Zeitzeugen berichten

Lore Schretzenmayr Heimatvertriebene, Familienforscherin

Signatur
zz-1195.01
Copyright
Haus der Bayerischen Geschichte (Georg Schmidbauer M.A.)
Referenzjahr
1945

Im hier gezeigten Ausschnitt schildert Lore Schretzenmayr ihre Ausweisung von Aussig (Sudetenland) über die Zwischenstation Cottbus nach Bayern.

Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:

Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Frau Lore Schretzenmayr, geführt am 11.12.2006 in München, im Rahmen des Projekts: Bayern-Böhmen, über ihre Kindheit in Aussig, die Vertreibung und ihre Tätigkeit als Familienforscherin.

Biogramm

Lore Schretzenmayr wurde 1925 in Aussig an der Elbe geboren, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Im Juni 1945 musste sie mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern die Stadt verlassen und kam über den Bayerischen Wald nach Regensburg. Nach einer beruflichen Laufbahn als Hotelsekretärin heiratete sie 1957 und widmete sich der Familie. Daneben begann ihr Engagement auf dem Gebiet der sudetendeutschen Familienforschung. Bereits 1965 kam sie das erste Mal wieder in ihre Heimatstadt zurück, die sie seit den 1970er Jahren regelmäßig besuchte. Seit 1969 engagierte sich Lore Schretzenmayr intensiv für die Belange der sudetendeutschen Familienforschung, war im Hilfsverein Aussig und als Familienforscherin in zahlreichen böhmischen Archiven tätig. Seit 1987 leitete sie das Sudetendeutsche Genealogische Archiv in Regensburg. Lore Schretzenmayr hatte Vorstandsämter in der Vereinigung Sudetendeutscher Familienforscher (VSFF) inne, war im erweiterten Vorstand der Arbeitsgemeinschaft ostdeutscher Familienforscher (AGoFF) und leitete die Bezirksgruppe Regensburg des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde. 2014 ist Lore Schretzenmayr in Regensburg verstorben.

