Zeitzeugen berichten

Ulrich "Uri" Siegel Emigrant, Rechtsanwalt

Signatur
zz-0323.01
Copyright
Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg
Referenzjahr
1933

Im hier gezeigten Ausschnitt berichtet Uri Siegel, wie sein Onkel, der angesehene Münchner Rechtsanwalt Dr. Michael Siegel, am 10.03.1933 mit einem Schild "Ich bin Jude, aber ich will mich nie mehr bei der Polizei beschweren" um den Hals durch die Münchner Straßen getrieben wurde. Dieser Vorfall brachte seinen Vater dazu, mit seiner Familie 1934 Deutschland zu verlassen und nach Palästina auszuwandern.

Dieser Clip ist Teil des folgenden Interviews:

Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Uri Siegel, aufgenommen in München am 03.08.1987, über die Repressalien für die Juden unter dem NS-Regimes und die "Wiedergutmachung" nach dem Zweiten Weltkrieg.

Biogramm

Ulrich "Uri" Siegel wurde 1922 in München geboren. Sein Vater war ein bekannter Rechtsanwalt, der zusammen mit seinem Bruder, Dr. Michael Siegel, eine Kanzlei betrieb. Uri Siegels Onkel, Dr. Michael Siegel, wurde am 10.03.1933 durch die Münchner Straßen getrieben und musste dabei ein Schild tragen mit der Aufschrift "Ich bin Jude, aber ich will mich nie mehr bei der Polizei beschweren". Dieser Vorfall war der Grund für die Emigration der Familie nach Palästina im Jahre 1934. 1953 kehrte Uri Siegel als Anwalt nach München zurück und war danach vor allem bei Wiedergutmachungsprozessen für jüdische Mandanten tätig. Als Zeitzeuge setzte er sich nachdrücklich gegen das Vergessen des nationalsozialistischen Unrechtsregimes und der Shoah ein und wurde zu einem "Wortführer für angemessene Erinnerung" (Charlotte Knobloch). Als Neffe des früheren Vereinspräsidenten Kurt Landauer war Siegel lange Jahre beratend für den FC Bayern München tätig. 2020 verstarb Uri Siegel in München.

Inhalte

Münchner Anwaltsfamilie, Büro in der Weinstraße, Hohenzollern-Schule in Schwabing, Gebeles-Schule in Bogenhausen, Ludwigs-Gymnasium, nur zwei Juden auf dem Gymnasium, wenig Antisemitismus, Befreiung von Geländeübungen im Sport, Boykott am 01.04.1933, Sozius des Vaters versucht Mandanten aus der Schutzhaft zu bekommen, Dr. Michael Siegel, wird bis auf die Unterhosen ausgezogen und mit Schild "Ich bin Jude und werde mich nie wieder bei der Polizei beschweren" durch die Straßen getrieben, Eltern unternehmen Touristenreise nach Palästina, um sich umzuschauen, Auswanderung nach Palästina 02.03.1934, Kanzlei aufgegeben, von Erspartem gelebt, Prüfung für ausländische Rechtsanwälte 1937 bestanden, Realgymnasium in Haifa, Schwierigkeiten, Hebräisch gelernt, wegen bayerischen Dialekts gehänselt, Kibuz-Schule, Aufnahmeprüfung der London University bestanden, in Karmel gewohnt, Nachbarn aus München, Leo Feuchtwanger, ethnische Differenzen der Juden aus aller Welt, als bayerischer Jude gefühlt, Hoffnung auf jüdischen Staat, zur britischen Royal Artillery gemeldet, Ausbildung, Gedanke an Verteidigungsfähigkeit wegen arabischem Umfeld in Palästina, bereits 1936 erster arabischer Aufstand, Flüchtlinge aus Tschechien und Polen, Ungarn und Rumänien, Ahnung vom Vorgehen gegen die Juden, keine Vorstellung von der industrialisierten Vernichtung, Berichte über Auschwitz und Vernichtungslager erst nach dem Krieg erhalten, erst bei der Rückkehr nach Palästina, Entlassung aus der Armee im Juni 1946, Einsatz in Belgien und Holland, Reiseerlaubnis nach München im November 1945, zerstörte Wohnungen, Bekannte getroffen, Rechtsanwalt Neuland, Freude über jedes Haus das noch stand, fließender Bruch mit der alten Heimat, Heimat, in Israel integriert, Verteidigungsminister Weizmann war Klassenkamerad, geographische Heimat, Schnee vermisst, Eltern waren nach der Auswanderungen nochmals in Deutschland um die Verwandten von der Auswanderung zu überzeugen, Rückkehr des Vaters nach Deutschland erstmals 1950, Verbindung des Vaters mit München, Wiedergutmachungsverfahren, Rückerstattungen, reine Entschädigungsleistungen, Probleme bei den Entschädigungen für KZ-, Ghettohaft, Vereinfachung durch das Bundesentschädigungsgesetz 1956, verschiedene Geburtsdaten, die Leute machten sich jünger oder älter, Gerichtsverfahren in Palästina Leute mit mehreren Geburtsdaten, Durchführung der Wiedergutmachung in Bayern, besser als anderswo gelaufen, Zugang zu den Ministerien, Koblenz, fehlende Unterlagen, Frau wegen Arthritis in Behandlung in der Schweiz, Suezkrise, Schweizer verweigern Israelis und Arabern die Einreise, deutsche Staatsangehörigkeit zurückerlangt 1956, Zulassung als Anwalt 1951, gutes Verhältnis zu den Kollegen, feste Bindungen Schule, Militär, Bedrohung durch die Araber stärkt das Wir-Gefühl, deutscher Pass bringt Vorteile beim Reisen, junge Generation hat anderes Verhältnis zu Deutschland, Bedeutung des Holocaust im Schulunterricht, Geschichtsunterricht, Interesse, Familienforschung, Besuche in Dachau.

Daten

Art:
Zeitzeugenfilm
Dauer:
1:30 h
Aufnahmedatum:
01.01.1987
Sprache:
deutsch