Ökumenisches Lebenszentrum (ev)


 

GESCHICHTE

Ottmaring, Ökumenisches Lebenszentrum – Leben für die Einheit der Christen

Bei dem Ökumenischen Lebenszentrum Ottmaring handelt es sich um eine gemeinsame Gründung der Bruderschaft vom Gemeinsamen Leben, der vor allem evangelische Christen angehören, und der ökumenischen Fokolar-Bewegung, die ihre Wurzeln in der katholischen Kirche hat. Die Bruderschaft vom Gemeinsamen Leben wurde 1924 von dem evangelischen Theologen Eugen Belz in Deutschland begründet. 1928 wurde im mittelfränkischen Heidenheim das Brüderhaus St. Wunibald erbaut. Nach der Auflösung der Gemeinschaft in der NS-Zeit erfolgte 1947 ein Neubeginn. Eugen Belz rief zusammen mit Pfarrer Klaus Heß und Paul Riedinger, dem Superintendenten der Methodistenkirche, sowie Gleichgesinnten zum „Ökumenischen Christusdienst“ auf. Diese Initiative führte ab 1949 zur Gründung von Freundeskreisen in Nürnberg, Augsburg, München und anderen Städten, aus denen sich Gruppen der „Geschwister und Brüder vom Gemeinsamen Leben“ zusammenfanden. Vier Familien der Bruderschaft aus Augsburg zogen 1955 nach Ottmaring, um dort zsuammenzuleben. Ihr Haus in der Martinstraße 19 erhielt den Namen „Weizenkorn“. Nachdem das Interesse an dieser Gemeinschaft mit der Zeit deutlich zunahm, kam es auf Initiative des Pfarrerehepaares Heß und der Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich (1920–2008), am 23. Juni 1968 zur Einweihung des Ökumenischen Lebenszentrums in Ottmaring. Anfangs bestand es aus vier Häusern: zwei für die Bruderschaft sowie ein Frauen- und ein Männer-Fokolar. Pfarrer Josef Gleich, ein Fokolar-Priester, wurde von dem Augsburger Bischof Josef Stimpfle als Pfarrer in Ottmaring eingesetzt. Das Lebenszentrum beteiligte sich erstmals 1971 auf dem Ökumenisches Pfingsttreffen in Augsburg, das vom Katholikentag und vom Evangelischen Kirchentag veranstaltet wurde, an der Begegnung von katholischen und evangelischen Orden und Bruderschaften. Daraus entwickelte sich der ökumenische Schwesternkreis in Augsburg, der bis heute (2017) besteht.
Durch den Zuzug weiterer Familien wurde der Ausbau der Wohnsiedlung in Ottmaring erforderlich. Am 1. Mai 1976 konnten Bischof Stimpfle und der evangelische Landesbischof Johannes Hanselmann zudem ein Tagungs- und Begegnungszentrum einweihen. Ein Jahr später nahmen bereits rund 100 Bewohner an den Eucharistiefeiern in der provisorischen Kapelle teil. Das Haus „Agape“ der Freiwilligen Frauen, einem Zweig der Fokolar-Bewegung, entstand 1978 und 1980 wurde das Haus „Paul VI.“, ein Zentrum für Priester und Seminaristen der Fokolar-Bewegung, fertiggestellt. Chiara Lubich sorgte zusammen mit dem Aachener Bischof Klaus Hemmerle, einem Unterstützer der Fokolar-Bewegung, 1981 für die Gründung der Ökumenischen Schule der Fokulare in Ottmaring. Die Einrichtung dient der Schulung der Spiritualität und der Vermittlung von Basiswissen über den ökumenischen Dialog. Von den Anfängen bis 1986 lebte auch Bruna Tomasi, eine der ersten Fokolarinnen und langjährig Beauftragte für Afrika, in Ottmaring. Sie war maßgeblich am Aufbau des Zentrums beteiligt und formulierte die Grundsätze und Leitlinien für die Lebensgemeinschaft.
1988 fand hier ein ökumenisches Bischofstreffen statt, auch die neue Kapelle wurde eingeweiht. Die Mitbegründerin des Zentrums, Chiara Lubich, erhielt im gleichen Jahr den „Preis zum Augsburger Friedensfest“ verliehen. Am 23. November 1988 beging man das 20-jährige Bestehen des Lebenszentrums mit rund 1500 Teilnehmern in der Stadthalle von Friedberg. Seit 1989 beteiligt sich das Zentrum regelmäßig an den Evangelischen Kirchentagen und den Katholikentagen. Zu einem ökumenischen Bischofstreffen, das im Jahr 1998 in Ottmaring stattfand, reisten 34 Bischöfe, die der Fokolar-Bewegung nahestanden, aus der ganzen Welt an. Die Gemeinschaft leistete 2007 einen wichtigen Beitrag zu dem internationalen Kongress „Miteinander auf dem Weg“ und „Miteinander für Europa“ in Stuttgart mit 8500 Teilnehmern aus 250 christlichen Bewegungen und Gemeinschaften. Mit einem großen Festakt würdigte die Gemeinschaft 2008 ihr 40-jähriges Bestehen.
Das Ökumenische Lebenszentrum entwickelte sich innerhalb von 50 Jahren zu einer großen Siedlung, die mittlerweile 25 Wohn- und Gemeinschaftsbauten, ein Gästehaus und ein Begegnungszentrum mit Kapelle umfasst. Hier wohnen aktuell (2017) 25 Familien, acht Bruder- und Schwesternschaften von ehelos lebenden Männern und Frauen sowie eine Priester-Gemeinschaft. Insgesamt sind es etwa 120 ständige Bewohner verschiedener Berufsgruppen und Nationalitäten und aller Altersstufen. Dazu kommt eine Reihe von Einwohnern aus Ottmaring und den Nachbardörfern, die der Einrichtung eng verbunden sind. Die meisten Mitglieder gehören entweder der Bruderschaft vom Kreuz oder der Vereinigung vom Gemeinsamen Leben an, die zusammen die Christentumsgesellschaft bilden, oder der Fokolar-Bewegung. Letztere besteht aus 15 Zweigen und neun offenen Initiativen, die fast alle in Ottmaring vertreten sind. Die von unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Traditionen geprägten Mitglieder bilden eine Dienst- und Gütergemeinschaft. Ihr Zusammenleben ist geprägt vom interreligiösen Dialog, dem gemeinsamen Gebet und dem Wirken zur Bewahrung der Schöpfung. Dabei gehen die Einzelnen ihren Berufen nach, arbeiten für die Fokolar-Bewegung, für die Bruderschaft oder im Begegnungszentrum. Zum Tagesabschluss trifft man sich in der ökumenischen Kapelle zum gemeinsamen Abendgebet, das immer mit der Bitte um die Einheit der Christen schließt. Das Tagungszentrum dient vielfältigen Veranstaltungen, Schulungskursen und internationalen Kongressen. Auch die Pressestelle für Deutschland ist in Ottmaring beheimatet. Seit 1994 findet jedes Jahr Anfang August die „Ottmaringer Jugendwoche“ für Teenager aus ganz Europa statt.
(Christine Riedl-Valder)

Link:
http://www.ottmaring.org



 

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