Zeitzeugen berichten

Fritz Heine 1933-1945 Widerstandsaktivist im Exil, 1946-1958 Mitglied des SPD-Pateivorstands

Signatur
tobre-008.01
Copyright
Haus der Bayerischen Geschichte (Dr. Heike Bretschneider)
Referenzjahr
1942

Im hier gezeigten Ausschnitt berichtet Fritz Heine über die Abspaltungen von der SPD vor 1933 und die verschiedenen Widerstandsgruppierungen nach 1933, die erst 1942 in London im Sinne einer sozialdemokratischen Exil-Gesamtvertretung vereint werden konnten.

Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:

Thematisches Interview der Journalistin und Historikerin Dr. Heike Bretschneider mit Fritz Heine, geführt 1986, über den sozialdemokratischen Widerstand im "Dritten Reich" und den demokratischen Neuaufbau nach 1945 (nur Ton).

Biogramm

Geboren 1904 in Hannover, kaufmännischer Angestellter, Sportredakteur, seit 1922 SPD-Mitglied, ab 1928 Aufbau der SPD-Propagandaabteilung, nach der NS-Machtübernahme 1933 Flucht mit einem Großteil des SPD-Parteivermögens nach Prag, von Prag aus Mitarbeit bei der Organisation der Widerstandstätigkeit in Deutschland, teilweise eigene Kurierdienste, 1938 Flucht nach Paris, Verlagsleitung der SPD-Zeitung „Neuer Vorwärts“, 1940 nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich kurzzeitig interniert, danach Flucht nach Südfrankreich, in Marseille Mitorganisator der Flucht von Hunderten Deutschjuden, 1941 Flucht über Lissabon nach London, Februar 1946 Rückkehr nach Deutschland, SPD-Vorstandsmitglied, engster Vertrauter von Parteichef Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, Wahlkampfleiter 1949, 1953 und 1957, 1958 Geschäftsführer einer Interessensgemeinschaft SPD-eigener Wirtschaftsunternehmen, 1974 Ruhestand, 1988 Auszeichnung des Staates Israel „Gerechter unter den Völkern“, 2002 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern, gestorben 2002 in Zülpich.

GND: 116659173

Inhalte

tobre 005:

Fritz Heine kam mit Erich Ollenhauer und Erwin Schoettle nach 12 Jahren Exil im Oktober 1945 nach Hannover/ Wennigsen. Er schildert das bewegende Wiedersehen mit den Genossen und das Gespräch zwischen Kurt Schumacher und Ollenhauer. Zwischen beiden Männern herrschte völlige politische Übereinstimmung. Fritz Heine berichtet über den Entschluss des SPD-Parteivorstands, im Mai 1933 einen Teil seiner Mitglieder ins Ausland zu schicken, damit sie von dort aus die illegale Arbeit im Reich organisieren konnten. Unter Führung von Erich Ollenhauer nahm die so genannte Sopade ihre Arbeit Mitte Mai 1933 von Prag aus auf.

tobre 006:

Heine spricht über das Prager Manifest, das eine gewisse Selbstkritik an der Politik der SPD vor 1933 enthält. Er erzählt über seine Funktionen in der SPD vor 1933. 1925 kam er als Volontär des Parteivorstandes nach Berlin und war Mitarbeiter des Kassierers (Schatzmeisters). 1928 organisierte er eine Werbeabteilung des Parteivorstandes, die bis 1933 existierte. In der SPD Führung ging man davon aus, dass die Nationalsozialisten putschen würden, aber sich nicht lange an der Macht halten könnten. Für diesen Fall ließ die SPD-Führung 1931 eine Sendezentrale einrichten, die mit den 33 Bezirkssekretariaten in Verbindung stand. Heine organisierte auch Waffenkäufe, damit bei einem Putsch die SPD-Zentrale verteidigt werden könnte. Die Übermacht der Nationalsozialisten war nach der Machtübernahme 1933 so erdrückend, dass die SPD und die Gewerkschaften eine aktive Gegenwehr für aussichtslos hielten. Als Sitz des Parteivorstandes wurde Prag gewählt. Heine, der ein guter Sportler war, führte etliche Genossen über die „Grüne Grenze“ in die Tschechoslowakei. Im Februar 1933 hatte Heine in Berlin ein illegales Vervielfältigungsbüro und ein Reisebüro eingerichtet, die Auffangstellen für illegale Arbeit sein sollten (siehe auch tobre 007).

tobre 007:

Das Büro am Alexanderplatz existierte ein Jahr, das Reisebüro bis 1936. Beide Büros waren Anlaufstellen für Kuriere, durch sie erhielten auch Familien von inhaftierten Genossen Geldzuwendungen. Fritz Heine war mit einem falschen Pass öfter in Deutschland, um mit Genossen im Reich Gespräche zu führen und Informationen zu besorgen. Einmal besuchte er den Arbeiterdichter Karl Bröger in Nürnberg. Er spricht über den Aufbau der Grenzsekretariate, die das Informations- und Propagandamaterial an die Kuriere weitergaben und Informationen aus dem Reich sammelten. Aus diesen Informationen stellte Ernst Rinner 1934 bis 1940 die „Grünen Berichte“ zusammen. Heine war Rinners engster Mitarbeiter. Kleinausgaben der Grünen Berichte - der Deutschlandberichte - schmuggelten Kuriere ins Reich. Der „Neue Vorwärts“ kam als Wochenzeitung heraus. Dessen Redaktion führte zunächst Friedrich Stampfer, später bis 1940 Dr. Curt Geyer, Heine war der Geschäftsführer.

tobre 008:

