München, St.-Johannes-Bruderschaft - Evangelische Katholizität
Die Bruderschaft ging aus der seit 1918 tätigen Gemeinschaft der „Hochkirchlichen Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses“ hervor und wurde 1929 von deren Vorsitzendem, dem Religionswissenschaftler Prof. Dr. Friedrich Heiler (1892-1967), unter dem Namen „Evangelisch-Katholische Eucharistische Gemeinschaft“ (EKEG) gegründet. Ihr Ziel war es, die bestehenden engen Grenzen der Landeskirchen und der Konfessionen zu überwinden, sich auf die Inhalte des Evangeliums und den Glauben der gesamten Christenheit zu beziehen und das Altarsakrament als Höhepunkt des Gottesdienstes wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Auch mit der Wahl des Evangelisten Johannes, des Apostels der Liebe, zu ihrem Patron wollte sich die Bruderschaft zur Einheit der Kirche bekennen, wie sie im Hohepriesterlichen Gebet Jesu (Joh 17) zum Ausdruck kommt. Insbesondere fühlte sich die Bruderschaft der ökumenischen Arbeit verpflichtet. Friedrich Heiler, der von 1920 bis 1961 an den evangelisch-theologischen Fakultäten in München und Marburg allgemeine und vergleichende Religionsgeschichte lehrte, förderte ökumenische Bestrebungen und knüpfte vielfältige Beziehungen zu ausländischen Kirchenvertretern, wie zum Beispiel zur Una-Sancta-Bewegung. Unter seiner Leitung übernahm die Bruderschaft das theologische Leitbild der „Evangelischen Katholizität“, das der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom entwickelt hatte.
Um die Gemeinschaft ganz in der Tradition der christlichen Kirche zu verankern, ließ sich Friedrich Heiler durch Bischof Gaston Vigué (Gallikanische Kirche Südfrankreich) und den Schweizer Bischof der Hochkirchlichen Vereinigung, Gustav Adolf Glinz, 1929 das Amt des Apostolischen Vorstehers der Bruderschaft übertragen. Seitdem wird die bischöfliche apostolische Sukzession (syrisch-orthodoxe Linie) innerhalb der Bruderschaft gemäß den altkirchlichen Regeln weitergegeben. Sie soll der Bewahrung von Amt und Charisma im urchristlichen Sinne dienen.
Unter dem NS-Regime verlor Friedrich Heiler 1934 seine Professur in München und wurde nach Marburg versetzt. 1938 wurde die Bruderschaft verboten. Trotzdem fanden während des Zweiten Weltkriegs geheime regelmäßige Treffen statt, die so genannten Hochkirchentage. 1947 erfolgte in der Bundesrepublik die Neugründung der Gemeinschaft als „Evangelisch-Ökumenische St.-Johannes-Bruderschaft“, die 1975 in „Hochkirchliche St.-Johannes-Bruderschaft“ (SJB) umbenannt wurde. In der DDR existierte sie von 1948 bis 1990 unter dem Namen „Johannesbruderschaft“ innerhalb der Evangelischen Kirchen der DDR weiter. 1992 kam es zur Wiedervereinigung mit der Bruderschaft im Westen.
Die SJB will durch die regelmäßige Feier eines unverkürzten sonntäglichen Gottesdienstes die eucharistische Frömmigkeit fördern, das Sakrament der Privatbeichte neu beleben sowie für spirituelle Übungen, Stundengebet, Exerzitien und einen einfachen Lebensstil werben. Sie engagiert sich insbesondere für die Wiedervereinigung der gespaltenen Christenheit. Die konfessionellen Grenzen sollen durch ökumenisches Handeln in der Praxis, wie beispielsweise in der entsprechenden Gestaltung der Liturgie, überwunden werden. Die einzelnen Konvente treffen sich zur theologischen Arbeit, zum „Evangelisch-Katholischen Stundengebet“, zur Lesung in der Heiligen Schrift und zur Eucharistiefeier. Die Bruderschaft nimmt regelmäßig an den Kirchentagen der verschiedenen Konfessionen sowie ökumenischen Veranstaltungen teil. Sie ist Mitglied des Treffens Geistlicher Gemeinschaften (TGG) und wird in der Liste der Geistlichen Gemeinschaften der Evangelischen Kirche Deutschland geführt. Als Glied der Hochkirchlichen Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses e.V. hat sie ihren Geschäftssitz in München. Mit der SJB eng verbunden sind die Evangelischen Franziskaner-Tertiaren, München und die Bruderschaft vom gemeinsamen Leben, Ottmaring.
Zur Hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft bekennen sich heute (2017) rund 100 Mitglieder in Bayern und im restlichen Deutschland, den Niederlanden, Österreich und Tschechien. Ein Drittel von ihnen sind Frauen. Die Mehrheit gehört den Evangelischen Landeskirchen an, einige sind auch Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) oder einer anderen Konfession. Der Aufnahme in die Bruderschaft geht ein mindestens zweijähriges Noviziat voraus. Seit 1983 dient das Elisabethkreuz, das sich im Reliquienschatz von Kloster Andechs befindet, als Erkennungszeichen der Gemeinschaft. Seit 2002 tragen die Mitglieder zu feierlichen Anlässen ein weißes Kapuzengewand. Auf dem Hochkirchentag im Geistlichen Zentrum Schwanberg, Rödelsee (Unterfranken) wurde Br. Justinus Udo H. Beucker, München, 2012 zum Geschäftsführer und Kapitelvikar der Bruderschaft gewählt. Das Amt des Apostolischen Vorstehers in bischöflicher apostolischer Sukzession übt derzeit Konrad +Innocenz Schrieder, Hamm, aus.
(Christine Riedl-Valder)
Link:
http://www.hochkirchliche-vereinigung.de