Furth, Hauptsitz der Maristenbrüder – Erziehungs- und Bildungsarbeit in ganz Bayern
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, mussten die deutschen Mitglieder des Maristenklosters im belgischen Arlon das Land verlassen. Sie gründeten im Ruhrgebiet (Recklinghausen) und in Bayern – in Furth bei Landshut – die ersten deutschen Niederlassungen des Ordens. Die Schlossherrin und Gutsbesitzerin Baronin Philomena von Hornstein (1858-1943) überließ den Brüdern ihre neu erbaute Villa mit großem Grundstück. Die Kommunität bezog das Gebäude am 25. Januar 1915 mit rund 30 Mitgliedern und richtete hier auch die Ausbildungsstätte für den Ordensnachwuchs ein. Ende Mai 1915 legten die ersten fünf Novizen in der Dorfkirche von Furth ihre Gelübde ab. Von Furth aus wurden in den Folgejahren die Brüder zur pädagogischen Ausbildung entsendet, später als Lehrer und Erzieher in neue Einsatzorte in ganz Bayern, unter anderem 1915 nach Augsburg an das Ludwigsinstitut der Benediktiner der Abtei St. Stephan und an das „Königliche Lehrerseminar“ in Freising, 1919 nach Straubing (Scholastikat im Karmelitenkloster), 1920 nach Eschlbach und Gangkofen, wo die Brüder Waisenhäuser übernahmen. In Neuherberg entstand 1922 für jugendliche Straftäter eine Erziehungsanstalt mit Volksschule, Berufsschule und Werkstätten.
An ihrem Hauptsitz in Furth errichteten die Brüder 1917 neben ihren Werkstätten eine große Ökonomie, nachdem sie wiederum von ihrer Gönnerin Baronin von Hornstein 60 Tagwerk Ackerland zur Bewirtschaftung erhalten hatten. 1921 pachteten sie zudem den Gutshof und die Schlossbrauerei aus dem Besitz der Baronin, um die wirtschaftliche Grundlage des Klosters abzusichern.
Aus den deutschen Niederlassungen des Ordens entstand 1920 ein neuer Ordensdistrikt. Furth wurde zum Provinzialhaus und Frater Josef Verius Porta zum ersten Oberen bestimmt. Sein Nachfolger Frater Leo Dorvaux (1929-1945) leitete den Distrikt durch die schwierige Zeit während der NS-Herrschaft. 1937 wurden alle katholischen Schulen und Internate in Bayern geschlossen. Auch die Maristen in Furth waren damit ihres Berufs beraubt. Viele Ordensleute verließen Deutschland, um als Missionare im Ausland, vor allem in Südamerika, zu arbeiten. Das Noviziat wurde aufgegeben. Es herrschte akuter Personalmangel, da ein Großteil der verbliebenen Brüder zum Arbeits- und Militärdienst einberufen wurde und nicht wenige von ihnen in Polen und Russland ihr Leben ließen. Mithilfe der Haller Schulschwestern konnte der Haushalt vorerst weitergeführt werden. Das 1940/41 beschlagnahmte Kloster diente der Hitlerjugend, dem Bund Deutscher Mädchen, Vertriebenen und Aussiedlern als Quartier; 1942 wurde ein Reservelazarett eingerichtet; von 1943 bis 1947 war hier eine Blindenschule untergebracht. Während dieser Zeit fanden die Maristen Unterschlupf im Further Schloss der Baronin Hornstein. Nach ihrem Tod 1943 gingen die Villa und die Schlossbrauerei in den Besitz des Ordens über.
1946 konnten die Einrichtungen zur Bildung des Ordensnachwuchses, das Noviziat und Juvenat, wieder eröffnet werden. Bis 1953 erfolgten ein Neubau der Anlage mit Klosterkirche, die Wiedereröffnung aller Handwerksabteilungen (Bäckerei, Metzgerei, Schuhmacherei, Schreinerei, Gärtnerei, Schneiderei), der Landwirtschaft und Brauerei sowie die Ansiedlung der ordenseigenen Druckerei, die 1938 in Neuherberg geschlossen worden war. Zur Blütezeit um 1960 umfasste die Kommunität in Furth rund 60 Brüder. Das 50-jährige Jubiläum der deutschen Ordensprovinz wurde am 15. Dezember 1964 in Furth mit dem Regensburger Bischof Graber feierlich begangen. Das Regensburger Ordinariat hatte im selben Jahr die Brauerei der Brüder erworben (1993 an die Brauerei Rauchenegger, Hohenthann, weiterverkauft; das Gebäude wurde 2009 abgerissen). 1964 öffnete auch die Maristen-Oberrealschule mit Realgymnasium in Furth ihre Pforten. Sie erhielt 1976 die staatliche Anerkennung. 1995 konnte das Gymnasium in einen Neubau umziehen.
Ein neues wirtschaftliches Standbein fand sich ab 1985 durch die Verlegung der deutschen Produktion des „Maristentranks“, eines Kräuterschnaps und -likörs, von Recklinghausen nach Furth. In einer neuen Destillationsanlage werden seitdem die Spezialitäten „Arquebuse“ und „Hermite“ hergestellt. Fehlender Ordensnachwuchs führte jedoch im Jahr 2000 dazu, dass Deutschland seinen Status als eigenständige Provinz verlor und seitdem zur neuen internationalen Provinz Europa-Zentral-West gehört mit Hauptsitz in Nimwegen (Niederlande). Wegen Personalmangel übergaben die Further Maristen ihr Gymnasium 2006 an das Schulwerk der Diözese Regensburg. Bereits 2002 war die Druckerei verkauft worden. 2013 gehörten dem Orden in Deutschland noch 35 Brüder an.
(Christine Riedl-Valder)
Link:
http://www.maristen.org