Heine spricht über die Gruppe „Neu Beginnen“, zu der u.a. Waldemar von Knoeringen, Erwin Schoettle, Richard Löwenthal und Karl Frank gehörten. „Neu Beginnen“ übte scharfe Kritik an der alten SPD-Führung und forderte neue Formen der illegalen Arbeit, Kader sollten gebildet werden. Die Sopade hatte einen Teil des SPD-Parteivermögens mit in die Emigration gebracht – 1938 waren die finanziellen Reserven fast aufgebraucht. Deshalb verhandelte der Parteivorstand 1940 mit den Holländern und auch Russen über den Verkauf der Marx-Engels-Original-Schriften. Obwohl die Russen sehr viel mehr Geld boten, erhielten die Holländer die Dokumente.

tobre 009: 

Nachdem die KPD 1935 auf der Brüsseler Versammlung die Bildung einer Volksfront beschlossen hatte, kam es zu Gesprächen zwischen der Sopade und kommunistischen Abgeordneten. Die Sozialdemokraten lehnten jede organisatorische und politische Gemeinsamkeit ab. An dieser Haltung änderte sich auch während der Kriegsjahre 1939-1945 nichts. Von der NS-Regierung unter Druck gesetzt, forderte die tschechoslowakische Regierung 1937 von der Sopade, sie solle alle politischen Aktivitäten einstellen. So beschloss der SPD-Parteivorstand, nach Paris überzusiedeln. Die Situation in Frankreich war für die Deutschen sehr viel schwieriger. 1937 trennte sich die Sopade von Dr. Paul Hertz, der sich der Gruppe „Neu beginnen“ angeschlossen hatte. Seit dem Kriegsausbruch 1939 wurde das Leben der Deutschen in Frankreich sehr eingeengt. Nach dem Überfall auf Frankreich im Mai 1940 wurde Fritz Heine interniert. Als die Deutschen in Paris einmarschierten, versuchten 10-12 Millionen Menschen, in den Süden Frankreichs zu fliehen.

tobre 010:

Fritz Heine schildert die dramatische Flucht in den Süden Frankreichs. In Marseille traf er seine politischen Freunde wieder. Die amerikanische Gewerkschaftsorganisation bemühte sich, von ihrer Regierung Besuchervisa zu erhalten. 1.000 Visa wurden für die deutschen und österreichischen Emigranten erteilt. Der Amerikaner Varian Fry organisierte bis Ende 1940 von Marseille die Ausreise von vielen hundert Flüchtlingen. Vor Fry war ein Repräsentant der amerikanischen Gewerkschaften, Professor Frank Bohn, in Marseille. Als dieser in die USA zurückging, überließ er Heine die Finanzen und Visa, und Heine organisierte die Ausreise von über hundert sozialdemokratischen Flüchtlingen. Von einem litauischen Generalkonsul kaufte er falsche Pässe, mit denen viele über die spanische Grenze fliehen konnten. Für Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding gab es keine Hilfe. Sie hatten die Anweisung bekommen, dass sie zum Residence Force nach Arles kommen sollten. Gesetzestreu gingen sie nach Arles und hofften, dass ihr Ansehen auch in der Vichy Regierung so groß sei, dass ihnen nichts passieren würde. Fritz Heine versuchte, sie persönlich zur Flucht zu überreden, aber sie lehnten ab. Breitscheid wurde nach Deutschland in ein Konzentrationslager gebracht, seine Frau folgte ihm in das KZ, bei einem Bombenangriff kam er dort ums Leben. Rudolf Hilferding nahm sich noch in einem französischen Gefängnis das Leben. Über Lissabon gelangten Hans Vogel und Erich Ollenhauer im Januar und Fritz Heine im Juni 1941 nach London. Zunächst erhielten sie von der Labour Party eine kleine finanzielle Unterstützung.

tobre 011:

1941 kam es in London zum Zusammenschluss der Sopade, dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), Neu Beginnen und der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Im August 1945 kam von Kurt Schumacher aus Hannover die Einladung zur Konferenz nach Wennigsen. Fritz Heine schildert sehr emotional die Wiedersehensfreude mit den alten Genossen und die völlige politische Übereinstimmung zwischen denen, die in Deutschland überlebt hatten und den sozialdemokratischen Emigranten. Es war kein Zweifel, dass Kurt Schumacher die Führung der SPD übernehmen würde. Heine spricht über Schumachers Charisma. Zu der Konferenz waren auch Otto Grotewohl, der Vorsitzende des Zentralrates im Ostsektor, Wolfgang Fechner und Gustav Dahrendorf gekommen. Noch am Abend vor dem Konferenzbeginn, am 05.10.1945, sprachen die drei mit Ollenhauer, Schoettle, Kriedemann und Heine.

tobre 012:

Grotewohl plädierte dafür, die Leitung der Partei provisorisch nach Berlin zu verlegen. Schumacher und Ollenhauer widersprachen energisch. Sie hielten angesichts der alliierten Vorschriften einen solchen Plan für illusorisch und fürchteten auch den Einfluss der sowjetischen Besatzungsmacht in Berlin. Nach Schumachers Vorstellungen sollte zunächst die SPD in den drei Westzonen vereinigt werden. Grotewohl hatte in Wennigsen gegenüber Schumacher eine schwache Position. In Wennigsen wurde vereinbart, dass Schumacher die Leitung der Partei in den Westsektoren und Grotewohl die Leitung der Partei in der sowjetischen Zone und Ost-Berlin übernehmen sollte.

Daten

Art:
Thematisches Interview (nur Ton)
Dauer:
ca. 3,5 h
Aufnahmedatum:
01.01.1985
Sprache:
deutsch
Aufnahmeteam:

Dr. Heike Bretschneider (Interview und Technik)