Kloster Schloss Zinneberg, Schwestern vom Guten Hirten


 

GESCHICHTE
Glonn, Kloster Zinneberg ? Pionierinnen der Jugendhilfe

 

Das Provinzhaus der Schwestern vom Guten Hirten in München-Haidhausen (siehe München, Kloster St. Gabriel), das seit 1840 in der Großstadt eine Ausbildungsstätte für mehrere hundert bedürftige oder straffällig gewordene Mädchen und Frauen führte, war in den 1920er Jahren auf der Suche nach einem landwirtschaftlichen Gut in der näheren Umgebung. Dort sollten die in München betreuten Schützlinge nach Abschluss ihrer Ausbildung praktische Berufserfahrungen sammeln können und vor der sittlichen Gefährdung durch die Einflüsse der Großstadt bewahrt werden. Außerdem wollte man für Mädchen, die vom Lande stammten, eine eigene Erziehungsanstalt einrichten. Mit der Landwirtschaft sollte auch die Verpflegung des Mutterhauses erleichtert, sowie den Schwestern und den Zöglingen eine gesunde Erholungsstätte geboten werden.

Der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (Amtszeit 19171952) unterstützte die Kongregation in diesen Bemühungen. 1927 schlug er der damalige Provinzoberin M. Bernarda Welsch den Kauf von Schloss Zinneberg in Glonn vor, nachdem er es persönlich begutachtet hatte. Dieses Landgut, eine mehrflügelige Schlossanlage mit großem Park im Stil eines englischem Landschaftsgartens, lag rund 30 Kilometer südlich von München. Es befand sich im Besitz von Baron Adolf Büsing d'Orville, der es zusammen mit seinem Pferdegestüt Sonnenhausen und Hof Altenburg veräußern wollte. Mitte September 1927 erfolgte der Vertragsabschluss; Mitte Oktober die Übergabe des Anwesens an die Schwestern. Das neue Erziehungsheim, das sie hier eröffneten, erhielt den Namen St. Michael. Kardinal Faulhaber weihte am 30. Oktober 1927 den ehemaligen Jagdsaal als neue Kapelle des Klosters ein. Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits über 30 Schülerinnen in Schloss Zinneberg. Ein Jahr später wurde die Münchner Volkshauptschule der Kongregation nach Glonn verlegt. Der Unterricht sah vor, junge Mädchen „für die hohen Aufgaben der heiligen Verantwortlichkeit einer Hausfrau, Gattin und Mutter" heranzubilden. Sie sollten die zum Hausfrauenberuf notwendigen Kenntnisse erhalten. Zum Lehrplan gehörten Nahrungsmittel- und Gesundheitslehre, hauswirtschaftliche Buchführung, Haushaltungskunde, Landwirtschaft in der Theorie sowie praktische Stunden mit Kochen, Hausarbeit, Handarbeit, Arbeiten im Obst-, Gemüse- und Gartenbau, der Vieh-, Milchwirtschaft und Geflügelzucht.

1928 ließ die Kongregation das gesamte Areal von Schloss Zinneberg mit einer Mauer umgeben, eine Baumaßnahme, die bei der Glonner Bevölkerung, die den Park gern zur Naherholung nutzte, viel Unmut erregte. In den Folgejahren wurden die Schlossgebäude renoviert und das Gestüt Sonnenhausen zu einer modernen Landwirtschaft ausgebaut. Im Erdgeschoss des dortigen mittleren Wohnhauses, in dem anfangs Platz für 10 Schwestern und 30 Mädchen war, hat man eine neue Hauskapelle eingerichtet. Aufgrund der wachsenden Anzahl der Schwestern und Jugendlichen waren die Wohnräume und die Kapelle aber bald zu klein geworden. Daher wurde die große Wagenremise nach Plänen des Baumeisters Franz Sommersberger zu einer Kapelle umgebaut und am 20. Oktober 1935 durch den Erzbischof eingeweiht. In der einstigen Sattelkammer mit Nebenraum hat man die Küche mit Speisekammer installiert, so dass die Bewohnerinnen von Sonnenhausen nun nicht mehr von Schloss Zinneberg aus verpflegt werden mussten. In Schloss Zinneberg konnte das zum Schul- und Wohnhaus umgebaute ehemalige Bräuhaus 1937 von 90 Schülerinnen bezogen werden. Gleichzeitig wurden ein Gemüse- und Obstgarten angelegt.

Doch seit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 hatten die Schwestern mit wachsenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie mussten ihren 1930 durch die Regierung genehmigten Lehrplan nach neuen Vorschriften überarbeiten und von 1934 bis 1936 im Schloss ein Werkheim für sogenannte „entgleiste“ Mädchen und Frauen zur Verfügung stellen, das von weltlichen Lehrerinnen geleitet wurde und dem Wohlfahrtsamt München unterstand.

