Tettenweis


 

GESCHICHTE

Tettenweis, Benediktinerinnen-Abtei St. Gertrud – Tochterkloster der Abtei Frauenwörth

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Zustrom in die Ordensberufe so groß, dass in fast allen Klöstern Platzmangel herrschte. Auch die Benediktinerinnenabtei Frauenwörth, die auf der Fraueninsel im Chiemsee beheimatet ist, konnte die Schar an Postulantinnen nicht mehr unterbringen. Man entschloss sich daher zur Gründung eines Tochterklosters. Unter Priorin Caecilia Trischberger (1899–1913) kam es im August 1899 zum Kauf des Schlossguts Tettenweis im Rottal aus dem Besitz von Graf Max von Löwenstein-Scharffeneck. Das Anwesen umfasste das 1797 erneuerte ehemalige Hofmarkschloss, ein Nebengebäude mit Verbindungsgang und elf Hektar landwirtschaftliche Fläche. Das neue Haus wurde unter das Patronat der hl. Gertrud von Helfta gestellt. Für den Anfang lag von kirchlicher und staatlicher Seite die Genehmigung für den Aufenthalt von 14 Professen vor. Bruder Clemens Kleiner OSB, ein erfahrener Baumeister aus der Abtei Emmaus in Prag, übernahm den Umbau der Räumlichkeiten für die Klausur. Mitte Oktober 1899 verließen Priorin Mater Bernarda Amtmann, elf Chorfrauen und eine Laienschwester Frauenwörth, um das neue Kloster zu beziehen. Damit waren – fast 100 Jahre nach der Schließung von Kloster Niedernburg in Passau – die Benediktinerinnen wieder im Bistum Passau vertreten. Sie hofften, in der Region Nachwuchs für den Orden gewinnen zu können.

Obwohl die Gemeinschaft am Anfang in ärmlichen Verhältnissen lebte, wuchs sie bis zum Ersten Weltkrieg beständig. Schon Ende Oktober 1899 konnte die erste Postulantin aufgenommen werden; im folgenden Jahr sechs weitere. Daher begann man bereits zwei Jahre nach der Gründung mit den Vorbereitungen für einen Neubau. Der Münchner Architekt Rieperdinger plante ein komplettes Monasterium nach Art der romanischen Klosterbauten von Cluny und Hirsau. Ab 1902, dem 600. Todesjahr der hl. Gertrud, begann der Ausbau. Am 14. September 1903 wurde die Klosterschule feierlich eröffnet. Auch die Landwirtschaft florierte und wurde 1907 mit einem neuen Ökonomiegebäude vergrößert. Der Konvent war mittlerweile auf 30 Nonnen angewachsen. 1916, im Todesjahr von Mutter Bernarda, zählte er 41 Mitglieder.

Unter Priorin Editha Gaßlhuber (Amtszeit 1917-1932)  hatte das Kloster während der Inflation der Nachkriegsjahre und der Geldentwertung 1923 große finanzielle Schwierigkeiten zu bewältigen. Bislang war der Unterhalt des Hauses vor allem mit den Zinsen aus den Mitgiften der Schwestern bestritten worden, die nun wegfielen. Als neue Erwerbsquellen entstanden  ab 1923 die Lebkuchenbäckerei, die Steppdeckennäherei und das Wachsatelier, gefolgt von der Paramentenstickerei und Hostienbäckerei. Diese Aktivitäten stärkten die Wirtschaftskraft des Klosters und erlaubten 1924 die Erhebung zur Abtei. Am 11. Februar 1925 wurde Priorin Mater Editha Gaßlhuber zur ersten Äbtissin gewählt und am 21. April durch Bischof Sigismund Felix von Ow-Felldorf im Beisein von Äbtissin Mater Benedikta Fensel vom Mutterkloster Frauenwörth feierlich in ihr Amt eingeführt. Im gleichen Jahr etablierte sich ein bis heute bestehender Gebets- und Förderverein des Klosters, der Herz-Jesu-Hilfsverein. Über dessen Aktivitäten berichtet seit 1940 der „Gertrudisbote“, eine Vierteljahresschrift des Ordens.

Auf Wunsch der Gemeinde Tettenweis wurde 1927 unter der Leitung der Schwestern im Erdgeschoss des Schlosses ein Kindergarten eröffnet, der bis in die Gegenwart besteht. Der ständig anwachsende Konvent erhielt 1935 einen Anbau. Dank seiner Mitgliederstärke konnte er sich auch an der Ausdehnung des Ordens beteiligen: 1938 übersiedelten zwei Tettenweiser Chorfrauen, Mater Rafaela Hoislmeier und Mater Hiltrudis Wings, nach Kopenhagen, um dort an einer benediktinischen Neugründung mitzuwirken.

