Nürnberg, Diakoniewerk Martha-Maria - „Unternehmen Menschlichkeit“
Am 4. Februar 1889 beschlossen die Diakonissen Luise Schneider (1864-1950) und Elise Heidner (1865-1935) im Zusammenwirken mit dem evangelisch-methodistischen Pastor Jakob Ekert (1859-1906) die Gründung einer neuen Schwesternschaft. Bei der Generalversammlung am 12. September 1889 wurde die Gemeinschaft „Martha-Maria-Verein für allgemeine Krankenpflege“ ins Leben gerufen. Der Name Martha-Maria bezieht sich auf ein Geschwisterpaar, über das im Neuen Testament mehrmals berichtet wird. Es steht sinnbildlich für die umfassende Hilfe, die die Diakonissen ihren Mitmenschen leisten wollen. Die Frauen, die dem Verband beitraten, sahen sich von Gott berufen zu einem gemeinsamen Leben im christlichen Glauben und zum Dienst am Nächsten. Als Zeichen ihrer Berufung achteten sie insbesondere die Gebote der Ehe- und Besitzlosigkeit sowie des Gehorsams. Ihr Tätigkeitsbereich umfasste anfangs vor allem die ambulante und stationäre Betreuung von kranken und alten Menschen. Der erste große Einsatz der Schwestern erfolgte im Winter 1889/90 im Sebastianspital der Stadt Nürnberg, als eine Influenza-Epidemie wütete. Die Unterkunft der Schwestern befand sich im Gebäude der neu errichteten Paulus-Kapelle in der Kohlengasse (1944 völlig zerstört). 1890 eröffnete der Verein Privatpflegestationen in Nürnberg und München sowie in Wien, wohin die Diakonissen durch die Baronin Amelie von Langenau geb. von Haffner (1833-1902) vermittelt wurden. Diese Wohltäterin, die sich einen Namen als Frauenrechtlerin und Unterstützerin des Weiner Sozialdemokraten Victor Adler machte, unterstützte 1893 auch großzügig den Kauf eines Anwesens in der Sulzbacher Straße in Nürnberg, das über sechs Wohnungen, 27 Zimmer und einen Garten verfügte. Nach einem Umbau diente es als erstes Mutterhaus des Martjha-Maria-Vereins. In Magdeburg, wo Pastor Ekert zwei Jahre lang arbeitete, gründete der Verein 1892 seine vierte Diakoniestation und erwarb dort ein Haus. Die Strahlkraft des Magdeburger Standorts war so groß, dass in der Folgezeit ein Drittel der Diakonissen aus Sachsen kam.
Um die Vielzahl an neuen Aufgaben zu bewältigen, übernahm Pastor Ekert 1895 die hauptamtliche Leitung der Diakonieanstalt Martha-Maria und zog mit seiner Familie in das Mutterhaus ein. In den folgenden Jahren intensivierten die Schwestern ihre Tätigkeit in den Krankenhäusern. Ab 1896 waren sie im Hospital zu Neustadt-Magdeburg vertreten, im darauffolgenden Jahr nahmen sie ihre Tätigkeit in der Privat-Heilanstalt von Dr. Krecke in München auf. 1898 eröffneten die Diakonissen in Nürnberg eine eigene Krankenstation, in der die jungen Frauen auch eine Pflegeausbildung absolvieren konnten. Fünf Jahre später wurde der erste Klinikneubau unter ihrer Regie eingeweiht, der sich jedoch schon bald als zu klein erwies und 1907 durch einen Anbau erweitert wurde. Weitere Krankenpflegestationen entstanden in Köln, Siegen und Stuttgart. Daneben leisteten die Frauen auch in einzelnen Gemeinden soziale Dienste. Um 1906 gehörten 110 Diakonissen dem Verein an. Pastor Ekert ließ für sie 1903 in Rupprechtstegen in der Fränkischen Schweiz ein Erholungsheim errichten, 1910 kaufte der Verein ein weiteres in Hohenschwangau. Seit 1896 engagierte sich der Martha-Maria-Verein auch für die Weltmission. Die ersten Diakonissen reisten nach Togo/Westafrika.