1937 umfasste der Konvent 44 Schwestern. Sie betreuten 111 Mädchen, von den 48 in der Volksschule und 38 in der Fortbildungsschule in Schloss Zinneberg und 25 in der Landwirtschaft im Ökonomiegut Sonnenhausen unterrichtet wurden. 1938 wurde der Westflügel des Schlossgebäudes durch einen verheerenden Brand, dessen Ursache ungeklärt blieb, bis auf die Umfassungsmauern zerstört. Da die Feuerwehren der Nachbargemeinden in Österreich eingesetzt waren, wo deutsche Truppen am 14. März einmarschiert waren, rückte die Münchner Berufsfeuerwehr an und verhinderte, dass das ganze Anwesen in Flammen aufging. Der zerstörte Komplex wurde nach Plänen des Münchner Architekturprofessors Hans Döllgast umgebaut. Im Ostflügel entstand dabei eine neue geräumige Kirche mit Sakristei, die bereits ein Jahr später eingeweiht wurde. Die Schwesternräume im westliche Längsbau aber blieben unvollendet, da die Arbeiter zur Wehrmacht abkommandiert wurden. 1939 hat man einen Teil des Schlosses als Reserve-Lazarett beschlagnahmt. Da die Verwundeten vorerst noch ausblieben, halfen die arbeitslosen Sanitäter den Schwestern bei der Heuernte. 1942 traf der erste Verwundetentransport mit 68 Mann ein; in den folgenden Monaten wurden alle verfügbaren Räume für das Lazarett beansprucht; im Frühjahr 1944 rückten auch italienische Einheiten mit eigenem Sanitätspersonal, Chefarzt und Feldgeistlichen an. Größte Probleme bereitete damals die Versorgung von letztlich über 350 Verwundeten, dem Lazarettpersonal und den hier noch untergebrachten rund 150 Fürsorgezöglingen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte zum 1. Oktober 1945 der Unterricht wieder aufgenommen werden. Bis Ende des Schuljahres besuchten die Volksschule bereits wieder 63 und die Landwirtschaftliche Berufsschule 65 Schülerinnen. Ein im Anwesen aufgebautes Seuchenlazarett wurde im Februar 1946 aufgelöst. 1953 konnten der Längsbau und die neue Kirche fertig gestellt und ihrer Bestimmung übergeben werden. Die vermögensrechtliche und organisatorische Trennung der Zinneberger Niederlassung vom Münchner Mutterhaus erfolgte 1958. Damit war die bislang bestehende Unselbständigkeit des Klosters Zinneberg endgültig aufgehoben.

In den 1960er Jahren führten die Schwestern eine Reihe von Neubauten und Modernisierungen durch. Unter anderem konnte 1965 das neue Haus Maria Regina eingeweiht werden. Die Regierung, die den Bau finanzierte, schrieb dafür einen Bunker vor. Diese unter dem Gebäude befindliche Luftschutzklinik wurde als eines der ersten strahlensicheren Krankenhäuser für den Fall eines atomaren Krieges aus Bundesmitteln erbaut. In einem Anbau an den Westteil des Alten Schlosses erhielten nach dem Umzug des Münchener Klosters von Haidhausen nach Solln die Kreuzschwestern, die einen kontemplativen Zweig der Schwestern vom Guten Hirten darstellen, ein neues Domizil. 23 Kreuzschwestern bezogen 1965 dieses Haus, das den Namen „St. Theresia“ erhielt. Infolge zunehmenden Schwesternmangels wurde ab 1967 der landwirtschaftliche Betrieb in Sonnenhausen eingeschränkt und dort eine Erholungsstätte geplant. In Altenburg entstanden bis 1967 ein Ferienheim für die Schwestern der Süddeutschen Provinz und ein Erholungshaus für die Mädchen aus den Kloster-Einrichtungen in München-Solln. 1973 wurde auch die Leitung der Süddeutschen Provinz der Kongregation für einige Jahre nach Altenburg verlegt.

1972 lebten in Zinneberg und Sonnenhausen 45 Professschwestern und 18 Kreuzschwestern. Dazu kamen 18 weltliche Angestellte für Unterricht und Werkstätten. Die Ökonomie in Sonnenhausen musste 1975 aufgegeben werden. Sie wurde in der Folgezeit verpachtet und 1985 verkauft. Im Schloss wurden eine Reihe von Um- und Neubauten durchgeführt. Am 26. Juli 1977 feierten die Schwestern vom Guten Hirten in Zinneberg das 50-jähriges Jubiläum von Kloster und Einrichtung. Der Konvent bestand damals aus 38 Schwestern, die zusammen mit Erziehern, Lehrern, Ausbildern und einer Reihe von Angestellten 90 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren betreuten.

Seit den 1980er Jahren öffnet das Kloster seine Pforten auch für Einkehrtage von Pfarreien der Umgebung, für Priestertreffen, für Konzerte und Feste von Vereinen. 1988 wurde in Zinneberg das Noviziat der Süddeutschen Provinz unter dem Namen „Emmaus-Gemeinde" mit Sr. M. Renata Haas als Oberin eröffnet. Die letzten acht Kreuzschwestern zogen 1991 mit ihrer Oberin M. Ulrike Sonner in das Hauptgebäude um. 2015 lebten noch sechs Schwestern im Kloster. Schloss Zinneberg steht bis heute (2022) unter der Trägerschaft der Kongregation der Schwestern vom Guten Hirten und beherbergt vielfältigen Einrichtungen der Jugendhilfe, unter anderem ein heilpädagogisches Heim für Mädchen und Frauen, eine Ganztags-, Mittel- und Berufsschule und eine Kinderkrippe.

 

Christine Riedl-Valder


https://www.schloss-zinneberg.de

 

www.guterhirte.de

 



 

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