, Aufarbeitung der Vergangenheit, Entlassung wegen Mitgliedschaft im BDM und im NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund), Entnazifizierung, viele Zuschriften zur Entlastung, Jugendamnestie, Schulrat in Wasserburg, Vater des Dienstes enthoben, Hilfe bei der Unterrichtsvorbereitung, vorgezogene Lehramtsprüfung, praktische Prüfung, Bubenklasse am Pasinger Bahnhof, durchgefallen, zurück an die Uni, alles verändert, grässliches Wohnheim, Kurs belegt, Volksschule, in allen Münchner Stadtvierteln unterrichtet, in Wasserburg am Inn, Dialektunterschiede, Hochsprache, Integration von ausländischen Kindern, "Türkischunterricht" von Gökan, in Feldmoching: ukrainisches Mädchen Tatjana, begabte Schülerin, Mutter kommen lassen, zu höherer Schule verholfen, Mädchenrealschule, Café am Dom, damals noch keine Aggressionen, Watschen für Buben noch im letzten Arbeitsjahr, weil er P. den Fuß gestellt hat, Nachfragen nach der NS-Zeit von älteren Schülern, Geschehnisse auf die Seite schieben, keine Verarbeitung, Interesse hauptsächlich am Holocaust und den Gräueltaten, Provokation mit Hakenkreuzbinde, Enttäuschung nach dem Krieg, Orientierung der Menschen auf das rein Materielle, mehr Humanität erwartet, Verschwinden des bayerischen Dialekts, Anglizismen in der Reklame, Geknutsche und Geplärr aus dem Fernsehen im Vordergrund, Natur und Tiere: Tierpark, Klimaveränderung, Einfluss der Menschen, Platzverschwendung für Autoverkehr, Leute heute viel ähnlicher, damals gab es mehr Individuen, unglücklich über die gesellschaftlichen Veränderungen, pessimistische Einstellung, vom Vater geerbt.
Daten
Interview: Georg Schmidbauer M.A.
Kamera: Georg Schmidbauer M.A.