Kempten, Heiligkreuz, Franziskanerkloster – Im Dienste der Wallfahrer
An der Stelle der heutigen katholischen Pfarr- und Wallfahrtskirche Heiligkreuz der Allgäu-Metropole Kempten soll sich der Legende zufolge am 24. Juli 1691 zwischen drei und vier Uhr nachmittags das „Blutwunder“ ereignet haben: Bauern vom Einödhof Kreining sahen hier auf der Wiese an fünf Stellen Blut aus dem Boden quellen. Dieses Ereignis soll über eine Viertelstunde lang gedauert haben. Fürstabt Rupert von Bodmann ließ den Fall untersuchen. Da sich keine natürliche Erklärung fand, deutete man es als Hinweis auf die fünf Wunden Christi am Kreuz und als Aufforderung zur besonderen Verehrung des gekreuzigten Heilands. An der Stelle der Erscheinung wurde ein Kreuz aufgerichtet, das schon bald das Ziel zahlreicher Pilger war. Der Fürstabt genehmigte 1694 den Bau einer Holzkapelle und einer Unterkunft für den Wallfahrtspriester, ein Amt, das anfangs Kapitulare der Benediktinerabtei Kempten übernahmen. Nach wundersam erfolgten Krankenheilungen an diesem Ort kamen immer mehr Gläubige, um hier zu beten. Aus den Opfergeldern konnte 1711 ein Gotteshaus aus Stein errichtet werden. 1715 übernahmen die Franziskaner aus Lenzfried die Betreuung der Wallfahrer. Für sie wurde östlich an die Kirche anschließend eine Niederlassung erbaut, in die sie im Oktober 1717 einzogen. Im gleichen Jahr wurde die Sakristei mit dem darüber liegenden Oratorium fertiggestellt.
Die engagierte Seelsorge der Brüder trug sehr zur Beliebtheit von Heiligkreuz bei. Weiteren Zulauf erhielt die Gnadenstätte, nachdem am 3. Mai 1723 das hundert Jahre alte, als wundertätig geltende Kruzifix aus der Kapelle „Zum heiligen Kreuz“ aus Liebenthann bei Obergünzburg zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt wurde. Danach stieg die Zahl der jährlichen Kommunikanten auf rund 30000. Als weitere Attraktionen wurden im Jahr 1729 Reliquien mehrerer Heiliger sowie beglaubigte Kreuzpartikel aus Rom feierlich in die Wallfahrtskirche überführt. Ein Jahr später begann man, die Kapelle mithilfe zahlreicher Spenden zu ihrer endgültigen Größe zu erweitern. An den Kapellenbau wurde westlich ein Langhaus angefügt und mit Stuck und Malereien verziert. Unter den vielen wertvollen Ausstattungsstücken, die im Lauf der nächsten Jahrzehnte angeschafft wurden, stellt die im Mittelgang befindliche „Blutsäule“ eine Besonderheit dar. An ihrem Sockel sind fünf geschnitzte „Blutbrünnlein“ dargestellt. Sie soll sich ungefähr an der Stelle befinden, an der einst das Wunder sichtbar geworden war. Eine zusätzliche Stärkung des religiösen Lebens brachte die Gründung einer Herz-Jesu-Bruderschaft, die Fürstabt Anselm von Reichlin-Meldegg 1734 einsetzte. Dem beständig wachsenden Zulauf der Wallfahrt Heiligkreuz trug man mit einer Erweiterung des Hospizes Rechnung. 1736 wurde das Kloster selbstständig. Nachdem Papst Benedikt XIV. (1740–1758) für das Hauptfest der Kirche, der Gedächtnisfeier für das 1691 erfolgte „Blutwunder“, einen vollkommenen Ablass verliehen hatte, erreichte die Zahl der jährlichen Besucher von Heiligkreuz einen neuen Höhepunkt.
Wie alle umliegenden Bettelordensklöster der Diözesen Konstanz und Augsburg wurde auch die Franziskanerniederlassung in Heiligkreuz Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation beschlagnahmt und dem Deutschen Orden übergeben. Dieser überließ es zwei Jahre später Kurbayern. 1805 erfolgte die Aufhebung; der Konvent bestand damals noch aus zehn Patres und zwei Brüdern. Das Kirchensilber kam in die Münchner Münzstätte zum Einschmelzen. Die Klosterbibliothek, die rund 1500 Werke umfasste, wurde versteigert. Von 1807 bis 1829 wohnten in den Gebäuden Augustiner aus Memmingen. Nach dem Tod des letzten Mönchs hat man hier eine Filiale der Stadtpfarrei errichtet. 1948 wurde Heiligkreuz zur selbstständigen Pfarrei mit der Wallfahrtskirche als Pfarrkirche erhoben. In die Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters zogen der Pfarrhof und eine Volksschule ein.
Christine Riedl-Valder