Unter Ekerts Nachfolger, dem Methodistenprediger Gustav Adolf Schneider (Amtszeit 1907–1931) und Oberin Luise Schneider (Amtszeit 1889–1933) wuchs der Verein weiter. Die Zahl der Diakonissen stieg auf rund 360; weitere Tätigkeitsfelder, wie das Fürsorgewesen, kamen hinzu. Viele Schwestern leisteten im Ersten Weltkrieg in den Lazaretten Dienst. In der Nürnberger Klinik eröffnete 1920 eine staatlich anerkannte Krankenpflegeschule. In der Sulzbacher Straße und deren Umgebung wurden eine Reihe von Häusern zur Unterbringung der Verwaltung und als Wohnhaus der Schwestern erworben. 1923 eröffnete ein Feierabendheim für Diakonissen im Ruhestand; 1927 eine Frauenklinik. In Stuttgart kaufte der Verein 1935 die Hölderlinklinik (1963 umbenannt in Staatsrat-von-Fetzer-Klinik). Neue Pflege- und Sozialstationen wurden in Düsseldorf (1908), Wiesbaden (1911) und Halle a. d. Saale (1912), kurzzeitig auch in Gera und Augsburg eingerichtet. 1938 waren rund 90 Schwestern an den zehn Diakoniestationen in deutschen Städten tätig.
Während der Zeit des Nationalsozialismus standen Direktor Christian Jahreiß (1938–1958) und Oberin Ruth May (1934–1954) an der Spitze der Gemeinschaft. Zuerst wurde den Diakonissen die Kinderfürsorge entzogen. 1936 gingen die Kinderheime in Roth und in Rückersdorf, 1938 das Kinderheim „Bethanien“ in Donndorf an NS-Organisationen über. An der Krankenpflegeschule mussten die Fächer „Rassenkunde“ und „Erblehre“ unterrichtet und auch Mitglieder der NS-Schwesternschaft ausgebildet werden.
Da die NS-Machthaber das Diakonissenwerk aus der Nürnberger Innenstadt entfernen wollten, erwarb der Verein 1939 ein großes Gelände in Nürnberg-Erlenstegen. Direktor Jahreiß plante dort ein „Dorf der Barmherzigkeit“, das jedoch erst ab 1952 verwirklicht werden konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Kliniken zu Lazaretten, die Schwestern waren vor allem als Krankenpflegerinnen im Einsatz. Von 1943 bis 1945 zerstörten Bomben rund Dreiviertel aller Diakoniegebäude des Vereins Martha-Maria in Deutschland. Eine mühsame Aufbauarbeit war in der Nachkriegszeit nötig, um wenigstens einige der Einrichtungen wieder in Betrieb zu nehmen. Mit den Eintritt von 70 jungen Frauen in den Verein gleich nach Kriegsende ging der Aufschwung zügig voran.
Ende 1945 erhielten die Diakonissen in der Krecke-Klinik in München die Kündigung. Sie pachteten die kriegsbeschädigte Kuranstalt des Geheimrats Dr. Ranke in München-Solln und wandelten sie zu einem Krankenhaus um, das 1956 in ihr Eigentum überging. Da zu jener Zeit ein hoher Bedarf an Gemeindeschwestern herrschte, wurde dieser Bereich ausgebaut. 1949 befanden sich bereits rund 50 Diakonissen in kirchlichen Diensten. In Nürnberg waren ab 1948 wieder die Klinik und die Krankenpflegeschule in Betrieb. Drei Jahre später wurde eine Haushaltungsschule mit Internat in der Sulzbacher Straße eröffnet. 1949 erreichte die Diakonissenanstalt Martha-Maria den Höchststand von 500 Mitgliedern mit 448 Diakonissen, davon waren 98 Probeschwestern und 52 Vorprobeschwestern. Dazu kamen 32 Verbandsschwestern und 20 Verbandsjungschwestern. 45 Schwestern taten in der so genannten Ostzone Dienst.
