Evangelische Michaelsbruderschaft in Oberammergau ? Engagement für die geistliche Erneuerung der Kirche
Von 1923 bis 1928 trafen sich auf dem nordöstlich von Berlin gelegenen einstigen Rittergut Berneuchen in der Neumark (im heutigen Polen) evangelische Theologen und Laien, um miteinander über eine innere Erneuerung der Kirche zu diskutieren. Die von diesen Konferenzen ausgehenden Impulse wollten die Teilnehmer in die Kirche einbringen; auf diese Weise entstand die Berneuchener Bewegung. Aus ihr erwuchs die Evangelische Michaelsbruderschaft (EMB), zu der sich am Michaelstag 1931 in der Kreuzkapelle der Universitätskirche in Marburg an der Lahn 22 Männer zu einer verbindlichen Gemeinschaft zusammenschlossen. Ihre Regel, die 1937 beurkundet wurde, verpflichtet die Mitglieder zur Beachtung der Gebote der Heiligen Schrift, zur Feier der evangelischen Messe, zum regelmäßigen Gebet und zum Dienst in der Gemeinschaft. Als Ziele wurden der Einsatz für die Ökumene, für eine geistliche Erneuerung und für die Einheit der Kirche definiert.
Die Brüder versuchen im Alltag und in ihrem persönlichen Umfeld Spiritualität, Verkündigung des Glaubens und Dienst für die Menschen gleichermaßen zu verwirklichen. Nach dem Vorbild christlicher Glaubensgemeinschaften tragen sie zu festlichen Anlässen einen schwarzen Chormantel und ein Kreuz. Die Leitung der Bruderschaft leistet ein siebenköpfiger Rat, der von den Brüdern für zwei Jahre gewählt wird. Der Rat benennt auch den Ältesten der Kommunität und beruft die Ältesten der einzelnen Konvente. Als erster in diesem Amt wirkte der Marburger Pfarrer und Universitätsprediger Karl Bernhard Ritter (1890?1968), der die Aktivitäten der neuen Bruderschaft vor allem in den Bereichen Liturgie und Meditation wegweisend beeinflusste. In der Folgezeit gab die Michaelsbruderschaft mit der Gestaltung ihrer Gottesdienste und Eucharistiefeiern entscheidende Anregungen für die liturgische Entwicklung der evangelischen Kirche.
Mittlerweile ist die Kommunität in ganz Europa verbreitet. Neben den Niederlassungen in Deutschland ist die geistliche Gemeinschaft heute (2017) auch in Österreich, Ungarn, Frankreich, der Schweiz, in Polen und Island vertreten. Es gehören ihr Laien und Geistliche verschiedener Konfessionen an. Die Brüder kommen aus lutherischen und reformierten Kirchen, aus Freikirchen, aus der alt- bzw. christkatholischen und aus der römisch-katholischen Kirche. Die Mitglieder engagieren sich mit ihren Familien in ihren Gemeinden im Gottesdienst, der Seelsorge, Meditation und Diakonie und sind in regionalen Konventen zusammengeschlossen. Die junge Generation ist in einer Gemeinschaft auf Zeit in der überregionalen Jungbruderschaft St. Michael organisiert. Zu den „Berneuchener Gemeinschaften“ gehören gegenwärtig die drei selbstständigen geistlichen Kommunitäten „Berneuchener Dienst“, „Evangelische Michaelsbruderschaft“ und die „Gemeinschaft St. Michael“, letztere ein verbindlicher Zusammenschluss von Frauen und Männern, der sich in den 1980er-Jahren aus der Bruderschaft heraus entwickelte. Die Berneuchener Geme3insychaften unterhalten seit 1958 gemeinsam das geistliche Zentrum Kloster Kirchberg mit Tagungs- und Einkehrhaus bei Sulz am Neckar in Baden-Württemberg.
Der Konvent Bayern der Evangelischen Michaelsbruderschaft entstand 1946 durch die Teilung des Konvents Süddeutschland. Es handelte sich von Anfang an um einen Flächenkonvent innerhalb des Freistaats, dessen Sitz vom Wohnort des jeweiligen Konventsältesten bestimmt wird. Als erster Konventsältester stand ihm Eduard Ellwein (1898-1974) vor, der an der evangelischen Augustana-Hochschule in Neuendettelsau (Mittelfranken) lehrte. Zu seinen Nachfolgern in diesem Amt, die in der Mehrzahl gleichzeitig evangelische Pfarreien betreuten, gehörte unter anderen Kirchenrat Reinhard Mumm (1916-1986), der ab 1974 in St. Matthäus in München wirkte und 1977 zum Ältesten der gesamten Bruderschaft gewählt wurde. Weitere bekannte Persönlichkeiten der geistlichen Gemeinschaft waren Bischof Wilhelm Stählin (1883-1975), Wilhelm Thomas (1896-1978), Verfasser von geistlichen Liedern und Singspielen, und der Musikverleger Karl Vötterle (1903-1986), der 1923 in Augsburg den Bärenreiter-Verlag gründete. Derzeit (2017) gehören der Evangelischen Michaelsbruderschaft in Bayern 30 Brüder aller Altersstufen an, die in ihren Berufen und Beziehungen leben und sich in ihre Kirchengemeinde und das gesellschaftliche Leben vor Ort einbringen. Die Angehörigen des Konvents und der weiteren Berneuchener Gemeinschaften treffen sich an verschiedenen Standorten regelmäßig zur Feier der Gottesdienste und Stundengebete, zur Bibelarbeit, zu geistlichen Übungen, brüderlicher Aussprache, zu Diskussionsrunden, Vorträgen und ökumenischen Begegnungen. Mehrmals im Jahr kommt der gesamte Konvent zusammen: zu Epiphanias (6. Januar), in der Fastenzeit im Frühjahr und zu Johannis (24. Juni). Das mehrtägige Michaelsfest (29. September) bildet den Höhepunkt des bruderschaftlichen Jahres.
Das Amt des Konventältesten in Bayern bekleidet seit 2012 Pfarrer Peter Sachi, der zugleich als Vorstand der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Oberammergau wirkt.
(Christine Riedl-Valder)
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https://www.michaelsbruderschaft.de