Wipfeld, Kloster St. Ludwig


 

GESCHICHTE

Wipfeld, Kloster St. Ludwig – Von der Missionarsausbildung zum Mädchenheim

Der zu Wipfeld gehörende Ortsteil St. Ludwig liegt am linken Mainufer. Dort befinden sich fünf Schwefelheilquellen, die um das Jahr 1800 entdeckt wurden. Sie bildeten die Grundlage für ein Kurbad, das hier von 1811 bis 1901 bestand. 1823 besuchte die bayerische Königin Therese die Heilquellen. König Ludwig I. erteilte die Erlaubnis, die Einrichtung nach ihm als „Ludwigsbad“ zu benennen. 1828 entstand ein dreistöckiges Kurhaus, das 1837 erweitert wurde. Zwischen 1850 und 1880 soll das Bad jährlich bis zu 400 Gäste aufgenommen haben, wurde dann jedoch aufgrund seiner ungünstigen Lage von den Staatsbädern Kissingen und Bocklet übertrumpft und verfiel.

1901 erwarben die Missionsbenediktiner von St. Ottilien aus Eresing die Anlage, um in Franken ein Standbein ihres Ordens aufzubauen. Ab diesem Zeitpunkt trug das Anwesen den Namen „St. Ludwig“. Am 13. Juli 1901 zogen zwei Brüder in das heruntergekommene Gebäude. Sie erhielten am 30. August Verstärkung durch 32 junge Männer, die hier ihre Ausbildung als Missionare absolvieren wollten. Im ersten Jahr herrschte großer Mangel an Nahrungsmitteln und der nötigen Einrichtung. Der Pfarrer und die benachbarten Bauern halfen den Brüdern über diese schwierige Zeit. Zuerst wurde die Kapelle notdürftig eingerichtet; 1902 wurde das ehemalige Bad zu einem Internat umgebaut, das bis 1963 bestand. 1909 wurden die Klosteranlagen und die Ordenskirche neu erbaut und am 1. Juli zu Ehren der Hl. Familie geweiht. Schon nach zwölf Jahren erwies sich die Anlage als zu klein für das aufstrebende benediktinische Kloster, das eine Fülle von Neuaufnahmen zu verzeichnen hatte. Die Mönche gingen nach Münsterschwarzach und begründeten dort eine neue Abtei. Am 16. April 1914 fand die Weihe des ersten Abtes von Münsterschwarzach in St. Ludwig statt. Das ehemalige Kurbad diente in der Folgezeit als Ausbildungs- und Erholungsstätte der Benediktiner. 1920 wurde mit der Ausmalung der Kirche im so genannten Beuroner Stil begonnen und vier Jahre später der Theater- und Turnsaal gebaut.

Unter dem nationalsozialistischen Regime war den Benediktinern ab 1938 die Aufnahme von Novizen verboten. Im Frühjahr 1940 wurde das Missionsseminar in St. Ludwig geschlossen. Ein Jahr später erfolgte zusammen mit dem Mutterkloster Münsterschwarzach die Auflösung. Die Mitglieder des Konvents unter Abt Burkard konnten bei den Franziskanerinnen von Oberzell unterkommen. Die Gebäude von St. Ludwig wurden anschließend für volksdeutsche Umsiedler, ab 1943 für die Würzburger Gehörlosenschule genutzt. Im März zog eine Filiale der orthopädischen Klinik Würzburg ein. 1946 durften die Benediktiner ihr Eigentum wieder in Besitz nehmen und in St. Ludwig ab September mit dem Unterricht in drei Klassen beginnen.

1963 wurde die Ausbildungsstätte mit dem Internat nach Münsterschwarzach verlegt, die Oberzeller Franziskanerinnen übernahmen St. Ludwig. In zweijähriger Bauzeit errichtete die Kongregation der Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu (OSF) vom dritten Orden des hl. Franziskus hier ein Mädchenheim, das 1965 bezugsfertig war. 1967 erweiterten Schulgebäude und Werkstätten die Anlage. Das 100-jährige Bestehen von St. Ludwig im Jahr 2001 feierten das Franziskanerinnenkloster und die Abtei Münsterschwarzach gemeinsam. Ab 1997 entstanden auf dem Gelände des ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebs Gruppenhäuser, ein zentraler Pavillon und dazwischen ein Dorfplatz für Spiel und Begegnung im Freien. Die Leitung, Fachdienste und die Verwaltung zogen in das generalsanierte Hauptgebäude ein. Neu erbaut wurden Betriebsstätten für die Ausbildung in den Bereichen Hauswirtschaft, Gärtnerei und Damenschneiderei. Auch die Von-Pelkhoven-Schule wurde renoviert und ausgebaut. Seit der Neueröffnung 2003 ist die Einrichtung nach Antonia Werr (1813–1868), der Gründerin des Ordens, benannt. Sie dient weiterhin als heilpädagogische Jugendhilfeeinrichtung für besonders gefährdete Mädchen und junge Frauen, die sowohl durch die Schwestern als auch durch weltliche Fachkräfte Erziehungshilfe und Lernförderung erhalten. In der rund 50-jährigen Geschichte wurden rund 2000 junge Frauen betreut. Sie können vor Ort die Schule und Ausbildung absolvieren. Das Schwesternkonvent mit Oberin Schwester Agnella Kestler umfasst derzeit rund 15 Franziskanerinnen.
(Christine Riedl-Valder)
Link: http://www.antonia-werr-zentrum.de/



 

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