1952 erfolgte mit der Eröffnung eines Kinder- und Waisenheimes an der Stadenstraße der Startschuss für den Aufbau des Diakoniestandorts Nürnberg-Erlenstegen. Nach und nach entstanden Verwaltungs-, Schülerinnen- und Schwesterngebäude sowie ein Mutterhaus, das 1959 fertig gestellt wurde. Ein Klinikneubau mit 370 Betten folgte bis 1968. Im Zuge dessen wanderten auch die restlichen Einrichtungen aus der Sulzbacher Straße, die 75 Jahre lang Mittelpunkt des Martha-Maria-Vereins gewesen war, nach Erlenstegen. Unter Direktor Johannes Riedinger (1971-1982) entwickelte sich die Gemeinschaft zu einem großen Unternehmen. In München wurde 1971 ein Klinikneubau mit 150 Betten sowie ein Schwestern- und Gästewohnheim eingeweiht. In Nürnberg errichtete die Diakonie bis 1972 das Luisenheim für Ruhestandsschwestern. Gleichzeitig erfolgte eine Umstrukturierung der Leitung und die Gründung eines Verwaltungsrats, verbunden mit der Umbenennung in „Diakoniewerk Martha-Maria e.V.“. Das Zentrum in Erlenstegen expandierte weiter, unter anderem mit einem Alten- und Pflegeheim und einer Kindertagesstätte. Auch die Krankenpflege-Einrichtungen in Stuttgart und München wuchsen in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich. Auch das Engagement des Vereins für die Weltmission wurde ausgebaut mit Einsätzen in Ost- und Westafrika, Südamerika und Indonesien.
Die stetig sinkende Zahl von Diakonissen machte 1981 die Gründung eines Verbands Diakonischer Mitarbeiter erforderlich, der bis 1990 auf 60 Mitglieder anwuchs. Für die parallel dazu vom Verein neu entwickelte „Evangelische Krankenhaushilfe“ mit ehrenamtlichen Helferinnen, den so genannten „Grünen Damen“, erhielten die Diakonissen 1987 den Sozialpreis der Bayerischen Landesstiftung verliehen. Zum 100-jährigen Jubiläum 1989 waren über 1100 Personen im Diakoniewerk beschäftigt, davon über 900 in den Kliniken in Stuttgart, München und Nürnberg. Unter ihnen waren noch 100 Diakonissen, deren Zahl altersbedingt jedoch weiter abnahm. 2014 wurde das 125-jährige Jubiläum mit 59 Schwestern begangen, von denen die meisten bereits im Ruhestand waren. Heute (2017) bilden über 3700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen mit den Diakonissen und einer Vielzahl Ehrenamtlicher eine Dienstgemeinschaft mit den Tätigkeitsschwerpunkten Kranken- und Altenhilfe, medizinische und soziale Dienste, Rehabilitation sowie Aus- und Fortbildung in Gesundheitsberufen. Neben dem Zentrum in Nürnberg-Erlenstegen mit einer eigenen Maria-Martha-Gemeinde bei der Eben-Ezer-Kirche (1950 eingeweiht) gehören Einrichtungen in ganz Deutschland, unter anderem in Halle a.d. Saale, Freudenstadt, Hohenschwangau, Lichtenstein-Honau, München, Nagold, Nürnberg und Stuttgart zum Diakoniewerk Martha-Maria. 2024 ging mit Sr. Roswitha Müller die letzte Oberin des Diakoniewerks in den Ruhestand. Seither wird die Schwesternschaft von Pastorin Denise Courbain geleitet. Anfang 2026 gehörten 19 Diakonissen zur Schwesternschaft. 4100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden mit einer Vielzahl Ehrenamtlicher eine Dienstgemeinschaft mit den Tätigkeitsschwerpunkten Kranken- und Altenhilfe, medizinische und soziale Dienste, Rehabilitation sowie Aus- und Fortbildung in Gesundheitsberufen. Neben dem Zentrum in Nürnberg-Erlenstegen mit einer eigenen Maria-Martha-Gemeinde in der Eben-Ezer-Kirche (1950 eingeweiht) gehören Einrichtungen in Eckental, Freudenstadt, Hohenschwangau, Lichtenstein-Honau, München, Nagold und Stuttgart zum Diakoniewerk Martha-Maria.
(Christine Riedl-Valder)
Link:
https://www.martha-maria.de