Zeitzeugen berichten

Dr. Walter Fabian Politiker, Widerstandskämpfer, Friedensaktivist

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tobre 167-170
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Haus der Bayerischen Geschichte (Dr. Heike Bretschneider)

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Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:

Thematisches Interview der Journalistin und Historikerin Dr. Heike Bretschneider mit Dr. Walter Fabian, geführt am 08.07.1986, über sein Engagement in der Friedensbewegung seit den 1920er-Jahren (nur Ton).

Biogramm

Geboren 1902 in Berlin, sozialistischer Politiker, antifaschistischer Widerstandskämpfer, Journalist, Schriftsteller, Hochschullehrer, Übersetzer ab 1920 Studium der Philosophie, Pädagogik, Geschichte und Ökonomie an den Universitäten Berlin, Freiburg, Gießen und Leipzig, Dissertation 1924 „Das Problem der Autorität bei Friedrich Wilhelm Foerster“, Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, Mitglied der SPD. Ab 1925 Redakteur der sozialdemokratischen Volksstimme in Chemnitz. Entschiedener Kriegsgegner und Kritiker der Koalitionspolitik der SPD im Reich, 1931 aus der SPD ausgeschlossen, Übertritt zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland (SAPD), Mitglied des Parteivorstands. Ab 1933 in der Illegalität, Januar 1935 Flucht nach Prag und Paris, Mitglied der Exilleitung der SAPD, 1937 Ausschluss aus der SAPD wegen seines Vorwurfs, die Partei würde einen prostalinistischen Kurs fahren. Mitbegründer des „Neuen Wegs“, 1940 nach Internierung zwangsweise Mitglied in der Fremdenlegion, anschließend als Fluchthelfer in Südfrankreich aktiv, 1942 Flucht in die Schweiz, dort als Journalist und Übersetzer tätig. 1957 Übersiedelung in die Bundesrepublik. Bis 1972 Chefredakteur der „Gewerkschaftlichen Monatshefte“ des DGB. 1958-1964 Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union. 1970 wegen politischer Differenzen von seinen Aufgaben für den DGB entbunden. Aktives Engagement in der Friedensbewegung, gegen den Vietnamkrieg, die „Notstandsgesetze“. 1970 Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte. Gestorben 1992 in Köln.

Inhalte

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Seit 1916 wurde auch an Walter Fabians Gymnasium unter den Schülern heftig über Krieg und Frieden diskutiert. Schon damals las er regelmäßig die „Welt am Montag“, in ihr schrieb der Pazifist Hellmut von Gerlach die Leitartikel. Besonders beeindruckte ihn das Buch „Der Mensch ist gut“ von Leonhard Frank, das in der Schweiz erschienen war. Gleich nach dem Krieg wurde Walter Fabian Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft und Mitglied im Deutschen Pazifistischen Studentenbund und übernahm zeitweise dessen Vorsitz. In dieser Funktion nahm er auch an den Sitzungen des Deutschen Friedenskartells teil. Unter anderem war Fabian auch Mitglied der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“. Anfang der Zwanziger Jahre gab es ungefähr zwei Dutzend pazifistischer Organisationen. Fabian spricht über Ludwig Quidde, der damals die Geschäftsführung der Deutschen Friedensgesellschaft inne hatte. Fabian schildert die große Vielfalt der deutschen Friedensbewegung zu Anfang der Zwanziger Jahre. Er selbst schrieb 1924 für die „Liga für Menschenrechte“ ein Memorandum zur Kriegsschuldfrage. Damals wurde das Komitee „Nie wieder Krieg“ gegründet, das jedes Jahr am Tag des Kriegsausbruchs zu Kundgebungen aufrief. Nach Schätzungen nahmen in Berlin 100000 Menschen teil. Da es keine Lautsprecher gab, wurde an ca. vierzig Stellen gleichzeitig gesprochen. Auch Fabian gehörte zu den Rednern. Im Dezember1922 fand ein Anti- Kriegs-Kongress in Den Haag und Amsterdam statt, der von den Freien Gewerkschaften einberufen worden war. Walter Fabian nahm für den Pazifistischen Studentenbund am Kongress teil.