GND: 1065210604

Inhalte

Geboren 1925 als Lore Schipek in Aussig/Elbe – bürgerliches Elternhaus – Vater Diplomingenieur und Chemiker, vor dem Krieg beschäftigt in der Lackfabrik des Großvaters mütterlicherseits Anton Seiche – Familie des Vaters aus dem Egerland, Familie der Mutter aus Aussig stammend – Gründung der Lackfabrik 1881 durch Josef und Anton Seiche – behütete Jugend – zwei jüngere Schwestern – viel Sport: Rudern, Eislaufen, Skilaufen – evangelische Volksschule, danach Besuch des Staats-Real-Gymnasiums – Mitgliedschaft im deutschen Turnverein – 1938 Miterleben des deutschen Einmarschs – Beitritt zum Bund deutscher Mädel (BDM) – 1944 Abitur – Arbeitsdienst in Kröten und Tambach-Dietharz: Kriegshilfedienst in der Maschinenfabrik – 1945 Rückkehr nach Aussig – Vater inzwischen Hauptmann bei der Wehrmacht: Leiter des Ersatzteillagers 20 in Prag – 08.05.1945 Kapitulation und Einzug der Russen in Aussig – 25.05.1945 Vertreibung mit Mutter und Schwestern: Lager Schöbritz bei Aussig, Transport nach Dresden in offenen Waggons, Weiterfahrt nach Cottbus, Bayerischer Wald als Ziel – Aufenthalt in Regensburg, danach Weiterreise nach Straubing, Deggendorf bis Zwiesel – Vater 1945 wegen Diphtherie im Lazarett in Regensburg, danach bis 1948 in amerikanischer Gefangenschaft – Unterkunft im Schloss Oberzwieselau bei der Gräfin von Elz – Dietrich von Watzdorf : Bayerischer Rundfunk (BR) – Tätigkeit als Privatlehrerin bei der Gräfin von Elz – Sprachkenntnisse: Englisch, Französisch – Anstellung als Kindermädchen bei einer amerikanischen Offiziersfamilie in Degerloch, Bamberg und Schweinfurt – im Mai 1948 Anstellung als Hotelsekretärin im Jagdschloss Niederwald bei Rüdesheim – Hotelfachschule in Bad Reichenhall – Anstellung im Hotel Geiger in Berchtesgaden – 1957 Hochzeit – Ehemann: aktiver Offizier, nach dem Krieg Studium der Architektur – selbstständiger Architekt – Kinder: 1959 Beate, 1960 Stefan – Firma des Vaters: Regensburger Lackfabrik GmbH – Gründung der väterlichen Firma nach dem Krieg, zunächst als Zweigstelle einer Seifenfabrik, später Selbstständigkeit – später Aufgabe der Firma durch Umwandlung in eine Holding – Tod des Vaters 1963 – Tod des Ehemannes 1987 – Weiterführung des Architekturbüros durch den Sohn Stefan – durch die Familie mütterlicherseits ausgeprägtes Interesse an der Familienforschung und Heimatarbeit – 1972 Mitbegründerin der Vereinigung Sudetendeutscher Familienforschung – Betreuerin des Gebietes Aussig – von 1978 bis 2003 Betreuung des Archivs der Sudetendeutschen Familienforschung im eigenen Haus – Mitorganisation der Sudetendeutschen Tage – gute Beziehungen zum Archiv in Aussig – Forschung im Gebietsarchiv Leitmeritz – Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Kaiser – Archivarbeit – Institut für Deutsche Geschichte – Sammlung und Archivierung von Nachlässen – seit 1979 Stadtführerin in Regensburg – 2006 Aufgabe aller Tätigkeiten, da seit 2005 Filialleiterin des Salzburger Trachtenladens Gössl in Regensburg – zwischenzeitlich Vorsitzende der Bezirksgruppe Regensburg/Oberpfalz des Bayerischen Landesverbandes für Familienkunde , später 2. Vorsitzende – Tschechisch-Unterricht in der Schule – zwei Aufenthalte in Tschechien als Kind: Imkerlager und 1936 Besuch bei einer bekannten Familie in Bordanecz – Olympiade in Berlin 1936 – Niederlassungen der väterlichen Fabrik in Prag und Ostrau: Beziehungen zu tschechischen Geschäftsleuten – als Kind kein Bewusstsein für die plötzliche Abwesenheit der jüdischen Familien ab 1939 – Fabrik des Großvaters: 1881 Gründung durch den Urgroßvater und seinen Bruder, untergebracht in der ehemaligen Fron-Veste (Gefängnis) von Aussig, in den 1920er Jahren Auslagerung der Produktion nach Schönbriesen, Erweiterung des Fabrikgeländes 1938/39, Mitarbeit des Vaters als Chemiker, Bruder der Mutter als kaufmännischer Mitarbeiter, Ausstieg des Onkels aus der Fabrik 1946 aufgrund seiner Ausweisung – Existenzgründung des Vaters nach dem Krieg mit neuer Lackfabrik in Regensburg – Wiederaufnahme alter Geschäftskontakte: Instrumentenmacher aus Graslitz, Neugablonzer Firmen, Bundesbahn – Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – Erhalt von 1700 Reichsmark, da eine frühere Rechnung beglichen wurde – Vater Kreiswirtschaftsberater – Oberbürgermeister Dr. Tauche – Vater vielleicht Mitglied in der Sudetendeutschen Partei und Nationalsozialistischen Partei Deutschlands (NSDAP) – Arbeitsdienst in Kröten: Arbeit in Metallfabrik, Fließbandarbeit, polnische Arbeiterinnen – nach der Kapitulation Deutschlands zwar Ausweisung, aber keine Übergriffe von tschechischer Seite auf die Familie – beim Abtransport nur Erlaubnis zur Mitnahme weniger Habseligkeiten: Schmuggel von Schmuck und Geld durch Einnähen in die Kleidung – Unterbringung der Großmutter im Altersheim in Kulm im Erzgebirge – später Wiedererkennung von Gemälden und Mobiliar anderer Aussiger Familien im Aussiger Stadtarchiv und im Museum, aber kein Wiederfinden eigener Besitztümer – Gefahr beim Übertreten der bayerischen Grenze: Abpassen der richtigen Gelegenheit, Gefahr durch bewaffnete russische und amerikanische Grenztruppen – nach der Einreise gute Integration in Bayern: Unterkunft bei der Grafenfamilie von Elz, Freundschaft mit der Familie des Oberforstmeister Baier – Ernährung durch die Tätigkeit der Mutter als Störnäherin und Diebstahl von Feldern – Existenzaufbau des Vaters mit Hilfe der aus Aussig ausgewiesenen Juden (Displaced Persons) – Firma Ostia – Finanzierung durch den Lastenausgleich – Unterkunft in einer ehemaligen Kaserne, später Zuweisung eines Hauses – für die väterliche Lackfabrik Anwerbung ehemaliger Aussiger Mitarbeiter aus der nun sowjetischen Besatzungszone (SBZ) – Tätigkeiten in sudetendeutschen Organisationen: Gründungsmitglied und Vorsitzende der Vereinigung Sudetendeutscher Familienforscher, Teilnahme an den deutschen Genealogentagen, Vorstandsmitglied des Hilfsvereins Aussig, Vorstandsmitglied der sudetendeutschen Landsmannschaft Regensburg – Aussiger Bote – Egerländer Gmoi – sehr gute Englischkenntnisse und akzentfreies Sprechen durch engen Kontakt mit der amerikanischen Besatzung, aber kein Einfluss auf das Privatleben – Kontakt zu Verwandten im Osten – keine Verwandten mehr in Aussig, aber Kontakt zur Gruppe der deutschen Aussiger – nach der Kapitulation keine Ausweisung von deutschen Facharbeiten, Kommunisten und Ehepartnern von Tschechen – früher Sommerfrische in der „Villa Seicht“ in Tammühl am See – 1965 erster Besuch in Prag und Aussig nach der Ausweisung – 1972 Besuchen von Verwandten in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) – Eindrücke von Aussig beim ersten Besuch – spätere Beziehung zu Aussig: viele Bekannte – die Tätigkeit als Familienforscherin: Erforschung der Vorfahren und der Herkunft, Beratung, Halten von Seminaren – Ehrenmitglied in der Arbeitsgemeinschaft ostdeutscher Familienforscher – in der Zeit des Eisernen Vorhangs erschwerte Bedingungen in der Archivarbeit in Tschechien: Erlaubnis zur Nutzung nur nach vorherigem Antrag und unter Beschränkungen – Kirchenbücher – Zukunft des deutsch-tschechischen Verhältnisses.

Daten

Art:
Lebensgeschichtliches Interview
Dauer:
1:30 h
Aufnahmedatum:
11.12.2006
Sprache:
deutsch
Aufnahmeteam:

Interview: Dr. Ludwig Eiber

Kamera: Georg Schmidbauer M.A.