Vor und im Zweiten Weltkrieg häuften sich die Repressalien des NS-Regimes gegenüber dem Kloster. Zunächst gab es Einquartierungen von Flüchtlingen und Kindern aus Norddeutschland. Es folgte das Verbot zur Aufnahme von Postulantinnen. Die Landarbeiter wurden abkommandiert und die Schwestern mussten die Feldarbeit selbst besorgen. Nur die Übernahme so genannter kriegswichtiger Funktionen für den Fliegerhorst Pocking bewahrte den Konvent vor der Auflösung. Mater Elisabeth Strehle (gest. 1985) musste für drei Jahre nach Tutzing, um im dortigen Lazarett bei der Pflege verwunderter Soldaten zu helfen. Im Februar 1944 erlagen fünf Schwestern einer Grippe-Epidemie. Noch am 25. April 1945 versuchte die SS, das Kloster zu beschlagnahmen. Nur durch die Unterstützung von Bürgermeister Frankenberger und des Stabsarztes, der hier ein Lazarett einrichten wollte und die Schwestern zur Pflege brauchte, wurde dieses Unheil abgewendet. So nahm der Konvent zeitweise über 100 Flüchtlinge auf. Die Nachkriegsjahre waren von vielen Neueintritten und dem schwierigen Unterfangen eines Kirchenneubaus geprägt. Am 15. Oktober 1949 nahm Bischof Simon Konrad die Weihe des neuen Gotteshauses vor. Die Fertigstellung der Ausstattung dauerte jedoch weitere neun Jahre. Um 1960 erreichte das Kloster seinen höchsten Personalstand von 89 Schwestern.

Unter Äbtissin Michaela (gest. 1967) öffnete sich das Kloster stärker der Öffentlichkeit. Erstmals wurden Meditationskurse und Einkehrtage angeboten. Die nachfolgende Äbtissin Emmanuela Aichinger (Amtszeit 1967-1992) hatte ab den 1970er-Jahren mit stark rückläufigen Klostereintritten zu kämpfen und eine Reihe von Baumaßnahmen durchzuführen. 1968 wurde das Feichtnerhaus (Klosterstraße 7) mit dazugehörigem Grund erworben und als Mietwohnhaus hergerichtet. Der Neubau St. Scholastika, in dem Vorratsräume, die Krankenstation, Schwesternzimmer und Räume für die Paramentenstickerei untergebracht wurden, schloss 1971 das Geviert des Klosters zur Kirche hin. 1972 stand die Sanierung der älteren Klostergebäude und 1975 die Außenrenovierung mit einer neuen Farbfassung in warmem Rotton an. Damals gehörten zum Konvent noch rund 70 Nonnen. 1980 musste das alte Nebengebäude wegen Baufälligkeit abgerissen werden. An seiner Stelle entstand der Neubau, der 1981 den Namen „St. Benedikt“ erhielt. Er beherbergt im Erdgeschoss die Steppdeckennäherei und den Klosterladen, im 1. Stock die Feinbäckerei sowie einen Saal für größere Veranstaltungen und im 2. Stock Appartements. 1985 wurde das alte Schreinereigebäude durch ein neues Haus ersetzt. Seit 1987 ist das Kloster Mitglied der neu gegründeten Föderation der Bayerischen Benediktinerinnenabteien, zu der Nonnberg in Salzburg, Frauenwörth im Chiemsee, St. Walburg in Eichstätt, Maria Frieden in Kirchschletten, Saint Walburg in Virginia Dale (USA) und das Priorat Saint Emma in Greensburg (USA) gehören.

Als vierte Äbtissin von St. Gertrud wurde am 13. Dezember 1992 Bernarda Schmidt von Bischof Franz Xaver Eder geweiht. Unter ihrer tatkräftigen Leitung entstand anstelle des alten Gästehauses bis 1995 das moderne Haus „Maria Rast“, das seitdem ein Veranstaltungsprogramm und Gasträume anbietet. 1999 beging St. Gertrud mit Bischof Franz Xaver Eder und der Gemeinde Tettenweis ein dreifaches Jubiläum: den 50. Jahrestag der Abtei-Kirchweihe, den 100-jährigen Gründungstag des Klosters sowie den 75. Jahrestag der Erhebung zur Abtei. Im selben Jahr wurde die Hostienbäckerei eingestellt und eine Nudelproduktion begonnen. Auch die Tierhaltung hat man aufgegeben und die landwirtschaftlichen Nutzflächen seitdem verpachtet. Als Folge des Personalmangels mussten 2002 der Klosterladen und die Buchbinderei geschlossen werden. Der Konvent der Benediktinerinnen von Tettenweis hat sich mittlerweile wieder auf die Mitgliederzahl aus den Anfängen reduziert. Das Kloster erwirtschaftet seinen Unterhalt heute durch seinen Kindergarten, das Gästehaus, eine Steppdeckennäherei, ein Wachsatelier und die hauseigene Nudelproduktion. Im Gästehaus des Klosters eröffnete der Kreis-Caritasverband Anfang 2015 eine Inobhutnahmestelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

(Christine Riedl-Valder)

Link:

http://www.sankt-gertrud.de/ 



 

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