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Der Elan der „Nie wieder Krieg“-Bewegung erlahmte seit Mitte der Zwanziger Jahre. Dafür nennt Walter Fabian verschiedene Ursachen. Er spricht über wichtige Publikationen der Friedensbewegung, u.a. „Die blutige Internationale der Rüstungsindustrie“ von Otto Lehmann Rußbüldt, über die Bücher von Friedrich Wilhelm Foerster und vor allem über Foersters Bedeutung für die Friedensbewegung. Fabian lernte ihn persönlich kennen und schrieb später seine Dissertation über Foerster. Walter Fabian hebt die Gruppe der „Völkerrechtler“ in der Friedensbewegung hervor, zu denen Alfred Hermann Fried, Ludwig Quidde, Professor Hans Wehberg und Walter Schücking gehörten, die er auch persönlich kannte. Im Deutschen Friedenskartell gab es erhebliche Differenzen zwischen den „Völkerrechtlern und den linken Pazifisten um Kurt Hiller und Fritz Küster“. Fritz Küster wurde 1928/29 Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft und bemühte sich, eine pazifistische Massenbewegung zu schaffen. Seit Mitte der Zwanziger Jahre war Walter Fabian zuerst Redakteur in Chemnitz, dann in Dresden, später in Breslau. Walter Fabian war Mitglied der SPD. Im Gegensatz zur Partei lehnte die Friedensbewegung 1928 den Bau des Panzerkreuzers strikt ab. Die SPD gab damals den „Unvereinbarkeitsbeschluss“ heraus, das hieß, wer in der Friedensgesellschaft war, durfte nicht mehr Parteimitglied sein. Dieser Beschluss wurde nicht streng durchgeführt, Walter Fabian blieb zunächst weiter SPD-Mitglied und Mitglied der deutschen Friedensgesellschaft.

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Zwischen 1929 und 1931 hatten sich die politischen Gegensätze in der SPD zu gespitzt. Die Partei-Linke, zu der Walter Fabian gehörte, lehnte eine Tolerierung der Regierung Brüning ab. Zunächst bekam Fabian Redeverbot. 1931 wurden die Linken aus der SPD ausgeschlossen, u.a. Max Seydewitz, Kurt Rosenfeld, Anna Siemsen und auch Walter Fabian. Sie gründeten die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Im März 1933 wurde auch sie verboten. Walter Fabian arbeitete illegal im Widerstand. Im Januar 1935 floh er nach Frankreich, 1942 in die Schweiz. Er berichtet, dass auch die Pazifistinnen und Pazifisten vom März 1933 an auf das Schärfste verfolgt wurden. Auf die Frage nach dem Unterschied der Friedensbewegung der Weimarer Republik und der in der Bundesrepublik antwortet er, ihm würden die Unterschiede mehr auffallen als die Gemeinsamkeiten. Die Friedensbewegung hätte sich in den letzten Jahren eine Reihe wichtiger Organisationsformen geschaffen, vor allem die Basisarbeit in Stadtteilen, Dörfern, kleinen Städten, die z.T. mit Bürgerinitiativen verbunden seien. Hinzugekommen seien eine Reihe berufsbezogener Organisationen (Ärzte, Naturwissenschaftler, Sportler usw.), die auch zum Teil international organisiert seien. Außerdem seien heute im Gegensatz zur Weimarer Republik mehr junge Mitglieder dabei. Die Situation an den Universitäten habe sich verändert – in den Zwanziger Jahren hätte es kaum pazifistische Professoren gegeben. Auch seien Institutionen entstanden, die sich der Friedens- und Konfliktforschung widmen, auch die Friedenspädagogik habe sich weiter entwickelt.

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Es gebe aber auch einige Parallelen zwischen der Friedensbewegung der Weimarer Zeit und der in der Bundesrepublik geben, vor allem wie sich die großen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen zum Friedensgedanken verhalten hätten. In den letzten Jahren beobachtete Walter Fabian auch innerhalb der Gewerkschaft eine aufgeschlossenere Haltung gegenüber der Friedensbewegung. Walter Fabian suchte auch im Alter den Kontakt zu den Jungen in der Friedensbewegung, er wollte ihnen an Hand seiner Biografie zeigen, wie wichtig es ist, konsequent seine Ziele zu verfolgen.

Daten

Art:
Thematisches Interview (nur Ton)
Dauer:
ca. 1:30 h
Aufnahmedatum:
08.07.1986
Sprache:
deutsch
Aufnahmeteam:

Dr. Heike Bretschneider (Interview und Technik)