Röhrmoos


 

GESCHICHTE

Röhrmoos, Franziskanerinnenkloster Schönbrunn – Umfassende Förderung behinderter Menschen

Die Sozialreformerin Gräfin Viktoria von Butler-Haimhausen (1811–1902) engagierte sich mit Unterstützung des bayerischen Königshauses tatkräftig für bedürftige Mitmenschen. 1861 gründete sie in München die „Association der Diener und Dienerinnen der göttlichen Vorsehung“, eine religiöse Gemeinschaft, die sich der Betreuung und Pflege armer und hilfsbedürftiger Menschen widmen sollte. Gleichzeitig eröffnete sie in Haimhausen ein „Armen-Mädchenhaus“. Ein Jahr später erwarb sie für die Gemeinschaft das damals stark renovierungsbedürftige Schloss der ehemaligen Hofmark Schönbrunn, um hier eine Einrichtung für weibliche Personen mit geistiger Behinderung und eine Ausbildungsstätte für mittellose junge Mädchen zu schaffen. Im August 1863 nahm die Gräfin zusammen mit fünf Frauen aus der Münchner Schwesterngemeinschaft die Arbeit in Schönbrunn auf. Von Anfang an legte die Gründerin großen Wert auf die Weiterentwicklung und Bildung ihrer Schützlinge. Alle lernfähigen „Pfleglinge“ erhielten bereits ab 1863/64 Unterricht in den Elementarfächern. Anfangs traten viele Frauen der Initiative bei; mehr als die Hälfte von ihnen verließ aber die Institution in Schönbrunn bald wieder. Auch Gräfin Victoria zog sich um 1869 aus ihrer Gründung zurück.

Erster Direktor und geistlicher Leiter war Sebald Kanzler (bis 1884), der die Einrichtung zusammen mit seiner Schwester Angela, der ersten Oberin, führte. Das Geschwisterpaar weitete die Aufgaben der Anstalt auf die Pflege und Erziehung behinderter und hilfsbedürftiger Menschen aller Art und jeglichen Alters, Standes, Konfession und Nation aus. Von Anfang an lebten die Schwestern nach dem Familienprinzip mit den betreuten Menschen in einzelnen Wohngruppen zusammen. Zwischen 1867 und 1873 wurden zahlreiche Dienstleistungs- und Handwerksbetriebe in Schönbrunn begründet, darunter eine Brauerei, Ziegelei, Seifensiederei, Buchbinderei, Strickerei und Schuhmacherei. Auch die Freizeitgestaltung und das kulturelle Leben fanden Berücksichtigung mit der Einrichtung einer Kegelbahn, eines Karussells und eines Theaters. Als der 1866 im Obergeschoss des Schlosses eingebaute Betsaal zu klein wurde, ließ man 1881 eine neue Kirche errichten.

Um 1910 entschloss sich die Schwesterngemeinschaft, dem III. Orden des Hl. Franziskus von Assisi beizutreten. Am 13. Januar 1911 erhielt sie die Bestätigung ihrer neuen Ordensregel und die kirchenrechtliche Anerkennung als Kongregation bischöflichen Rechts. Im Ersten Weltkrieg sicherte die große Landwirtschaft, die zum Kloster gehörte, die Versorgung der Bewohner und Schwestern. 1920 wurde das Haus St. Bonifaz errichtet, um die Wohnsituation der mittlerweile 475 Pfleglinge zu verbessern. Ab 1930 erfolgten der Ausbau der technischen Infrastruktur und der Neubau von drei weiteren Wohnhäusern. 1936 belief sich die Zahl der Betreuten auf über 1200 Personen. Viele von ihnen fielen in den folgenden Jahren der menschenverachtenden Ideologie des Naziregimes zum Opfer. Ein Mahnmal, angebracht an der Südseite der Kirche, erinnert heute an die aus Schönbrunn deportierten Kinder, Frauen und Männer, die ermordet wurden. Die Tafel verzeichnet jeden Namen in einer anderen Schrift, um so auf die Einzigartigkeit jedes Menschen zu verweisen. Am bundesweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) wird jährlich an dieses grauenvolle Verbrechen erinnert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten der wirtschaftliche Wiederaufbau und die Modernisierung der Landwirtschaft. 1946 begründeten die Franziskanerinnen von Schönbrunn im ehemaligen Pfarrsitz Harpfetsham (Lkr. Traunstein) ein Tochterkloster mit Ökonomie und Bildungshaus. 1960 lebten über 1300 betreute Menschen und rund 370 Schwestern im Kloster Schönbrunn. In der Folgezeit zwang der zunehmende Mangel an Ordensnachwuchs, auch weltliche Fachkräfte wie Heilerziehungspfleger/innen und Erzieher/innen zur Mitarbeit in den Wohngruppen einzustellen. 1974 eröffnete die Johannes-Neuhäusler-Schule mit angegliederten Wohnhäusern für Kinder und Jugendliche, die insbesondere schwer mehrfachbehinderten Patienten Betreuung, Beschäftigung und Ausbildung bietet. Nach einer Generalsanierung der Klosterkirche St. Josef (1922 errichtet; 1932 erweitert) nahm Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., am 25. August 1985 die feierliche Neueinweihung vor. Damals gehörten dem Konvent rund 270 Schwestern an. Das Jubiläumsjahr „125 Anstalt Schönbrunn und 75 Jahre Franziskanerinnen von Schönbrunn“ 1986 wurde zum Ausgangspunkt für eine Neustrukturierung der gesamten Institution, die nun verschiedene Wohnbereiche, eine Kinder- und Jugendabteilung mit Schule, eine heilpädagogische Tagesstätte, einen Integrationskindergarten, eine Werkstatt für behinderte Menschen und eine Förderstätte umfasste. Um die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter/innen in der Behindertenhilfe zu sichern, wurde 1990 die Akademie Schönbrunn und die Fachschule für Heilerziehungspflege auf einem neu erworbenen Anwesen in Gut Häusern gegründet und in den folgenden Jahren durch weitere Berufsfachschulen ergänzt. Die 1994 in „Franziskuswerk Schönbrunn“ umbenannte, nun unter weltlicher Geschäftsführung stehende Institution hatte sich damit zu einer der größten Einrichtungen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung in Bayern entwickelt. In den letzten Jahren erfolgte eine stetige Erweiterung des Angebots durch ein Seniorenzentrum (2000), eine Frühförderstelle (2001), die Edith-Stein-Förderstätte (2002), ein Heilpädagogisches Kinderhaus (2004), Haus Immanuel für Menschen mit Autismusspektrum-Störung (2010), die Einrichtung integrativer Klassen in umliegenden Schulen und die Übernahme der Trägerschaft für eine Reihe von Kindergärten.

2010 beschäftigte der Orden in seinen Einrichtungen rund 1400 Mitarbeiter; die Anzahl der Franziskanerinnen belief sich auf 97 Schwestern, die in den Klöstern Schönbrunn und Harpfetsham wirkten.

(Christine Riedl-Valder)

Link:

http://franziskanerinnen-schoenbrunn.de/

 

 

 

 

 



 

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